Die Reste des alten Birnbaums, den Fontane in seinem Gedicht verewigte, stehen in der Ribbecker Kirche.
Foto: Torsten Harmsen

BerlinVor langer, langer Zeit, als es in diesem Lande noch Veranstaltungen gab, fuhr ich nach Ribbeck, um eine Lesung abzuhalten. Na gut, es ist erst drei Wochen her. Eingeladen hatten die Veranstalter des „Ribbecker Bücherwinters“. Niemand dachte daran, dass bald „alles dichtmachen“ würde wegen des bösen Virus (nicht „des Viruses“, wie ich in einer Schlagzeile gelesen habe).

Aber ich will mich hier gar nicht an der Corona-Debatte beteiligen. Ich will über Ribbeck reden. Der Ort ist weithin bekannt. Dafür hat das Fontane-Gedicht über „Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ und seinen Birnbaum gesorgt. Und Ribbeck weiß dies weidlich zu nutzen. Er besitzt ein wunderschönes Schloss mit einer Fontane-Ausstellung. Im Flur steckt eine riesengroße Birne. Im Restaurant gibt es Birnenkompott, Birneneis und Birnenschnaps. In der Kirche sieht man die Reste des berühmten Birnbaums, den Fontane einst beschrieb. Vor der Kirche steht eine große glänzende Birnenskulptur. „Dit jeht einem mächtig uff de Birne“, könnte man als Berliner sagen.

Ich hatte übrigens lange gedacht, der Ort sei viel weiter weg von  Berlin, irgendwo in Mecklenburg. Das mit dem Havelland war mir irgendwie durchgerutscht. Doch Ribbeck liegt nur fünfzig Kilometer vom Stadtzentrum Berlins entfernt. Der Grund für den Irrtum lag wohl in der Sprechweise des alten Herrn von Ribbeck. Im Gedicht heißt es: „Und kam in Pantinen ein Junge daher,/ So rief er: ,Junge, wiste ’ne Beer?‘/ Und kam ein Mädel, so rief er: ,Lütt Dirn,/ Kumm man röwer, ick hebb ’ne Birn.‘“

Das Gedicht entstand 1889 und ist ein Beweis dafür, dass damals im Umfeld von  Berlin noch Niederdeutsch, also Platt gesprochen wurde – sogar noch in Marienfelde, Tempelhof und Steglitz. Das Berlinische hatte sich erst nach und nach im Umland verbreitet.

Die Lesung fand übrigens in der alten Schule von Ribbeck statt. Ein liebevoll gepflegtes Klassenzimmer mit alten Schulbänken und vielen Erinnerungsstücken: Fibeln, Schiefertafeln, Schulmappen, Rechengeräte, Atlanten. Der Veranstalter sagte, dass auch viele Schulklassen kämen, um sich mit den alten Zeiten und Fontanes Birnen-Gedicht zu befassen.

Das Gedicht hat übrigens 42 Zeilen, insgesamt 290 Wörter. Und es wäre gut, so sagte der Veranstalter, wenn es eine Art Kurzfassung gäbe, weil Kinder doch nur begrenzt aufnahmefähig seien. Ich habe es mal versucht. Hier das Ergebnis:

Ribbeck im Havelland.
Kinder komm’ angerannt,
weil Gutsherr Birnen verschenkt.
Geiziger Sohn nicht dran denkt.
Gutsherr sagt: Tret ick mal ab,
werft mir ’ne Birne ins Grab!
Gutsherr tritt ab – letzte Ruh!
Sohn sperrt Birngarten zu.
Birnbaum wächst aus Grab.
Jeder kriegt was ab!