Die historischen Kyritzer Kleinsthäuser aus dem 18. Jh. erstrahlen nach aufwändiger Restauration in neuem Glanz als originelle Ferienhäuser.
Foto: Thomas Uhlemann

KyritzDer Hotelbetreiber Andreas Heine streicht mit der Handfläche über das unverputzte Mauerwerk in einer der Ferienwohnungen, die er neuerdings direkt in der Altstadt von Kyritz (Landkreis Ostprignitz-Ruppin) vermietet. Ein ehrfurchtsvoller Blick begleitet die Berührung. „Das ist die gut 700 Jahre alte Stadtmauer unseres Ortes“, sagt er.

Der Stadtwall ist mit seinen grob behauenen, ineinandergefügten Steinen die Rückwand des Ein-Raum-Hauses. Drei verputzte, lehmgefüllte Fachwerkwände bilden die Seiten und die Vorderfront. Eine schmale Tür und niedrige Fenster geben den Blick auf eine kopfsteingepflasterte Gasse frei. Über den Raum spannt sich die offene Holzbalkenkonstruktion des Spitzdaches. Eine kleine Galerie ist hineingezimmert.

„Das ist ein sogenanntes Budenhaus, das vor rund 250 Jahren wie eine Bretterbude mit einfachsten Mitteln an die Stadtmauer angehängt wurde, um billigen Wohnraum für Tagelöhner, Wanderarbeiter und ziehende Handwerker zu schaffen“, sagt Andreas Heine. Nun ist der ehemalige Stadtmauerverschlag nach jahrelangem Leerstand zum Ferienhäuschen für zwei Gäste rekonstruiert worden.

Das Bad ist in einer Hausecke unter der Dachschräge eingepasst, silbern glänzende Halterungen für Handtuch und Toilettenpapier blitzen auf dem sandstrahlbehandelten roten Mauerwerk. In dem anderen Mauerwinkel der Puppenstuben-Wohnung liegt die offene Küche. Suppenkelle und Nudelholz hängen am Stadtwall. Spültisch, Ablageflächen und Bänke sind in die senkrechten Stützbalken eingefügt. Die dienen zugleich als optische Trennung zum Wohnbereich. Dort stehen zwei Sessel und ein schlanker, gedrechselter Rundtisch.

Fünf Tinyhouses aus alter Zeit

Daneben führt eine Stiege hinauf zum Hängeboden im Dachstuhl. Dort liegt das Schlafgemach. Der Raum unter der steilen Treppe bietet Platz für den Fernseher. Die Wärme kommt aus dem Fußboden, eine in einem winzigen Nebengelass platzierte Luft-Wärme-Pumpe speist die Heizspiralen unter den Terrakotta-steinen.

„Das gibt eine angenehme Wärme. Heizkörper hätten einfach zu viel Platz weggenommen“, sagt Architekt Christian Kannenberg. Sein Büro Kannenberg Architekten aus dem nahen Wittstock/Dosse hat dieses und fünf weitere mittelalterliche Minihäuser an der Kyritzer Stadtmauer zusammen mit der Stadt als Eigentümer und Bauherr, dem Pächter Andreas Heine und Handwerksbetrieben aufwendig saniert.

In der Geschichte wohnen

Die Stadt: Kyritz ist eine alte Handels- und Hansestadt in der Ostprignitz (Nordbrandenburg). Der Ort konnte sich am Handelsweg Berlin–Hamburg gut entwickeln. Besonders das Tuchgeschäft blühte in der Stadt. Sie verfügt bis heute über einen gut erhaltenen historischen Ortskern mit zahlreichen Fachwerkhäusern rund um Marktplatz und Kirche.
Die Häuser: Die Budenhäuser entstanden ab 1780. Die Frau des damaligen Bürgermeisters ließ sie errichten und vermarktete das Brachland an der Stadtmauer. Der Grundriss der Einraumhäuser betrug nicht mehr als 20 Quadratmeter, dort wohnten bis zu zehn Menschen. Heute bieten sie Plätz für zwei und vier Gäste (ab 80 Euro pro Tag).

Dafür gab es den diesjährigen Baukulturpreis des Landes Brandenburg. „Damit wird auch der Mut der Stadt gewürdigt, die sich gegen viele Widerstände für den Erhalt des Komplexes eingesetzt hat“, sagt Christian Kannenberg. Aus historischen Hüllen habe man Tinyhouses des 21. Jahrhunderts gemacht.

Das Ensemble ist einmalig in Brandenburg, weil es über die Jahrhunderte förmlich mit der mittelalterlichen Stadtmauer verschmolz. Mal lehnt ein Haus an der Mauer wie ein angekippter Stuhl. Mal sitzen die Minigebäude auf und hinter dem Mauerband. Zusammen mit den Stadthistorikern förderten die Leute vom Architekturbüro unzählige soziale und bauliche Details zu den Bewohnern und den Umbauphasen zutage.

Vom „Hexengang“ zur Modellgasse

Nicht nur jeder Zentimeter Raum wurde durchgeplant, sondern auch um den Erhalt jedes alten Steins, Stützbalkens oder Fensterkreuzes gekämpft. Die Handwerker aktivierten wieder die alten Werkzeuge und Techniken.

So entstand ein schmuckes Gässchen aus einem verruchten „Hexengang“. So nannte der Volksmund die Häuserzeile, für die es schon seit DDR-Zeiten keine Verwendung mehr gab und wo schließlich Bäume aus den geborstenen Mauern und Dächern wuchsen.

Jetzt rennen die Gäste dem Hausvermieter zumindest vom Frühjahr bis zum Herbst im wahrsten Sinne die Bude ein. „Oft sind es Leute, die sich ganz speziell mit den Themen Ressourcenschonung, Nachhaltigkeit und Substanzerhalt beschäftigen“, sagt Andreas Heine, der in der Stadt bereits ein altes Bauernhaus zu einem Landhotel machte. Dank der Budenhäuser hat der aus Leipzig zugewanderte Gastronom noch einmal eine viel tiefere Verbindung zu seiner Wahlheimat gefunden.

Es gibt viel zu erzählen

Gelegentlich verplaudert er sich mit den Gästen. Hier hat er eine Geschichte zum feuergeschwärzten Holz in der Küchenecke parat, dort kann er eine zum Lebensmittelkeller unter der Luke im Stubenboden erzählen.

Auch die Kyritzer kommen gern, um einfach mal zu gucken und zu schwatzen. „Viele waren skeptisch, ob der Erhalt der Bruchbuden denn Sinn macht“, sagt Andreas Heine. „Aber diese schlichten Häuser wecken jetzt doch sowohl bei Einheimischen als auch bei Fremden den Respekt gegenüber dem, was uns überliefert ist.“