Berlin - Baumkronen bilden ein Dach aus Blättern, eine Wiese ist der Boden, Baumstümpfe sind die Stühle. Sogar eine richtige Tafel gibt es. Willkommen im grünsten Klassenzimmer der Hauptstadt! Im Tierpark Berlin wurde es jetzt eröffnet.

Tierpark-Gründer Heinrich Dathe (1910-1991) würde staunen. Denn das Klassenzimmer mitten in der Natur steht genau in seinem einstigen Garten, der sich am Rande des Areals des Hauptstadtzoos in Friedrichsfelde befindet. Sein Haus dahinter ist bereits seit sechs Jahren die Tierpark-Schule, in der Kinder aus Berliner Schulklassen viel über Tiere und Pflanzen lernen können.

Nun kommt das Klassenzimmer im Freien dazu. Die ersten Schüler, die es am Eröffnungstag in Besitz nehmen dürfen, sind 14 Sieben- und Achtklässler aus dem Zoologie-Kurs der nahen Lichtenberger George-Orwell-Schule. Die Mädchen und Jungen erleben in der ersten Unterrichtsstunde eine ganz besondere Premiere. Denn zur Einweihung des grünen Klassenzimmers ist auch Tierpark-Chef Andreas Knieriem (55) erschienen. Und er ist es, der schließlich an der Tafel steht und sich zum ersten Mal in seinem Leben als Lehrer präsentiert. 

Es wird ein lockerer Unterricht. Unterhaltsam erklärt Knieriem den Kindern anhand von Tier-Präparaten aus der Tierpark-Schule, dass etwa auch Giraffen ein ganz dickes Fell haben. Oder er macht mit ihnen Quizrunden. Knieriem hält zwei Hörner hoch, die Schüler sollen erraten, von welchem Tier sie stammen. „Von einer Ziege“, rät Angelina (13). Marc (14) weiß es besser. „Es sind Hörner von einem Mufflon“, sagt er und liegt damit goldrichtig. Der Tierpark-Chef erklärt, dass die Hörner von Mufflons nicht wie ein Geweih bei Hirschen abfallen, sondern immer weiter wachsen. 

Cooler Unterricht mit dem Tierpark-Chef

Am Ende seiner Stunde sagt Knieriem der Klasse: „Was wir mit unserem grünen Klassenzimmer erreichen möchten, ist, dass ihr euer Herz für die Natur entdeckt. Dass ihr lernt, dass die Natur wichtig für unser aller Leben ist, dass man sie daher bewahren und schützen muss.“ Schüler Aron (13) nickt zustimmend. „Der Tierpark-Direktor ist echt cool“, meint der Junge. 

Es wird noch cooler. Begeistert scharen sich die Schüler um eine kleine Ägyptische Landschildkröte, die ihnen die Chefin der Tierpark-Schule, Svenja Eisenbarth (34), zeigt. Die Schüler tasten ganz vorsichtig das Reptil ab, um festzustellen, wie hart sein Panzer und wie weich der Kopf ist. Mani-Mani, so heißt die Schildkröte, nimmt die Berührungen gelassen hin. Sie ist Schulklassen gewöhnt, schließlich lebt sie im Innern der Tierpark-Schule in einem Terrarium. 

Die Leiterin der Schule macht mit dem Unterricht weiter. Die Biologin erzählt, dass sie und ihre Mitarbeiter das grüne Klassenzimmer während des Lockdowns aufgebaut haben, als die Tierpark-Schule geschlossen war, deren Innenräume wegen der Corona-Maßnahmen auch weiter zu bleiben müssen. Aber mit dem Klassenraum im Freien könne nun der Schulbetrieb im Tierpark wieder aufgenommen werden. Pünktlich zur Senatsempfehlung an die Schulen, wegen Corona die letzte Schultage vor den Sommerferien mit Exkursionen an der frischen Luft zu verbringen, sei es fertig geworden. „Viele Klassen werden bestimmt das Angebot nutzen. Vor allem, wenn in der nächsten Woche die Projekt-Tage an den  Schulen beginnen“, sagt Eisenbarth. Auch für die Ferien sind Veranstaltungen in Planung.

Gerd Engelsmann
Svenja Eisenbarth ist die Chefin der Tierpark-Schule. In ihrem Unterricht im grünen Klassenzimmer zeigt sie den Kindern die Ägyptische Landschildkröte Mani-Mani.

Die Chefin der Tierpark-Schule zeigt den Kindern, dass das grüne Klassenzimmer viel größer als der Rasen mit den Baumstümpfen und der Tafel ist. Schließlich ist der einstige Garten des Tierpark-Gründers Dathe über 3000 Quadratmeter groß. Eisenbarth führt die Schüler zu einem Insektenhotel. „Schaut, in die über 2400 Löcher sind schon die ersten Bienen eingezogen“, sagt sie.

Dass neben dem Insektenhotel eine Blumenwiese entsteht, sei kein Zufall, erklärt sie. „So eine Wiese ist wichtig für Insekten, ein wertvoller Nahrungs- und Lebensraum.“ Damit sie größer wird, basteln die Kinder kleine Kugeln, die sie mit Erde, Kompost und Blumensamen füllen. Diese sogenannten Seedbombs werfen die Schüler über eine Nachbarfläche, damit auch dort eine wilde Blumenwiese entsteht.

So etwas wie Sportunterricht gibt es auch. Auf einer Laufstrecke gehen die Schüler barfuß über verschiedene Bodentypen, um die Natur zu spüren. Sie können an Hochbeeten, wo verschiedene Salate und seltene Kräuter wachsen, auch lernen, wie die Natur schmeckt.

Wachsen soll auch Berlins grünstes Klassenzimmer. Zu einem richtigen Naturlehrpfad soll es in den kommenden drei Jahren werden. Für das Projekt sponserte eine Berliner Bank bereits 70.000 Euro. Tierpark-Gründer Dathe wäre sicher begeistert, könnte er erleben, in welcher neuen Pracht sein alter Garten erblüht.