Potsdam - Es war wohl eines der außergewöhnlichsten Verfahren, das vor dem Arbeitsgericht in Potsdam verhandelt wurde. Das musste selbst Birgit Fohrmann, die Vorsitzende Richterin der 7. Kammer, einräumen. Es ging an diesem Donnerstag um Ines R. Sie ist 52 Jahre alt und arbeitete als Pflegekraft. Anfang Mai ist ihr von ihrem Arbeitgeber, der Oberlin-Gesellschaft Lebenswelten, mehrfach gekündigt worden. Doch Ines R. hat gegen ihren Rauswurf Klage eingelegt. Und eine Abfindung von mehr als 81.000 Euro verlangt. Das ist deshalb bemerkenswert, weil die 52-Jährige im Verdacht steht, Ende April im Thusnelda-von-Saldern Haus, das zur Oberlin-Gesellschaft gehört, vier pflegebedürftige Menschen umgebracht zu haben.

Er wisse, dass er mit der Klage für verrückt erklärt werde. Aber seine Mandantin habe auch Rechte, begründete Henry Timm, der Anwalt von Ines R., am Rande der Verhandlung die Kündigungsschutzklage. Schließlich habe sie 32 Jahre im Oberlinhaus gearbeitet. Timm sagte, er habe die Klage aus mehreren Gründen eingereicht. So gehe er davon aus, dass seine Mandantin nicht schuldhaft ihre Arbeitspflichten verletzt haben könne, wenn sich eine Schuldunfähigkeit bei Ines R. zum Tatzeitpunkt herausstellen sollte. Der Anwalt spricht zudem von einer Pflichtverletzung des Arbeitgebers. Im Thusnelda-von-Saldern-Haus habe es eine dauerhafte Belastung durch eine permanente Unterbesetzung beim Pflegepersonal gegeben.

Nur drei Hilfspflegekräfte waren am Tatabend im Einsatz

So sei in der Pflegeeinrichtung immer wieder gegen den Personalschlüssel des Landes Brandenburg verstoßen worden. Dieser sehe vor, dass sich eine Pflegekraft um 1,73 schwerstbehinderte Menschen kümmern müsse. Am Tatabend seien nur drei Hilfspflegekräfte, darunter seine Mandantin, für die Betreuung der 20 Frauen und Männer mit höchstem Pflegegrad zuständig gewesen.

Am Abend des 28. April dieses Jahres soll Ines R. vier ihr anvertraute Bewohner des Thusnelda-von-Saldern-Hauses mit einem Messer getötet haben. Die zwei Frauen und zwei Männer waren 31 bis 56 Jahre alt. Eine 43-jährige Bewohnerin der Einrichtung überlebte lebensgefährlich verletzt. 

Nach der Bluttat soll die 51-jährige Ines R. nach Hause gefahren sein und sich ihrem Mann offenbart haben. Der Ehemann informierte kurz vor 21 Uhr die Polizei und auch andere Mitarbeiter des Oberlinhauses. Es hieß damals, dass zwischen der Tat und dem Auffinden der Toten nur 45 Minuten vergangen waren. In dieser Zeit war offenbar kein Kontrollgang der Mitarbeiter der Nachtschicht durch die Zimmer vorgesehen. Ines R. wurde noch in der Tatnacht festgenommen. Eine Haftrichterin wies die Mutter von zwei Kindern, von denen ein Kind behindert sein soll, in eine psychiatrische Klinik ein. Gegen sie wird wegen Totschlags ermittelt.

Ines R. fiel offenbar schon zwei Wochen zuvor auf

Anwalt Timm verwies am Donnerstag darauf, dass seine Mandantin schon zwei Wochen vor der Tat auffällig geworden sei, es ein „Ereignis psychischer Art“ gegeben habe, das dem Arbeitgeber auch gemeldet worden sei. Damals hätte das Oberlinhaus anweisen müssen, dass sich Ines R. einem Arzt vorstellt. Doch dies sei nicht geschehen. Eine Kollegin habe die Schicht von Ines R. übernommen – auch am nächsten Tag. Zwei Tage nach dem „Ereignis“, auf das Timm nicht weiter eingehen will, sei seine Mandantin wieder zum Dienst erschienen.

Ines R. war nach den Worten ihres Anwalts völlig überlastet. Sie befand sich seit längerer Zeit in psychologischer und psychotherapeutischer Behandlung, nahm auch seit Jahren Medikamente, die laut Timm „neurologische Auswirkungen“ hatten. In der letzten Zeit habe sich Ines R. verstärkt mit diesen Arzneimitteln versorgt, „um den Druck auszuhalten“.

Elmar Stollenberg, der Anwalt der beklagten Oberlingesellschaft, wies vor Journalisten die Anschuldigungen als haltlos und hanebüchen zurück. Es werde in der Klageschrift ein kausaler Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen und einem vierfachen Tötungsdelikt hergestellt, den es nicht gebe. Stollenberg erklärte, am Tag vor der Tat sei das Thusnelda-von-Saldern-Haus von der Heimaufsicht kontrolliert worden. Es habe keinerlei Beanstandungen gegeben.

Anwalt der Oberlingesellschaft weist Abfindung zurück

Der Jurist wies auch das Angebot eines Vergleichs durch Henry Timm zurück. Demnach sollte das Arbeitsverhältnis von Ines R. regulär zum 31. Dezember dieses Jahres beendet und eine Abfindung von 81.620 Euro gezahlt werden. „Das können wir den Angehörigen der Opfer nicht antun“, sagte Stollenberg.

Es ist unklar, wie der Prozess vor dem Arbeitsgericht ausgehen wird. Nach nur 15 Minuten Verhandlung erklärte die Vorsitzende Richterin, dass sie das Verfahren nach derzeitigem Stand gern aussetzen wolle. So lange, bis der Strafprozess gegen Ines R. abgeschlossen sei. Die Anwälte beider Parteien haben nun zwei Wochen Zeit, Stellung zu nehmen und die Richterin von „einer anderen Entscheidung“ zu überzeugen, wie sie sagte. Vermutlich wird das Anliegen von Ines R. bald die nächsthöhere Instanz beschäftigen, das Landesarbeitsgericht.