Berlin - Ines Gillmeister erlebte, was viele sich gar nicht vorstellen wollen. Als sie 2012 mit ihrem zweiten Kind schwanger war, bekam ihr Mann Simon die Diagnose Krebs. Seitdem war nichts wie zuvor. Doch die junge Mutter wollte nicht in Schock und Angst erstarren, sondern versuchte, für ihre Kinder und ihren kranken Mann so viel Alltag und Lebensfreude wie möglich zu schaffen.

Ritter Papa kämpfte gegen „Krabbe Kunibert“

Ihre Tochter Emma taufte den Krebs „Krabbe Kunibert“ und betrachtete ihren Papa fortan als Helden, der zusammen mit Chemo-Rittern gegen die Krankheit kämpfte. Die Mutter berichtet im Blog „Cancer is an asshole“ (auf deutsch: Krebs ist ein Arschloch) seither regelmäßig über das Auf und Ab in dieser schweren Zeit.

Um einen geeigneten Stammzellenspender für Simon zu finden, setzte Ines Gillmeister alles in Bewegung und startete 2016 zusammen mit der gemeinnützigen Organisation DKMS (ehemals Deutsche Knochenmarkspenderdatei) eine riesige Registrierungsaktion. Viele neue Spender meldeten sich. Für Simon war leider kein passender dabei. 2018 erlag der junge Vater seinem Krebsleiden.

Seine Geschichte hat Gillmeister jetzt in einem Buch aufgeschrieben, wie er es sich gewünscht hatte. In „Rock den Himmel, mein Held“ erzählt sie vom langen Kampf gegen die Krankheit, aber auch davon, wie sie und ihre Kinder Emma und Leonhard nach dem Tod des Vaters weiter machen. Ein Gespräch.

Ihr Mann ist letztes Jahr nach langem Kampf gestorben. Sie haben ein Buch darüber geschrieben. Nebenher führen Sie noch einen Blog und kümmern sich um Ihre Kinder. Wird Ihnen nicht auch manchmal schwindelig?

Ines Gillmeister: Ich bin müde, sehr sogar. Für viele Dinge brauche ich länger als noch vor einem Jahr. Manche Dinge klappen gar nicht. Vor allem die letzten Monate mit Simon zollen nun ihren Tribut. Ich bin nicht stark, ich mache nur das, was ich kann. Ich schütze meine Lieblingsmenschen und versuche, unseren Kindern ein Netz zu bieten, in dem sie sich fallenlassen können. Das Buch schrieb sich fast von allein, in zehn Tagen. Es war alles in meinem Kopf und musste raus. Es half mir, zu realisieren, was da eigentlich geschehen ist.

Sie gehen mit Ihrer Trauer offen um, nehmen die Leser mit auf diesem Weg. Haben Sie schon mal daran gezweifelt?

Gillmeister: Ja, oft. Trauer bedeutet für viele Menschen schwarze Kleidung, das Verbot zu lachen und Kinder, die in ihrer Verzweiflung untergehen. Trauer und Tod scheinen nach wie vor Tabuthemen zu sein. Weil diese Themen Angst machen. Weil sie bedrückend sind. Weil sie vor Augen führen, dass das Leben endlich ist. Darum schreibe ich darüber. Es ist schlimm, Trauer zu leben, und diese Trauer ist nicht immer schwarz. Bunt geht auch. Oder mit Glitzer. Oder mit Eis und vielen bunten Streuseln.

Ich habe versucht, die Kinder in viele Dinge mit einzubeziehen – Sarg anmalen, den Baum im Friedwald aussuchen. An Simons Geburtstag sind wir zu seinem Baum in den Friedwald gefahren. Mit seinem Lieblingskuchen, Luftschlangen und Musik. Die Kinder bastelten eine Geburtstagskrone für ihn und wir alle haben Happy Birthday gesungen. Trauer kann lebendig sein. Trauer sollte lebendig sein. Ich möchte zeigen, dass besonders Kinder von dieser Art der Trauer profitieren. Ich möchte zeigen, dass es okay ist, nicht okay zu sein.

Ist Trauer noch immer ein Tabuthema in unserer Gesellschaft? Gibt es also auch Menschen, die Ihnen aus dem Weg gehen?

Gillmeister: Definitiv ja. Trauer kann das Umfeld sprachlos machen. Unser Sohn geht sehr offensiv mit dem Tod unseres Helden um. Er erzählt es jedem. Das überfordert. Ich verstehe das. Ich verstehe die Sprachlosigkeit.

Was können wir von den Kindern in Sachen Trauer und den Umgang damit lernen?

Gillmeister: Erwachsene tendieren dazu, im See der Trauer zu ertrinken. Kinder hingegen springen durch Pfützen. In einer Minute sind sie tief traurig, weinen, schreien und fluchen. Einige Minuten später aber springen sie wieder lachend durch die Gegend und erzählen davon, wie schön die Zeit mit dem Verstorbenen war.

Als ich mit unserem Sohn den Sarg angemalt hatte, war das für mich sehr beklemmend. Leo aber fand das toll. Er war glücklich darüber, Simon solch ein Geschenk machen zu können. In der einen Hand hielt er den Pinsel, mit dem er gemalt hatte. In der anderen Hand einen rosa Donut, der wohl sehr lecker gewesen war. Er hüpfte um den Sarg herum, malte ihn auch von innen an, damit Simon etwas „zum Angucken“ hat. Leo sang dabei die ganze Zeit.

Kinder sind unbefangener, sie realisieren. Sie leiden. Aber sie vergessen trotzdem nicht, dass das Leben lebendig ist. Zumindest dann nicht, wenn sie Erwachsene an der Seite haben, die in der Lage sind, sie zu tragen.

Die Frage „Wie geht es dir?“ ist für viele Trauernde schwierig zu beantworten, denn wie soll es einem nach einem solche Verlust schon gehen. Trauerbegleiter empfehlen, lieber andere Fragen zu stellen, zum Beispiel „Mensch, wie kommst du grad durch den Alltag?" Kannst du das bestätigen?

Gillmeister: „Wie geht es Dir?“ – das ist tatsächlich die Frage, die ich am schwierigsten beantworten kann. Ich glaube, dass besonders am Anfang Fragen jeglicher Art schwierig zu beantworten sind. Besser sind Dinge wie: „Ich komme morgen mal auf einen Kaffee vorbei“ oder „Wir fahren in den Zoo und würden gern deine Kinder mitnehmen“. Klare Aussagen statt Fragen funktionieren am Anfang einfach besser. Und dann einfach da sein, auch wenn nicht geredet wird. Das waren mir die liebsten Menschen. Die, die da waren, ohne Erwartungen an ein Gespräch zu knüpfen. Wenn der Trauernde dann sprechen will, dann wird er es tun. Aber nur dann, wenn einfach jemand da ist. Nur so.

Vermutlich erreichen Sie durch den offenen Umgang mit dem Thema viele Nachrichten von Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Tut Ihnen das gut, weil Sie so sehen, dass Sie nicht allein damit sind oder überfordert Sie das auch manchmal?

Gillmeister: Ein Austausch mit „Gleichgesinnten“ tut gut, weil ich dann merke, dass manche Gewohnheiten, die ich so entwickelt habe, ganz normal sind.

Was möchten Sie Menschen sagen, die gerade in einer ähnlichen Situation stecken?

Gillmeister: Macht das, was euch gut tut. Umgebt euch mit Menschen, die euch gut tun. Wenn ihr euch lieber im Bett vergraben wollt, dann tut das. Aber gebt nicht auf. Sollten Kommentare kommen, wie „So langsam müsste es doch besser werden“ oder auch „Wie, du bist darum krankgeschrieben?“, ignoriert diese. Ihr steckt in einer Ausnahmesituation, alles ist erlaubt. Auch lachen und weggehen!

Ihr neues Leben besteht aus vielen Emotionen. Bei welchen Gedanken an Simon müssen Sie denn auch heute noch immer grinsen?

Gillmeister: Immer wenn wir Auto gefahren sind, war ich Beifahrer. Ich habe doch keinen Führerschein. Immer wenn Simon bremsen musste (sachte bremsen, an einer roten Ampel, keine Vollbremsung), hielt er seinen rechten Arm vor meine Brust, als würde ich sonst durch die Windschutzscheibe fliegen. Wenn ich heute bei irgendwem mitfahre und diese Person muss bremsen, dann vermisse ich diesen Arm und muss gleichzeitig lächeln.

Ich muss besonders grinsen, wenn ich daran denke, was Simons erste Worte waren, als wir in unser neues Zuhause gezogen waren. Wir haben einen Garten vor der Tür und unser Held sagte, dass da auf gar keinen Fall irgendwelche Spielgeräte hineinkommen und wir uns auf keinen Fall Haustiere anschaffen werden. Drei Monate später zog der erste Hund bei uns ein. Das Schaukelgerüst stand fast zeitgleich im Garten. Etwas später gesellte sich ein riesiger Sandkasten dazu und am Ende noch ein Trampolin. 2016 zog Hund Nummer Zwei bei uns ein. Und letztes Jahr die Schildkröten unserer Tochter.

Ist das Buch am Ende auch ein bisschen eine Liebesgeschichte geworden?

Gillmeister: Ja, allerdings. Ich hoffe, dass das Buch es schafft, die Liebe zwischen Simon und mir zu zeigen. Vor allem aber die Liebe zum Leben.

Buchtipp:
Ines Gillmeister, Rock den Himmel, mein Held, Eden Verlag, 2019

Das Interview erschien zuerst auf dem Blog Stadt Land Mama.