Helden in Strumpfhosen: Katetschen Bernd und Puppi La Bleu.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

RathenowDa steht dieser junge Mann in diesem geradezu albern aussehenden Kostüm mitten in der Stadt. Er trägt ein enges grünliches Shirt, eine hautenge, knallrote Strumpfhose und darüber eine bunte Blümchen-Unterhose. Auf dem Kopf eine Pilotenkappe. Der Mittdreißiger hat sich zu dieser ungewöhnlichen Aufmachung auch einen ziemlich albernen Namen zugelegt. Er nennt sich Katetschen-Bernd. Dieser Mann bezeichnet sich selbst als „stinknormalen Superheld“. Und er hat fünfzehn Mitstreiter, mit denen er nicht nur in Rathenow (Havelland) unterwegs ist.

Ihre Mission? Natürlich die Welt retten, so wie es sich gehört für Superhelden, auch für stinknormale.

„Unser Slogan ist: Jeder kann ein stinknormaler Superheld sein“, sagt Katetschen-Bernd und erzählt von stinknormalen Heldentaten.

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Woidke: beispielhaftes Engagement

Als Erstes: Die Stadt vom Müll befreien, mit regelmäßigen Müllsammel-Aktionen, an denen sich jeder beteiligen kann. Sie unterstützen aber auch das örtliche Tierheim, sind bei Baumpflanzaktionen dabei, sie rennen im Kostüm bei Benefizläufen mit, und die Superhelden sind da, wenn es um ein besseres Morgen geht. In Rathenow haben sie den „Stinknormalen Stadtgarten“ als generationsübergreifendes Projekt angelegt, mit Obst, Gemüseanbau und Bienenkästen.

Mit ihren Aktionen schafften sie es sogar in eine Regierungserklärung von Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), der die bunte Truppe bei einer Rede im Landtag als herausragendes Beispiel für ziviles Engagement lobte. Puppi La Bleu, die Freundin von Katetschen-Bernd, sagt: „Es ist so einfach, Gutes zu tun und dabei Spaß zu haben.“ Puppi La Bleu will übrigens in einem blauen Superheldinnenkostüm die Welt retten.

Kreisverwaltung finanziert die Superhelden-Stelle

Sie wollen das Klima retten, die Artenvielfalt erhalten, sind dabei, wenn es um den Umweltschutz geht. „In erster Linie machen wir das für unsere Kinder“, sagt Katetschen-Bernd. Denn im normalen Leben sind die Superhelden allesamt um die Mitte dreißig und Eltern. Es sind Eltern, die möchten, dass ihre Kinder die Chance auf eine gute Zukunft haben, deshalb schlüpfen sie seit sieben Jahren in ihre Kostüme. Dabei geht es schon längst nicht mehr nur um den eigenen Nachwuchs. Auch wenn der – wie Katetschen-Bernds Tochter „Schatzi-Popp“ – inzwischen selbst zu den Superhelden gehört. „Mehr noch“, sagt der stolze Vater, „sie ist die eigentliche Chefin der Stinknormalen Superhelden.“

Katetschen-Bernd, der im wirklichen Leben Norman Stoffregen heißt und eigentlich Schauspieler ist, ist inzwischen sogar hauptberuflicher Superheld. Denn die Kreisverwaltung finanziert diese Stelle. Sie sind nicht in Rathenow aktiv, sondern auch in anderen Orten. Mit der Stelle des Berufssuperhelden dürfte das Havelland ein bundesweites Alleinstellungsmerkmal besitzen.

Müllsammeln auch ohne Kostüm

Ihr Hauptfeind ist der Müll. „Wir Deutschen sind Verpackungs-Weltmeister“, sagt Katetschen-Bernd. Laut dem Umweltbundesamt fielen 2017 bundesweit 18,7 Millionen Tonnen Verpackungsmüll an. Das entspricht einem Pro-Kopf-Verbrauch von 226,5 Kilogramm. Leider landen die Verpackungen nach Gebrauch nicht immer in den dafür vorgesehenen Behältnissen. Ein gewisser Anteil landet regelmäßig auf den Straßen, in den Parkanlagen und Spielplätzen unserer Städte, so auch in Rathenow. Das Aufsammeln dieses Mülls ist eine der regelmäßigen Aufgaben der Superhelden. Es ist wie ein eigener Kreislauf, die Leute lassen, was sie nicht brauchen, einfach fallen. Und die Superhelden sammeln ein. Die gute Nachricht: Immer öfter bekommen sie dabei Unterstützung.

„Was könnte man Sinnvolleres in der Freizeit anstellen“, fragt der Stinknormale Superheld Rumpel-Kalle, der blaue, hautenge Strümpfe trägt, die mit blauen Hosenträgern, über dem knallengen grünen Shirt, befestigt sind.

Immer mehr Aufmerksamkeit

Grundsätzlich geht das Müllsammeln aber auch ohne Kostüm. An diesem Tag werden die Superhelden von den Jugendlichen Fredericke, John und Juma begleitet sowie von zwei Frauen, die für ihre Kinder gekommen sind. Die hätten heute andere Verpflichtungen, sagen sie. Katetschen-Bernd verteilt Handschuhe und Müllsäcke an jene, die keine eigene Ausrüstung dabei haben. Dann geht es los, unterwegs spricht Fredericke auf der Straße Jugendliche an. „Kommt mit, wir sammeln Müll.“

Tatsächlich lassen sich zwei von ihnen rekrutieren. Innerhalb einer halben Stunde werden zig leere Flaschen unter Parkbänken hervorgeholt, Fahrradreifen aus Gebüschen gezerrt und zu Katetschen-Bernds Entsetzen finden sie eine Spritze in der Nähe des Spielplatzes. Die Mitglieder des Trupps wissen genau, wo sie suchen müssen. Hinter einer Wand stoßen sie auf einen Haufen Speisereste. Unter dem Laub warten Bonbon-Papier und Getränkedosen und leider auch Hundehaufen. Man muss vielleicht kein Superheld sein, um den Unrat anderer Leute einzusammeln. Besonders empfindlich sollte man auch nicht sein.

Im Oktober gewannen die „Stinknormalen Superhelden“ den Deutschen Nachbarschaftspreis 2019. Ihre Aktionen finden immer mehr Aufmerksamkeit. „Das freut uns natürlich“, sagt Katetschen-Bernd. Als sie sich nach der großen Sammelaktion voneinander verabschieden, sagten alle: „Superheldenpeace“, die Grußformel der außergewöhnlichen stinknormalen Superhelden.