Berlin - Berlin soll ein Hightech-Werk verlieren: Der US-Konzern Infinera will das Werk am Siemensdamm zum 30. September schließen. Noch vor vier Monaten hatte die in Californien beheimatete Telekommunikationsfirma vom US-Finanzinvestor Oak Tree das Unternehmen Coriant gekauft. IG Metall, Betriebsrat und Politiker protestieren. Nicht nur, weil 400 Mitarbeiter auf die Straße gesetzt werden sollen, sondern auch wegen Sicherheitsbedenken.

Das Werk stellt Anlagen für die optische Signalübertragung über weltweit vernetzte, industrielle Glasfaser-Infrastruktur her. Die Entwicklung sitzt zwar in München, die Software wird jedoch auch in Berlin aufgesetzt. Im Angebot sind auch Anlagen für die Netzwerke des neuen Mobilfunkstandard 5G.

Das Werk beliefert und betreut im Service auch die Bundeswehr und Nachrichtendienste. Künftig sollen die Anlagen in einem thailändischen Werk hergestellt werden, und zwar nicht von Infinera selbst, sondern nur im Auftrag der Amerikaner.

Das halten Gewerkschaft und Arbeitnehmervertreter für fahrlässig. Birgit Dietze, Vorsitzende der IG Metall Berlin, kritisierte die Politik: „Man lässt zu, dass Schlüsseltechnologien verkauft werden.“ Deutschland und die EU müssten aber zwischen USA und China eine Rolle in der Hochtechnologie finden. Infinera habe sich mit der Übernahme des fast gleichgroßen Unternehmens Coriant mit 1598 Patenten viel Wissen eingekauft.

Das Verteidigungsministerium von Ursula von der Leyen (CDU) verwies auf Anfrage der Berliner Zeitung auf das Wirtschaftsministerium von Peter Altmaier (CDU). Das teilte lediglich mit, man beobachte den Vorgang.

„Produktion und Know-how deutscher Sicherheitsinfrastruktur dürfen nicht ins Ausland verlagert werden“

Die Berliner Bundestagsabgeordneten Kai Wegner (CDU), Swen Schulz (SPD) und Pascal Meiser (Linke) setzen sich für die Erhaltung des Werks ein. Wegner sagte: „ Die Produktion und das Know-how der deutschen Sicherheitsinfrastruktur darf nicht ins Ausland verlagert werden. Wir müssen die sicherheitsindustriellen Schlüsseltechnologien in Deutschland erhalten.“

Die Bundesregierung müsse Infinera klarmachen, dass sie als Auftraggeber auf eine Produktion in Deutschland besteht.

Schulz erklärte: „Firmen aufzukaufen, das Know-how und die Kundenkartei mitnehmen, aber das Werk schließen und die Mitarbeiter auf die Straße setzen: Das geht gar nicht. Hier kommt hinzu, dass es um sicherheitsrelevante Technologie geht.“

Am Freitag beginnen die Verhandlungen zu einem Interessenausgleich

Meiser: „Das ist Heuschrecken-Kapitalismus erster Güte. Innerhalb weniger Monate soll ein wirtschaftlich gut laufender Standort komplett ausgeplündert und die Produktion in ein Billiglohnland ausgelagert werden – zulasten der rund 400 Beschäftigten und ihrer Familien.“

Ramona Pop (Grüne), Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe sagte: „Mit großer Sorge verfolge ich die beabsichtigte Standortschließung von Coriant/Infinera. Insbesondere die geplante Entwicklung in Siemensstadt wäre für die weitere Entwicklung des Unternehmens sicherlich förderlich. Zu allererst geht es nun um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Sorge um ihre Zukunft umtreibt. Ich erwarte, dass Coriant/Infinera gemeinsam mit den Beschäftigten nach Lösungen sucht. Wir sind mit allen Akteuren im Gespräch, um gute Arbeitsplätze für die Berliner Beschäftigten zu erhalten.“ 

Der Betriebsratsvorsitzende Jörg Wichert sagte, dass die Schockstarre der Mitarbeiter Empörung gewichen sei. Am Freitag beginnen die Verhandlungen zu einem Interessenausgleich, vorher wird es um 8 Uhr eine Demo vor dem Werk geben. Dort werden auch Kollegen aus Siemens-Werken erwartet: Das aufgekaufte Unternehmen Coriant war aus Siemens hervorgegangen.