Nur zu seltenen Anlässen, etwa zum Tag des Offenen Denkmals oder zu Sonderführungen, ist die Gruft unter der Parochialkirche in Mitte geöffnet. Die gemauerten Gewölbe sind niedrig, es ist kalt. Und durch die Gänge zieht ein gleichmäßiger Luftstrom. Holztüren aus schlichten Latten schließen die Grabkammern ab, durch die Zwischenräume sieht man dahinter die Holzsärge stehen, in Kammer Nummer 18 die von vielen Kindern.

147 Särge

Einzigartig ist diese Anlage unter der ab 1695 errichteten Parochialkirche, das haben jetzt neueste Untersuchungen des Landesdenkmalamtes ergeben. So sind zum Beispiel die Lattentüren, die abgesehen von Eisenbeschlägen wie Kellertüren in in einem ganz normalen Wohnhaus aussehen, historisch bedeutsam. Die Denkmalpfleger haben jetzt den Nachweis erbracht, dass die 25 noch erhalten Türen schon bei der Errichtung der Kirche eingebaut wurden und damit über 300 Jahre alt sind. „Wir haben hier den größten Bestand an originalen barocken Grabkammertüren in Europa“, sagt Karin Wagner vom Landesdenkmalamt. 147 Särge stehen noch in der Gruft. Darunter sind 30 original verschlossene Särge, die von den Wissenschaftlern wegen der Totenruhe auch nicht geöffnet wurden. In anderen Särgen ruhen laut Wagner 32 gut mumifizierte Tote, die ebenfalls nicht untersucht wurden.

Die Erkenntnisse der vergangenen Jahre sowie die Geschichte der Parochialkirche und ihrer Zerstörung im Mai 1944 hat das Landesdenkmalamt nun in einem großen Band auf knapp 300 Seiten dokumentiert. Das Buch ist im Michael Imhof Verlag erschienen und wurde am Dienstag vorgestellt. Beschrieben wird darin auch die Restaurierung der Kirche nach der Wiedervereinigung von 1990 bis 2005. Der Turmstumpf ist wiederhergestellt, ebenso das Kirchenschiff und die helle Putzfassade. Auch der Kirchhof wurde rekonstruiert.

Die Arbeiten an der Kirche gehen aber weiter. Denn noch in diesem Jahr verschwindet eine Kriegswunde, die Kirche erhält wieder einen Turm. Auf der Klosterstraße werden tonnenschwere Stahlteile etwa für das Glocken- sowie das künftige Uhrengeschoss zusammengesetzt. Und von Planen verborgen wird schon eine Holzkonstruktion mit Kupferblech verkleidet.

„Im Juni werden wir den Turm mit einem großen Kran montieren“, sagt Architekt Jochen Langeheinecke aus Werneuchen (Barnim). Er begleitet seit 1991 die Rekonstruktion der Barockkirche und hat auch für den Turm die Planung erarbeitet. Der wird abgeschlossen mit dem sogenannten Kaiserstiel, der Turmspitze – sie wird in 65 Meter Höhe von einer 1,20 Meter großen Sonne gekrönt.

52 Bronzeglocken

Über 70 Jahre nach der Zerstörung wird dann auch ein neues Glockenspiel installiert. Statt einst 37 wird das neue Spiel 52 Bronzeglocken haben. Sie wurden schon von der Glocken- und Turmuhrenfabrik Eijsbouts in den Niederlanden gegossen. Langeheinecke war vor drei Wochen bei der Tonprobe, der Klang sei exzellent, sagt er. Gespielt werden kann das Carillon digital aber auch manuell. Für die Installation sowie den abschließenden Ausbau des Turms benötigt der Architekt etwa acht Wochen. Im August soll der Turm fertig sein.

Ermöglicht wird der Bau durch eine Privatspende sowie durch Lottomittel. Die Kosten betragen 3,5 Millionen Euro. Die Parochialkirche wird künftig vor allem ein Ausstellungsort sein. Dazu plant die Kirchengemeinde eine Zusammenarbeit mit der Stiftung Kirchliches Kulturerbe sowie mit der Universität der Künste.