An einem Baum prangt ein Kreuz, an einem anderen ein Transparent: „Wir wollen bleiben.“ Wer durch die Kastanienallee im Berliner Nordosten fährt, der bekommt vor Augen geführt, dass radikale Änderungen geplant sind. 92 Bäume sollen laut Bezirk gefällt werden – unter anderem, damit Radfahrstreifen entstehen können. Die Tempo-30-Schilder sollen ebenfalls verschwinden, auch mehrere Parkplätze im Ostteil. Kein Wunder, dass Anwohner rebellieren. „Was Senat und Bezirk hier planen, ist eine Schnellstraße, die durch ein Wohngebiet verläuft“, sagte Thomas Zoller vom Verein für nachhaltige Verkehrsentwicklung. Am Mittwoch gibt es eine Bürgerversammlung.

Die Kastanienallee führt durch Rosenthal. In dem Pankower Ortsteil mit dem idyllischen Namen gibt es viele Einfamilienhäuser, Gärten, Bungalows, inzwischen auch Mehrfamilienhäuser. Doch bereits heute ist die Kastanienallee keine ruhige Wohnstraße. Sie ist als Teil des übergeordneten Straßennetzes klassifiziert – und das spürt man. „Hier sind jetzt schon unerträglich viele Lkw im Durchgangsverkehr unterwegs“, so Zollers Mitstreiter, der 49-jährige Vertriebsmitarbeiter Ingo Baenisch.

Nächstes Jahr soll es losgehen

Der Westabschnitt wurde bereits erneuert. Seit 2015 ist klar: Das 1,2 Kilometer lange Teilstück zwischen Friedrich-Engels- und Dietzgenstraße wird ebenfalls neu gebaut. „Ziel ist, die Straße in einen funktionstüchtigen und verkehrssicheren Zustand zu versetzen, damit sie den Anforderungen wieder gerecht werden kann“ sagte Matthias Tang, Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne).

Die Kastanien, Linden, Robinien und Salix’ am Rand sind geschädigt, viele wurden bereits gefällt. Regenwasserkanalisation gibt es ebenso wenig wie Angebote für den Fahrradverkehr. Im Frühjahr 2019 könnten die Arbeiten starten. Dauer: drei Jahre. Kosten: 4,4 Millionen Euro.

Martina Lafuente vom Straßen- und Grünflächenamt Pankow erklärte, wie die Kastanienallee aussehen soll. Pro Richtung ist ein 3,25 Meter breiter Fahrstreifen mit lärmarmem Asphalt für Autos und Lkw vorgesehen. Daneben wird in jede Richtung eine Fahrradspur markiert – bis zur Eschenallee 2,25 Meter, östlich
davon 1,50 Meter breit.

„Was hier entsteht, ist eine Einladung an Pkw- und Lkw-Fahrer, die Kastanienallee im Durchgangsverkehr zu nutzen“, sagte Thomas Zoller. Der 47-jährige Mediziner stört sich wie seine Mitstreiter daran, dass „ein grünes Ortsbild zerstört wird, das über Jahrzehnte hinweg gewachsen ist“. Viele Bäume und der grüne Mittelstreifen sollen verschwinden. Zwar soll es 52 Neupflanzungen geben – allerdings werden die Kastanien zum Teil anderswo stehen. Im Ostteil der Kastanienallee wird künftig kaum noch Platz für Bäume sein. Baenisch: „Damit Radfahrstreifen markiert werden können, soll auch der Großteil der Parkplätze entfernt werden.“

Bürgerversammlung am Mittwoch

Heute können Anwohner auch zwischen Eschenallee und Dietzgenstraße noch vor der Tür parken, auf rund 40 Parkplätzen. 25 sollen übrig bleiben, so Lafuente. Auf dem anderen Abschnitt soll die Zahl der Stellplätze durch Schrägparken sogar steigen – von rund 60 auf 93. Damit sei auf Kritik von Bürgern reagiert worden, teilte die Planerin mit. Doch die Zahl der Parkplätze werde auch künftig nicht reichen, entgegnet Baenisch: „Rund 140 Wohnungen werden hier gerade gebaut.“ Viele Familien und Ehepaare hätten zwei Autos, auch bei ihm sei das so.

„Alle Politiker sagen, dass Berlin lebenswerter werden soll, dass Durchgangsverkehr reduziert werden soll – hier soll das Gegenteil geschehen, und das unter einer rot-rot-grünen Koalition“, sagt Zoller. „Das passt nicht. Da müsste es den Politikern eigentlich klar sein, dass es Ärger mit den Anwohnern gibt.“

Nun wird mit Planern und Politikern diskutiert. Für den 24. Januar, 19 Uhr, lädt der Bürgerverein Dorf Rosenthal zu einer Diskussion in die Vereinsgaststätte Einigkeit (Kräuterplatz 3). Dann wollen Zoller und Baenisch ihre Alternativ-Idee vorstellen: eine Tempo-30-Straße ohne Radstreifen, aber mit Parkplätzen. Bei Tempo 30 signalisierte der Senat Kompromissbereitschaft. „Wenn erforderlich, kann unter Berücksichtigung bestimmter Voraussetzungen auch nach Abschluss der Erneuerungsarbeiten Tempo 30 angeordnet werden“, teilte Tang mit.