Regulär verfügen Berliner Kliniken insgesamt über 1.450 Betten auf Intensivstationen. Jetzt geht es darum, die Kapazitäten zu verdoppeln.
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BerlinDie 60 Berliner Krankenhäuser, die für die akute Versorgung zuständig sind, bereiten sich seit Wochen auf die Covid-19-Epidemie vor. Das Robert-Koch-Institut hat die Kliniken vor einigen Tagen bundesweit aufgefordert, ihre Kapazitäten auf den Intensivstationen zu verdoppeln. Denn aus China und Italien weiß man: Fünf Prozent aller nachgewiesenen Sars-Cov-2-Fälle benötigen intensivmedizinische Behandlung. 

Zunehmend zeigt sich jedoch, wie schwierig das Aufstocken ist: Der Nachschub an Schutzausrüstung lässt auf sich warten, es gibt zu wenig Personal für Intensivstationen und falls viele Patienten zugleich Beatmungsgeräte brauchen werden, sind auch hier Engpässe zu erwarten. Außerdem gilt es nun, die Versorgung der Patienten zentral zu managen. Auch das ist neu für Berliner Kliniken.

Bei einigen Kliniken reichen die Bestände nur noch wenige Tage.

Marc Schreiner, Berliner Krankenhausgesellschaft

Den Bedarf an Schutzausrüstung hat die Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG) am Freitag der Senatsverwaltung für Gesundheit im Detail und schriftlich gemeldet. „Wir haben aktuell bei allen Häusern abgefragt, was sie an Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel benötigen und wie dringlich es ist“, berichtet Marc Schreiner, Geschäftsführer der BKG, auf Anfrage der Berliner Zeitung.

Die Liste zeige, dass es bald kritisch werde. „Die Berliner Krankenhäuser brauchen fast alles – und das zum Teil in großer Zahl: Mund-Nasen-Schutzmasken, FFP2-Atemschutzmasken, Schutzanzüge, Desinfektionsmittel für Flächen und Hände“, sagt Schreiner und warnt: „Bei einigen Kliniken reichen die Bestände nur noch wenige Tage.“

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Der BKG-Chef berichtet, dass die Senatsverwaltung für Gesundheit vor zwei Wochen unter anderem drei Millionen Mund-Nasen-Schutzmasken, und große Mengen FFP2-Masken für Berlin bestellt habe. „Wie viel von dem Material für die Krankenhäuser gedacht ist, wissen wir aber nicht. Schließlich haben Feuerwehr, Polizei und Pflegeeinrichtungen auch Bedarf“, sagt er.

Ebenso wenig sei klar, ob die Krankenhäuser einen Teil der zehn Millionen Schutzmasken abbekommen, die das Bundesgesundheitsministerium organisiert hat und von denen vor einigen Tagen wurde bekannt, dass sie eingetroffen sind. „Bislang hieß es von der Bundesebene, die seien vor allem für die niedergelassenen Ärzte gedacht“, sagt Marc Schreiner.

Wir haben vorgeschlagen, mit der Schneiderinnung der Stadt und mit textilverarbeitenden Betrieben Kontakt aufzunehmen und zu prüfen, ob es möglich ist, einfache Stoffmasken zum Beispiel aus kochfestem Baumwollstoff herzustellen.

Marc Schreiner, Berliner Krankenhausgesellschaft

Die Berliner Krankenhausgesellschaft ermuntert den Senat daher, auch unkonventionelle Wege zu beschreiten. „Wir haben vorgeschlagen, mit der Schneiderinnung der Stadt und mit textilverarbeitenden Betrieben Kontakt aufzunehmen und zu prüfen, ob es möglich ist, einfache Stoffmasken zum Beispiel aus kochfestem Baumwollstoff herzustellen“, berichtet Schreiner. Diese könnten gewaschen und wiederverwendet werden und zum Beispiel von Pflegekräften im Umgang mit den Patienten getragen werden, die kein Covid-19 haben.

Die Bestrebungen für die geforderte Verdopplung der Zahl der Betten auf Intensivstationen laufen derzeit, berichtet Schreiner. Die 60 Berliner Krankenhäuser verfügten regulär über insgesamt 22.500 Betten, davon seien 1450 auf Intensivstationen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte die Krankenhäuser hierzulande bereits am 13. März aufgefordert, planbare Operationen wie Hüft- und Knie-Operationen zu verschieben – um Kapazitäten zu schaffen. Die Räume für zusätzliche Intensivbetten seien durchaus vorhanden, sagt Schreiner. Es könnten teils auch Aufwachräume der chirurgischen Stationen genutzt werden, die auch über Beatmungsgeräte verfügen. „Aber ansonsten fehlen Apparate für zusätzliche Intensivbetten.“

Für die weltweit inzwischen knappen Beatmungsgeräte habe die Landesregierung zusätzlich zu den Bestellungen der Krankenhäuser eine Sammelbestellung ausgelöst, berichtet Schreiner. Problematisch sei jedoch, dass sich Bund, Länder und einzelne Krankenhauskonzerne bei der Materialbeschaffung zum Teil gegenseitig Konkurrenz auf dem leergefegten Markt machten, weil jeder alle Wege versuche. „Das müsste besser koordiniert sein“, bemängelt der BKG-Geschäftsführer.

Medizinisches Personal dringend gesucht

Auch beim Anwerben von zusätzlichem Personal geht seine Gesellschaft ungewöhnliche Wege. Vergangene Woche wandte sie sich in einem Aufruf an die Berliner Bevölkerung und bat alle Bürger, die eine medizinische Ausbildung haben und in der Corona-Krise helfen können, sich zu melden.

Medizinisches Personal im Ruhestand, Rettungssanitäter, Pflegekräfte, Ärzte – jede zusätzliche Arbeitskraft sei willkommen, betont Schreiner. Es helfe zum Beispiel auch, wenn jemand den Dienst am Infotelefon übernehme. Die Resonanz auf den Aufruf sei erfreulich, aber noch nicht ausreichend. „Die Bewerbungen sollten unbedingt per E-Mail und direkt bei infrage kommenden Einrichtungen erfolgen“, ergänzt er.

Für die Betreuung von Covid-19-Patienten sind vor allem Pflegekräfte gefragt, die für Intensivstationen ausgebildet sind und auch mit Beatmungsgeräten umgehen können. Um in diesem Bereich aufzustocken, wechsele Personal von anderen Stationen und werden entsprechend geschult, berichtet Schreiner.

Für effizienteres Handeln während der Epidemie planen die Berliner Krankenhäuser darüber hinaus, die Verteilung der Patienten zentral zu steuern. „Allein durch ein gutes Zugangsmanagement können wir unsere Kapazitäten effektiv erhöhen“, sagt Schreiner.

Einteilung in drei Level

Reinhard Busse, Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität (TU) Berlin, verweist in dieser Hinsicht auf ein Maßnahmenkonzept namens Save, das Mediziner der Charité und andere Experten für das Land Berlin erstellt haben. Die Abkürzung steht für „Sicherstellung der akuten, intensivmedizinischen Versorgung im Epidemiefall Covid-19“.

Das Grundprinzip: Die Berliner Krankenhäuser werden in drei Level unterteilt. An der Spitze, als Level-1-Klinik, steht das ECMO-Zentrum der Charité. Dort kann die aufwendige Extrakorporale Membranoxygenierung, kurz ECMO, vorgenommen werden. Sie kommt zum Einsatz, wenn Lungen oder Herz schwerst geschädigt sind.

Als Level-2-Kliniken haben die Experten elf Krankenhäuser definiert, darunter andere Charité-Kliniken, die DRK Kliniken in Köpenick, das Helios Klinikum in Buch, das Sana Klinikum Lichtenberg und die Vivantes-Häuser in Reinickendorf, Friedrichshain und Neukölln. In diesen Kliniken, so sieht es das Save-Konzept vor, sollen primär alle intensivpflichtigen Covid-19-Patienten behandelt werden.

„Diese Kliniken sollen zentral von der Level-1-Klinik an der Charité gesteuert werden. Auch die Beratung per Telemedizin ist vorgesehen“, sagt Reinhard Busse. Das ECMO-Zentrum der Charité hat 56 Betten und damit bundesweit die größte Kapazität für die spezielle Beatmung der schwersten Fälle. „Die Häuser der 3. Stufe sollten zunächst unbedingt frei von Covid-19-Patienten bleiben. Schließlich müssen Patienten mit Krebs oder Herzinfarkten weiterhin – und ohne Infektionsgefahr – behandelt werden“, sagt Busse.

Jetzt kommt es auf gute Organisation an

Die Transporte zwischen den Kliniken soll dem Konzept zufolge die Berliner Feuerwehr übernehmen. Darüber hinaus sind mit Fortschreiten der Epidemie drei Eskalationsstufen vorgesehen. Für die erste Zeit stehen in den Level-1 und Level-2-Kliniken insgesamt etwa 80 Isolationsbetten zur Verfügung. Falls dies nicht ausreicht, kann Platz in 180 Betten geschaffen werden. In einer weiteren Ausbaustufe würden alle zur Verfügung stehenden Beatmungsbetten genutzt – was nach derzeitigem Stand etwa 480 sind.

Der Senatsgesundheitsverwaltung liegt das Save-Konzept seit einer Woche vor. Zurzeit befinde es sich noch in Abstimmung, berichtet Busse. Grundsätzlich sieht der Gesundheitsökonom und Mediziner für Berlin und den Rest Deutschlands gute Chancen, dass die Kliniken die Versorgung der Covid-19-Patienten irgendwie bewältigen werden. Denn im Vergleich zu Italien beispielsweise seien die Kapazitäten deutlich größer und man habe Vorbereitungszeit. Busse: „In Berlin kommt es angesichts der großen Zahl der Krankenhäuser vor allem auf eine gute Organisation an.“