Schon lange vor der Hyperinflation vom Herbst 1923 wirbelte die Geldentwertung das Leben der Berlinerinnen und Berliner völlig durcheinander. Die Entwicklung war ambivalent – zwischen Hunger und Elend einerseits und Vergnügungssucht andererseits.

1922 sangen viele Berlinerinnen und Berliner ein Lied, das schnell zum Gassenhauer wurde: „Wir versaufen uns’rer Oma ihr klein Häuschen“. Kein anderer Song spiegelte die Zeit so gut wider, denn es ging um ein Phänomen, das nahezu jeden betraf: Man lebte allgemein über seine Verhältnisse. Im Refrain hieß es: „Wir versaufen uns’rer Oma ihr klein Häuschen/ Und die erste und die zweite Hypothek.“

Viele Menschen in Berlin lebten zu dieser Zeit am Existenzminimum oder auch darunter. Und das lag nicht daran, dass sie nicht mit Geld umgehen konnten, sondern hatte einen ganz anderen Grund: Berlin war wie der Rest des Landes auch von einer Inflation befallen, die Millionen Menschen in die Armut stürzte.

Heute konzentrieren wir uns, wenn es um die Inflationszeit in der Weimarer Republik geht, gewöhnlich auf die wahnwitzige Zeit zwischen Spätsommer und Herbst 1923. Kein Wunder, denn damals hatte der US-Dollar einen Gegenwert von 4,2 Billionen Reichsmark. Ein Ei kostete 320 Milliarden Mark, ein Kilo Kartoffeln 90 Milliarden und eine Straßenbahnfahrt 50 Milliarden.

Doch das war nur der Höhepunkt einer dramatischen Entwicklung, die bereits viel früher begonnen hatte. Schon im Januar 1919 hatte der Dollar seinen Wert vom Juli 1914, als er 4,20 Reichsmark gekostet hatte, nahezu verdoppelt. Die Entwicklung setzte sich nun fort. Es gab Aufs und Abs, aber insgesamt zeigte der Pfeil nach oben. Im Januar 1920 lag der Dollar bereits bei 103,75 Mark, am 8. November 1921 waren es 310. Dann sank er wieder, verblieb aber auf sehr hohem Niveau, ehe er ab Sommer 1922 nur noch eine Richtung kannte: steil nach oben.

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Tausende von Menschen stehen Schlange vor dem Berliner Postscheckamt, um ihr Guthaben abzuheben.

Berliner Behörden waren völlig überfordert

Die Berlinerinnen und Berliner wurden von dieser Geldentwertung auf allen Ebenen bis in die letzte Ritze ihres Lebens getroffen. So brach zum Beispiel die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln teilweise zusammen. Besonders betroffen waren Kinder und Jugendliche. Geschwächt waren viele Kinder schon lange, aber vor allem ab Mitte 1922 griff das Elend mehr und mehr um sich.

Ende des Jahres litten in der Hauptstadt 40.000 Säuglinge, 190.000 Kleinkinder bis sechs Jahre und 500.000 Schulkinder wegen der zunehmenden Teuerung unter Unterernährung und Krankheiten. Im Herbst des Jahres waren laut einer offiziellen Untersuchung von 450 Kindern in Prenzlauer Berg zwischen zwei und sechs Jahren 90 Prozent von Mangelernährung betroffen.

Betroffen war zunächst der Mittelstand, der nicht nur sein oft hart erarbeitetes Erspartes verlor, sondern auch sein Selbstwertgefühl. Die Arbeiter, die allerdings in Berlin ohnehin schon sehr oft unter kaum menschenwürdigen Verhältnissen lebten, kamen zunächst noch einigermaßen glimpflich davon, weil sie anders als die Selbstständigen und Angestellten mit den Gewerkschaften starke Interessenvertreter hatten. Doch umso länger die Inflation dauerte, umso weniger konnten auch ihre Löhne mit der Geldentwertung mithalten.

Stiegen zwischen Januar 1913 und Januar 1923 die Kosten für Lebensmittel für eine fünfköpfige Familie um das 1366-Fache (im Februar lag der Wert bereits bei 3183) und für Heizung, Wohnung und Bekleidung um das 1120-Fache, so kletterte der Lohn eines ungelernten Berliner Arbeiters nur um das 643-Fache, der eines gelernten, verheirateten Reichsarbeiters um das 888-Fache.

Die Berliner Behörden waren mit der Bewältigung der Folgen völlig überfordert.

Politik und Behörden in der Hauptstadt sahen der Entwicklung weitgehend hilflos zu. Die Vorschläge aus der Politik, neue Einnahmen zu generieren, wirken aus heutiger Sicht kurios. So wurde eine Abgabe für „übermäßigen Verzehr“ in Restaurants diskutiert und die rechten Parteien forderten eine Steuer für Plakatwerbung in nicht deutscher Sprache. Berühmt wurden auch die „Nasenquetscher“: Der Magistrat ordnete an, dass die Särge für die Verstorbenen nur noch 50 Zentimeter hoch sein durften, um Material zu sparen. Bezahlt wurden die Beerdigungen nicht mehr mit Geld, sondern mit Kohle zum Heizen.

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Geldscheine, die während der Inflation nur noch Makulatur waren, werden im Jahr 1923 abgewogen.

Die Geldbörse wurde durch die Tragetasche ersetzt

Besonders die Hausfrauen hatten es schwer, denn sie mussten das immer schwerer werdende alltägliche Leben ihrer Familien organisieren. Das bedeutete vor allem, Lebensmittel heranzuschaffen. Eine sehr nervenaufreibende Tätigkeit, die jeden Tag Stunden in Anspruch nahm, denn die Schlangen vor den Lebensmittelläden wurden immer länger, die Preise immer höher, aber zugleich das Angebot immer kleiner.

Die Geldbörse wurde zunehmend durch Koffer ersetzt, denn die Mengen an Papiergeld, die man mit sich tragen musste, um auch nur die allernötigsten Dinge des Lebens zu erstehen, wurden immer größer. Die Menschen waren zu bettelarmen Millionären und Milliardären geworden. Nicht einmal Bettler nahmen noch Bargeld an.

Tauentzien und Kokain – das ist Berlin

Sprichwort aus den 1920er-Jahren

Viele Frauen, vor allem unter den alleinstehenden mit Kindern, wussten keinen anderen Rat mehr, als ihren Körper zu verkaufen. Prostitution wurde zu einer alltäglichen Erscheinung in Berlin, sei es als Gelegenheitsprostitution, sei es als berufsmäßige. An dieser Stelle zeigt sich aber auch besonders gut die Ambivalenz der Situation. Denn viele jüngere Großstadtfrauen entwickelten seit dem Ende des Krieges ein neues Selbstbewusstsein. Dazu gehörte, Sex zu haben, so oft und mit wem sie es wollten.

Und wenn man das Vergnügen gleichzeitig als dringend benötigte Einnahmequelle nutzen konnte – warum nicht? Kaufsex gab es an vielen Ecken der Stadt, zu allen Tages- und Nachtzeiten und in allen nur erdenklichen Variationen. Für das Jahr 1930 schätzte ein Polizeibeamter, dass etwa 150.000 Menschen in Berlin vom Sexgewerbe lebten – während der Inflationsjahre dürften es vermutlich noch mehr gewesen sein. Besonders die Ausländer, die zahlreich nach Berlin strömten und mit ihren Devisen an der Spree wie die Könige lebten, nutzten das aus.

Viele Berliner und Berlinerinnen nutzten trotz oder gerade weil sie sich täglich am Abgrund wähnten die neuen Freiheiten der Republik, nachdem mit dem Kaiserreich auch viele frühere Hemmnisse gefallen waren. So entstanden Phänomene wie die „Sexwut“. Das Nachtleben wurde durchsexualisiert, sogenannte Schönheitsabende wurden der letzte Schrei, zumindest für diejenigen, die sich die Teilnahme leisten konnten.

Bei diesen Abenden handelte es sich um nichts anderes als Sexpartys, meist veranstaltet in gut- oder großbürgerlichen Privatwohnungen. Zugelassen war nur, wer eingeladen war. Auch die Bars im reichen Westen rund um den Kurfürstendamm und die Dielen in den Arbeitervierteln in Prenzlauer Berg, nahe dem Alexanderplatz und rund um den Lehrter Bahnhof verfielen schnell dem Nackt-Trend. Ein Etablissement, egal wie mondän oder wie ärmlich, das nicht über mindestens eine Nackttänzerin verfügte, hatte bald kaum noch Chancen auf Kundschaft.

Doch die Sexualisierung der Gesellschaft ging noch viel weiter und erreichte auch die Schulen. 15- oder 16-jährige Jugendliche beiderlei Geschlechts trauten sich kaum noch in die Schule, wenn sie nicht von sexuellen Erlebnissen berichten konnten. Sie seien „stolz, pervers zu sein“, erinnerte sich später der Schriftsteller Stefan Zweig an diese Zeit. Beunruhigende Nachrichten erreichten die Öffentlichkeit. So wurde ein Landwirt aus Dahlem verurteilt, weil er Sexpartys mit insgesamt 60 jungen Mädchen aus „besseren Kreisen“ veranstaltet hatte. Zugutegehalten wurde ihm, dass er auf keines der Mädchen irgendeinen Zwang ausgeübt hatte – alle hatten freiwillig mitgemacht.

Drogen, insbesondere Kokain, waren aus dem Nachtleben nicht mehr wegzudenken. „Tauentzien und Kokain – das ist Berlin“, wurde ein geflügeltes Wort. Vor allem im Westen, rund um die Gedächtniskirche, sah man Nachtschwärmer, die sich die Spritze gaben oder das weiße Pulver schnupften. Viele machten einen erbarmungswürdigen Eindruck, der Verfall war nicht zu übersehen. Wie viele an ihrer Drogensucht starben, ist nicht bekannt.

Die Spielwut griff um sich

Neben der „Sexwut“ gab es auch die damals sogenannte Tanzwut, die die Behörden zunächst mit dem Verbot von Tanzveranstaltungen einzudämmen versuchten. Allerdings völlig vergeblich und schließlich gaben sie diesen Kampf auf. Und ein weiteres Phänomen machte die Runde: die Spielsucht. Clubs, in denen Glücksspiele angeboten wurden, schossen aus dem Boden. Die allermeisten waren illegal, aber das interessierte niemanden und die Polizei war weitgehend machtlos.

Man bezahlte seine täglichen Einkäufe, indem man Aktien verkaufte

Sebastian Haffner über die Inflation

Schloss sie einen, öffneten am nächsten Abend fünf neue. Auch diese Clubs konnten sehr mondän sein, mit teurem Restaurant und eigenem Friseur, wie das „Neuberlin“ in der Bülowstraße. Oder sie waren ärmlich, im Keller eines vierten Hinterhofs irgendwo in Prenzlauer Berg. Im berüchtigten Scheunenviertel am Alexanderplatz wurde auf der offenen Straße gespielt.

Irgendwer baute einen Tisch auf und los ging es. Schnell hatte sich eine Traube von Menschen gebildet, die auf das große Geld hoffte, um den schwierigen Alltag meistern zu können. Das Bild war düster, wie es ein Zeitungsartikel beschrieb: „Alle bösen Instinkte wurden wach. Neid, Rachgier, Haß gegen den, der eben gewonnen hatte.“

Auf das große Geld, das aber nur noch gerade so zum Überleben reichte, hofften auch die vielen Menschen, die sich dem Spekulieren an der Börse hingaben. Jeder schien irgendwie zu spekulieren. Die Banken boomten und mussten in Windeseile neue Geschäftsstellen eröffnen; die Börse musste einen neuen Saal errichten, weil sich die Zahl der Besucher binnen weniger Monate auf 6000 verdoppelte.

In Berlin brach ein nie gekanntes Spekulationsfieber, eine Epidemie, aus. Allein im November 1922 wurden nach einem Bericht der renommierten Frankfurter Zeitung in Berlin 468 neue Aktiengesellschaften gegründet. Sebastian Haffner erinnerte sich später an Selbsterlebtes: „Jeder kleine Beamte, jeder Angestellte, jeder Schichtarbeiter wurde Aktionär. Man bezahlte seine täglichen Einkäufe, indem man Aktien verkaufte.“

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1925: Adolf Hitler bei einem Besuch einer bayerischen Gruppe der Nationalsozialisten.

Die Inflation machte die Deutschen reif für Hitler

Das Leben der Menschen war längst zerrüttet, als es schließlich ab dem Spätsommer 1923 zur Hyperinflation, zum völligen Absturz der Mark kam und die Preise ins Unermessliche explodierten. Die Menschen waren entnervt, gestresst, demoralisiert, verängstigt, wütend, hoffnungslos. Zu Recht sprach Alfred Döblin von der „Zermorschung des Volkes“. Erst als im November 1923 der neue Reichskanzler Gustav Stresemann dem Spuk mit der Einführung der Rentenmark ein Ende setzte, normalisierte sich die Situation allmählich.

Als dann sechs Jahre später, im Oktober 1929, die Weltwirtschaftskrise ausbrach, suchten viele Menschen nach den Erfahrungen der Inflationsjahre nach einfachen Lösungen. Sie glaubten, sie bei einem Mann zu finden: Adolf Hitler. Die Angst, alles das, was man 1919 bis 1923 durchgemacht hatte, erneut erleben zu müssen, war größer als die Vernunft.

Es war der Österreicher Stefan Zweig, der schrieb: „Nichts hat das deutsche Volk – dies muss immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden – so erbittert, so haßwütig, so hitlerreif gemacht wie die Inflation.“ Die Deutschen hätten sich durch die Inflation „einzig beschmutzt, betrogen, erniedrigt“ empfunden; eine ganze Generation hat der deutschen Republik diese Jahre nicht vergessen und verziehen …“

Vom Autor Armin Fuhrer ist gerade im Elsengold-Verlag das Buch „Hunger & Ekstase. Berlin 1922/23“ erschienen.

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