Die unbändige Attraktivität scheint Berlin zu fehlen. Zumindest, was die Hauptstadt als Industriestandort betrifft. Laut einer Umfrage des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) werde in 76 Prozent der befragten Betriebe über eine Verlagerung von Tätigkeiten weg aus Berlin diskutiert. Umgekehrt geben nur 21 Prozent an, über einen Ausbau der Tätigkeiten in Berlin nachzudenken.

Befragt worden ist allerdings nur ein Teil der Berliner Industriebranche: 61 Betriebsratsmitglieder größerer Industriebetriebe in Berlin. Doch handelt es sich um alarmierende Zahlen, wenn man bedenkt, dass die Industriebranche in Berlin rund 117 000 Arbeitsplätze zählt und jährlich einen Umsatz von rund 23,5 Milliarden Euro macht. Daher regt die Umfrage an, Fragen zu stellen: Warum ist Berlin weniger attraktiv als andere Industriestandorte?

Lohnkostengefälle zwischen Berlin und dem Umland

Die Forscher des DIW in Berlin haben aufbauend auf die Umfrage vertiefende Interviews mit 50 Akteuren aus Berliner Industriebetrieben geführt. „Was bei einigen Unternehmen in den Gesprächen eine Rolle gespielt hat, ist das Lohnkostengefälle zwischen Berlin und dem Berliner Umland“, sagt Studienautor Ralf Löckener. Auch Polen und Tschechien sind nicht weit, dort kann vielfach günstiger produziert werden.

Unzweifelhaft hängen die Überlegungen auch mit den seit Jahren steigenden Immobilienpreisen in Berlin zusammen. Außerdem seien in den Gesprächen Sorgen benannt worden, dass in Berlin nicht genügend Flächen für einen Ausbau zur Verfügung stünden. „Allerdings wurde uns in keinem einzigen konkreten Fall berichtet, dass ein Unternehmen aufgrund dessen in Berlin nicht weiter produzieren konnte“, so Löckener.

Senat verweist auf den Stadtentwicklungsplan

Svenja Fritz, Senats-Sprecherin für Wirtschaft, verweist in diesem Fall auf den Stadtentwicklungsplan Industrie und Gewerbe, der bestehende Flächen sichern soll, derzeit aber nur im Entwurf vorliegt. Um neue Gewerbestandorte zu schaffen, seien außerdem 50 Millionen Euro am neu eingerichteten Grundstücksaufkauffonds vorgesehen.

Der Senat hat erst im September den „Masterplan Industriestadt Berlin“ erneuert. Berlin will für große Unternehmen, die Geld und Arbeit in die Stadt bringen, attraktiv sein. So sei ein bedeutender Standortfaktor die Nähe zu jungen Start-ups und zur Digitalwirtschaft, sagt Fritz.

Diese Potenziale heben auch die Forscher des DIW hervor und nennen zusätzlich die zahlreichen Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen. Was auch dazu führt, dass Industrieunternehmen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, Digital Labs und andere Bereiche nach Berlin verlagern.

Ruf nach stärkerer Förderung

Auch Kooperationen in diesen Bereichen werden zwar genutzt und gefördert, jedoch hauptsächlich von Großunternehmen. „Diese Nähe zu potenziellen Technologiegebern, die Berlin anbietet, wird von kleineren und mittleren Unternehmen, die in der Stadt eine überdurchschnittlich hohe Bedeutung haben, weniger intensiv genutzt, das fällt auf“, sagt Studienautor Löckener.
Auch beim Thema Digitalisierung wird das hiesige Potenzial von großen Unternehmen besser erschlossen. Kleinere Firmen sind zurückhaltend. „Die Gefahr einer Fehlinvestition wiegt bei mittelständischen Betrieben schwerer“, so der Forscher. Gerade deshalb müsste der Zugang für diese Unternehmensgruppen entschiedener gefördert werden. Das, so heißt es aus dem Senat, werde mit dem Masterplan Industriestadt 2018-2021 angegangen. 

Wenn jedoch Entscheider nicht vor Ort sitzen, seien sie für die Wirtschaftsförderung schwieriger einzubinden, merkt Löckener an. „Ein Drittel der Beschäftigten im gesamten Verarbeitenden Gewerbe Berlins arbeitet in Betrieben von Unternehmen, die ihre zentrale Leitung außerhalb der Stadt haben“, sagt er. Dazu zählen etwa BMW und Siemens. Doch gerade Siemens kann mit dem 600 Millionen Euro schweren „Innovationscampus“, der in Spandau entstehen soll, als Beispiel dafür dienen, dass daraus auch mehr werden kann – und Zuversicht geben, dass letztlich nicht alle 76 Prozent der befragten Industrieunternehmen ihre Überlegungen auch tatsächlich wahr machen und Sparten aus Berlin auslagern.