Die Poelzig-Villa, ein Exempel des Neuen Bauens. 
Foto: BLZ/Markus Wächter

Berlin-Westend - Das Dach des Hauses Tannenbergallee 28 in Westend ist bereits mit einer Plastikplane verdeckt, um die Nachbarn vor Abrissstaub zu bewahren. Am Pfeiler der grobsteinernen Gartenmauer hängt aber immer noch die Platte, die daran erinnert, dass hier bis zu seinem Tod 1936 Hans Poelzig lebte, einer der bedeutendsten Architekten der Klassischen Moderne in Deutschland. Ihm verdankt Berlin etwa das grandiose Haus des Rundfunks, das zu DDR-Zeiten abgerissene Schauspielhaus oder die Vorplanungen für das Messegelände.

Umso bemerkenswerter, dass Poelzig 1929 das Atelier- und Wohnhaus der Familie und den großen Garten nicht selbst plante, sondern diese repräsentative Aufgabe seiner Frau Marlene überließ. Es ist eines der frühesten Architektinnen-Häuser der deutschen Geschichte. Die Architektur- und Gesellschaftszeitschriften berichteten um 1930 teilweise seitenlang darüber, noch vor den Villen Erich Mendelsohns am Rupenhorn und denen der Luckhardt-Brüder an der Schorlemer Allee gilt Marlene Poelzigs Werk als das am meisten publizierte Berliner Einfamilienhaus der Weimarer Zeit.

Denkmal-Eintragung 1990 abgelehnt

Doch während diese seit Jahrzehnten als Baudenkmäler eingetragen sind und mit großer Sorgfalt instand gehalten werden, wird das Haus Poelzig aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten Tagen abgerissen. Obwohl es nicht nur ausführlich in der Fachliteratur und in „Berlin und seine Bauten“, sondern auch in dem maßgebenden Architekturführer Berlin des Reimer-Verlags verzeichnet ist.

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Das Landesdenkmalamt teilte auf Anfrage der Berliner Zeitung mit, das Gebäude sei zwar 1990 vorerfasst, dann aber eine Eintragung als Denkmal abgelehnt worden. Zu stark sei das Haus verändert worden durch einen Umbau 1954 für die Westfälische Transport AG: Die einst dominanten Flachdächer ersetzte man durch hohe Walmdächer mit Schieferdeckung, einige Fenster wurden ausgeweitet und das Atelier Poelzigs in kleine Räume aufgeteilt. Der „Grad der authentischen Überlieferung“ sei zu stark reduziert, um noch als Denkmal gewertet zu werden.

Als das Haus sichtbar dem Verfall überlassen und das Grundstück mit weit über zwei Millionen Euro im Internet angeboten wurde, hatten Nachbarinnen und Forscher immer wieder an das Denkmalamt des Bezirks und das Landesdenkmalamt appelliert, die Entscheidung von 1990 zu überprüfen. Seither haben sich nämlich die denkmalpflegerischen Bewertungskategorien fundamental verändert. 1990 war etwa die Frage, dass auch der von Hermann Mattern, Kurt Foerster und wohl auch Herta Hammerbacher entworfene und bis ins Detail erhaltene Garten ein Denkmal sein könnte, kein Thema. Auch ist dieses Haus ein Denkmal der Frauengeschichte – aber 1990 gab es gerade erst den Begriff der Genderforschung in Deutschland.

Neubau mit mindestens sechs Wohnungen geplant

Ebenso wenig wurde berücksichtigt, dass diese Villa gerade im traditioneller erscheinenden Umbauzustand von 1954 ein Denkmal der negativen Wahrnehmungsgeschichte der Moderne ist, und dass das Haus eines der wenigen in diesen Krisenjahren realisierten Beispiele des konservativen Einfamilienhausbaus überhaupt ist. Schließlich ist dieser Bau auch filmhistorisch von erstem Rang: 1937 nämlich erwarb der Regisseur Veit Harlan das Haus und ließ sich einen Filmvorführraum einbauen. Es ist anzunehmen, dass hier der rassistische Hetzfilm „Jud Süß“ geschnitten wurde.

Auch aus diesem Grund wäre eine Unterschutzstellung in anderen Städten als Berlin durchaus denkbar gewesen – zumal die Inneneinrichtung in wesentlichen Teilen erhalten ist. Sinnvoll wäre also wenigstens eine Notsicherung der wichtigsten Baudetails, Kaminumrahmungen, Fenstergitter, und eine Notdokumentation.

Doch steht der Bau eben nicht unter Denkmalschutz – was aber ganz wesentlich nicht an seiner mangelnder Bedeutung, sondern an überholten Kriterien der Unterschutzstellung liegt. Auf dem Grundstück soll nach aktuellen Informationen ein Neubau mit mindestens sechs Wohnungen entstehen.