In der DDR kursierte ein Witz: „Was macht man, wenn man in der Wildnis einer Schlange begegnet?“ Die Antwort: „Erst einmal hinten anstellen.“ Vielleicht gab’s ja irgendwas Besonderes: Orangen, Lizenz-Schallplatten, Trink-fix? 

Die Menschen haben zu allen Zeiten immer wieder angestanden. Das begann schon in der Steinzeit-Höhle, wenn die fettesten Mammutstücke verteilt wurden. Das setzte sich in der Antike fort. Viele kennen die blasphemische Szene aus dem Film „Das Leben des Brian“, als die Delinquenten zur Kreuzigung anstanden und ermahnt wurden: „Jeder nur ein Kreuz!“ Und betrachtet man – jetzt mal ganz ernsthaft – die Bilder aus den letzten hundert Jahren, dann sieht man Schlangen über Schlangen: vor der Armenküche, vor dem Arbeitsamt, vor Läden. Oder auch: im Sommer vor dem Strandbad oder vor dem Flug ins Ferienresort.

Doch hätte man geahnt, dass die langen Schlangen auf diese Weise wiederkehren? Tausende stehen in diesen Tagen an, um sich eine Spritze in den Arm drücken zu lassen. Es gibt also noch genügend Leute, die nicht denken, dass kalt waschen und das Knabbern von Mohrrüben genügen, um das Virus abzuwehren.

Auch ich habe mich in der Frankfurter Allee in eine gewundene Schlange mit etwa 150 Leuten gestellt, um mich am Fenster einer Arztpraxis boostern zu lassen. Am Fenster! Wie beim Kauf einer Currywurst! Eins, fix, drei – Arm frei und rein.

Später sagte eine meiner Töchter: „Ich würde gern mal ’ne Studie machen, ob Ex-DDR-Bürger geduldiger Schlange stehen.“ Ich kann dazu sagen, dass ich eher ungeduldiger war als die Leute um mich her, die großenteils noch jung waren. Sogar als jemand die Reihe ablief und sagte, es seien noch 50 Impfdosen da, blieben die meisten eisern stehen und tippten ungerührt auf ihren Handys herum. Es gab keine Aufregung, keinen Unmut.

Harmsen
Das Impffenster – ein „Geheimtipp“, der bald keiner mehr war.

Ich hoffte ja auch insgeheim, dass irgendwo in der Praxis noch weitere Impfdosen wachsen würden. Erst als jemand kam und sagte, es seien jetzt nur noch zehn Dosen da, zählte ich die 20 Leute vor mir ab und machte mich auf den Weg. Für heute gab’s keine Chance mehr! Da kann man als Berliner nur sagen: „Erst willste schnell boostern, dann stehste im Dustern.“

Als ich mich umdrehte, sah ich, dass 70 Leute weiter ungerührt stehen blieben. Fazit: Die heutigen jungen Leute sind schafsgeduldig, weil vom Handy absorbiert – und außerdem nicht gut in Mathe.