Indikatorenmodell: Brennpunktschule in Wedding halbiert Fehlzeiten der Schüler

Berlin - Die Willy-Brandt-Oberschule liegt mitten im Gesundbrunnenkiez in Wedding – einem Brennpunktviertel. 87 Prozent der Kinder und Jugendlichen der Integrierten Sekundarschule (ISS) sprechen zu Hause eine andere Sprache als Deutsch.

Schulen wie die Willy-Brandt-Oberschule kämpfen mit Problemen: Schüler schwänzen den Unterricht, es gibt viele Fehlzeiten, Schulabbrecher. Eltern sind schwer erreichbar. Schulleiterin Andrea Franke will das nicht hinnehmen. Mithilfe des Berliner Indikatorenmodells, das Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) vor drei Jahren auf den Weg brachte, hat Franke geschafft, wovon viele andere Schulen nur träumen.

Das Indikatorenmodell ist eine Art Programm, mit dem die Schulen möglichst viele Daten sammeln, protokollieren und auswerten können, um sich zu verbessern. So soll die Entwicklung der Schule verfolgt werden können. Über das Instrument sollen die verschiedenen Qualitätsindikatoren für eine Schule über eine längere Zeit verfolgbar sein. Für die ISS sind zum Beispiel Quoten zur Erstwunschanmeldung an der Schule, zu Abgängern ohne Abschluss, zu Vertretungsleistungen, unentschuldigten Fehltagen oder Übergriffen auf das Schulpersonal relevant.

Auf Grundlage des Modells wird dann gemeinsam mit der Schulaufsicht ein Schulvertrag aufgesetzt, der Ziele enthält, damit die Schule zum Beispiel ihre Schulabbrecher-Quote verbessern kann oder keine Lehrkräfte mehr angegriffen werden. Franke sagt, dass sie seit Einführung des Modells 2016 die Fehlzeiten an der Schule halbiert habe. So musste die Schulleiterin 2015 noch 500 Schulversäumnissanzeigen schreiben, in diesem Jahr nur 100. Zu einer Versäumnisanzeige kommt es, wenn Schüler fünf Tage unentschuldigt fehlen. Auch die Schul-Abgänger-Quote soll 2015 fünfmal so hoch gewesen sein.

Scheeres: Es geht darum, dass jede Schule positive sowie negative Tendenzen bei sich erkennt

So wurde an der Weddinger Schule unter anderem ein Leseunterricht eingeführt, jedes Jahr wird der Lernstand und der Fortschritt der Schüler erhoben, es gibt einheitliche Klassenarbeiten, um eine bessere Vergleichbarkeit zu schaffen, eine Stunde mehr Deutsch- und Matheunterricht wurde eingeführt, es finden Antidiskriminierungsveran-staltungen statt, ein Schulsozialarbeiter wurde extra für die Elternarbeit engagiert. „Das Indikatorenmodell hat uns dabei geholfen, entsprechende Ziele für den Schulvertrag zu generieren“, erklärt Franke.

Scheeres sagte, dass es nicht darum gehe, Schulen miteinander zu vergleichen. Stattdessen gehe es darum, dass jede Schule sich mit ihren eigenen Daten befassen solle, um positive sowie negative Tendenzen zu erkennen. „An der Willy-Brandt-Oberschule kann man gut sehen, wie sich eine Schule auf den Weg gemacht“, sagte Scheeres. So habe es auch keine Angriffe mehr auf Lehrkräfte gegeben. Das sei ein Punkt gewesen, den sich diese Schule vorgenommen habe.

Indikatorenmodell: Gymnasien und Berufsschulen sollen bis 2021 ebenfalls damit arbeiten können

350 Schulverträge zwischen Schulen und Schulaufsicht wurden auf dieser Grundlage in Berlin schon abgeschlossen. Bisher haben 121 Schulen der Integrierten Gesamtschulen/Gemeinschaftsschulen und 221 Grundschulen Zugang zu dem Instrument des Indikatorenmodells. Die Gymnasien und Berufsschulen sollen bis 2021 ebenfalls damit arbeiten können.

Jörg Nolte, Geschäftsführer Wirtschaft und Politik der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin, lobte das Indikatorenmodell. Berlin dürfe nicht nachlassen, möglichst viele Jugendliche zu einem erfolgreichen Schulabschluss zu führen. „Es ist ein richtiger Schritt, um die Schulqualität an den Berliner Schulen zu steigern. Für viele Unternehmen gehören Indikatoren zum betrieblichen Alltag, um den eigenen Unternehmenserfolg realistisch zu bewerten“, so Nolte. Objektive Indikatoren könnten auch Schulen bei der Evaluation ihrer Entwicklungsprozesse unterstützen. Wichtige Voraussetzung sei allerdings, dass sich alle Schulen beteiligten und die Daten auch nutzen.