In einem Jahr ziehen Künstler in die Villa Heike in Hohenschönhausen

Berlin - Die Fassade ist steingrau, an vielen Stellen bröckelt Putz. Die großen Fenster sind blind – zugemauert oder mit Pappe vernagelt. Eine beinahe unheimliche Ausstrahlung geht von der imposanten Villa Heike unweit der Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen aus, seit einem Vierteljahrhundert rottet sie vor sich hin. Wer die Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis besucht, lässt die Ruine meist links liegen. Hier hatte das Ministerium für Staatssicherheit sein geheimes Archiv mit NS-Akten untergebracht, seit kurz nach der Wende steht sie leer.

Sanierung ab Oktober

Doch jetzt wollen Künstler in der alten Villa Ateliers und Büroräume einrichten. Im Oktober beginnen die Bauarbeiten, in einem Jahr wollen die neuen Eigentümer in das sanierte Haus mit seinen 1800 Quadratmetern Grundfläche einziehen. Vorher aber ist die imposante Villa am Tag des offenen Denkmals am kommenden Wochenende für die Öffentlichkeit zugänglich, in Führungen wird über seine Geschichte informiert.

Richard Heike, Hersteller von Fleischereimaschinen, hatte den Bau 1910 als Geschäfts- und Wohnhaus errichten lassen. In einem prächtigen, aber nicht ganz stilsicheren Saal im Erdgeschoss befand sich zwischen Imitaten dorischer Säulen und Jugendstil-Stuck die Verkaufsfläche des Unternehmens. Oben wohnte der Firmenchef mit seiner Familie. Den Zweiten Weltkrieg überstand das Haus beinahe unbeschadet, der Hausherr jedoch kam ums Leben. Sowjetische Soldaten erschossen ihn 1945, weil er sowjetische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter beschäftigt hatte.

Der sowjetische Geheimdienst nutzte das Gebäude bis 1951, dann übergab er es an die Stasi. Die lagerte dann ab Ende der 50er-Jahre alle NS-Akten ein, derer sie habhaft werden konnte. Dazu gehörten umfangreiche Bestände des Volksgerichtshofes, der Gestapo und der politischen Polizei. Auch Akten, die der sowjetische Geheimdienst zunächst nach Moskau gebracht hatte, kamen nach Hohenschönhausen.

Historiker konnten allerdings nicht mit den Dokumenten arbeiten und die Staatsanwaltschaften erst, wenn es die Stasi für opportun hielt. Oft nutzte das das MfS sein Material aber auch, um ehemalige Nazis unter Druck zu setzen und anzuwerben – sowohl in der DDR wie auch in der Bundesrepublik. Doch die Dokumente hatten noch eine andere Funktion. „Sie waren ein Munitionslager für Kampagnen gegen Politiker aus der Bundesrepublik“, sagt Hubertus Knabe, Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen. „Und damit war die Stasi sehr erfolgreich.“ Die Fälle von Hans Globke, dem Mitverfasser der Rassengesetze und Kanzleramtschef unter Adenauer, und dem Bundespräsidenten und KZ-Architekten Heinrich Lübke sind wohl die bekanntesten.

Die Sanierung des geschichtsträchtigen Gebäudes soll knapp zwei Millionen Euro kosten. Sie ist für die Architekten eine Herausforderung. „Wir befinden uns in einem Zielkonflikt zwischen den Vorstellungen der Bauherren, dem Denkmalschutz und letztlich auch den Wünschen der Historiker aus der Stasi-Gedenkstätte“, sagt der Architekt Christof Schubert. Das Gebäude soll jenen architektonischen Glanz zurückerhalten, den es in der Zeit seiner Entstehung vor rund 100 Jahren ausstrahlte. Von der Stasi-Nutzung wird nach der Fertigstellung im kommenden Jahr praktisch nichts mehr zu sehen sein. „Wir werden die Geschichte nicht wegsanieren, aber dies wird auch keine Fortsetzung der Gedenkstätte“, so Schubert. Doch Architekten und Eigentümer seien sehr an der Geschichte interessiert, sie suchen nach Zeitzeugen und Dokumenten. Bislang haben sie wenig gefunden.

Ohne Voranmeldung kann die Villa Heike am Tag des offenen Denkmals (9. und 10. September) besichtigt werden. Adresse: Freienwalder Straße 17. Bau- und zeitgeschichtliche Führungen 11, 13 und 15 Uhr.

Verbindung: Straßenbahn 16, M5, M6.