Das neue Tanken: Von Berlin zum Friseur nach Polen

Friseure in Berlin und Brandenburg erhöhen wegen der Inflation ihre Preise. Das Ergebnis: Mehr Menschen fahren zum Haarefärben nach Polen. Ein Besuch.

Mit Lockenstab: Eine Friseurin macht ihrer Kundin die Haare.
Mit Lockenstab: Eine Friseurin macht ihrer Kundin die Haare.dpa/Jan Woitas

Ein kräftiger Wind peitscht den Regen an diesem Wintermorgen auf die Straßen der Doppelstadt Frankfurt (Oder)–Slubice. Nur wenige Menschen überqueren zu Fuß die Brücke über die Oder, die Deutschland von Polen trennt. Der Friseursalon Friseur Kosmetik liegt keine zweihundert Meter von der Brücke entfernt in der Jednosci Robotniczej, der Straße der Arbeitereinheit, im Volksmund auch als „Zigarettenstraße“ bekannt. Zahlreiche Kioske werben hier mit leuchtenden Reklamen für günstige Tabakwaren, auf einem Mast weht die polnische Flagge.

„In Deutschland sind auch viele Leute arm“

In dem Laden mit den pastellrosa Wänden wäscht gerade Marta, 27, einer Kundin die Haare. Ewa wird in ein paar Tagen 50 und ist Polin, wohnt aber seit 17 Jahren auf der deutschen Seite in Frankfurt (Oder). Wegen der Qualität der Dienstleistungen und wegen der familiären Atmosphäre sei sie seit Jahren Stammkundin, erzählt sie, aber natürlich spielten auch die Kosten eine Rolle. Freunde von ihr kämen regelmäßig sogar aus Berlin, um sich in Slubice frisieren zu lassen.

55 Euro kosten im Salon Friseur Kosmetik Ganzkopfsträhnen plus Schneiden und Föhnen bei langen Haaren. In Berlin zahlen Kunden für den gleichen Service inzwischen im Schnitt 150 bis zu 200 Euro. Selbst wenn man die 20,80 Euro der Hin- und Rückfahrkarte für den Regionalzug dazurechnet, beträgt die Ersparnis fast 75 Euro. Schneiden und föhnen gibt es bei kurzen Haaren für 16 Euro, Haare färben kostet je nach Länge maximal 45 Euro. Auch für diese Dienste sind die Preise um mindestens die Hälfte niedriger als in Deutschland, die absolute Ersparnis fällt aber geringer aus.

„In Deutschland sind auch viele Leute arm“, sagt Ewa, während Marta ihre Haare mit der Rundbürste in Form bringt. „100 Euro und mehr für einen Friseurbesuch, das können sie sich nicht leisten.“

Kurze Zeit später betritt Manuela, 63, den Salon. Sie wohnt auch in der Region Frankfurt (Oder), sei früher aber nie „in Polen tanken gewesen“, sagt sie. Im letzten Winter habe sie diesen Laden entdeckt, weil ihr in Deutschland als Covid-Ungeimpfte der Zutritt zu ihrem Stammfriseur verwehrt wurde. Inzwischen, fährt sie fort, triebe sie die Inflation nach Slubice. Zwar sei das zeitaufwendiger. Heute habe sie beispielsweise einen Urlaubstag genommen, um hierher zu fahren. Dennoch lohne sich das trotzdem, da sie beim Friseur in Deutschland schon vor Corona fast 100 Euro für einen Haarschnitt und Farbe zahlte. Und jetzt sei das noch mal teurer geworden. „Es hat alles kein Verhältnis mehr.“

Im Friseursalon Friseur Kosmetik in Slubice, Polen.
Im Friseursalon Friseur Kosmetik in Slubice, Polen.Silvia Benetti

Dabei ist Polen von der Inflation nicht weniger betroffen

Der hohe Kundenzulauf aus Deutschland bedeutet nicht, dass polnische Friseure sorgenfreie Zeiten genießen. Inhaberin Natalia, 37, stöhnt über die Inflation, die in Polen über 16 Prozent beträgt. Unter anderem habe sich ihr monatlicher Stromabschlag von 100 auf 240 Euro im Monat erhöht, erzählt sie. Auch die Ladenmiete sei gestiegen.

Eine Freundin von ihr konnte die Kosten nicht mehr stemmen und musste ihr Café in Slubice schließen. Hilfe von der Regierung gäbe es keine, nur warme Worte im Fernsehen, stellt Natalia fest. Zudem haben sich für alle die Lebenshaltungskosten erhöht. Die monatliche Miete für eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Slubice beträgt inzwischen um die 3000 Zloty, umgerechnet circa 640 Euro. Natalia erhöhte in den letzten Monaten ihre Preise um 15 bis 20 Prozent. Sie hofft, so zu überleben, bis bessere Zeiten kommen. Trotzdem scheint das Leben in Polen relativ günstiger als in Deutschland.

Auch Friseurmeisterin Josephine Roth, 40, musste zum Beispiel zum Jahreswechsel die Preise erhöhen. Ihr Friseursalon Friseur im Wedding liegt im Gesundbrunnenviertel in Berlin. Derzeit beschäftigt sie nur eine Mitarbeiterin, hofft aber auf baldige Verstärkung. Sie zahlt 15 Euro pro Stunde und damit mehr als viele Friseursalons in Berlin, deren Angestellte nach wie vor 50 Cent über dem Mindestlohn verdienen, der bei zwölf Euro pro Stunde liegt. Ihr Personal angemessen zu entlohnen sei ihr wichtig, „damit jeder zu Hause seine Wohnung heizen kann“.

Die Friseurbranche, sagt Roth weiter, sei lange Zeit eine sehr arme Branche gewesen. Weil Auszubildende und auch fertig ausgebildete Friseure sehr schlecht bezahlt werden, gäbe es seit Jahren Nachwuchsprobleme. Mit den Schließungen während der coronabedingten Lockdowns sei aber eine Wertschätzung dazugekommen, die früher nicht da gewesen sei. „Die Kunden haben nicht nur die Dienstleistungen, sondern auch das Zwischenmenschliche vermisst“, sagt sie. Aus diesem Grund, und weil einige Läden während der Pandemie aufgegeben haben, konnten viele Friseure eine längst fällige Preiserhöhung vornehmen. 150 Euro kostet beim Friseur im Wedding ab Januar Haare färben und schneiden, davor waren es 90 Euro. Ganzkopfsträhnen bei langen Haaren gibt es für 230 Euro, davor waren es 130.

Wie schmerzhaft die Preissteigerung bei ihren Kunden ankommt, muss sich in den kommenden Monaten erst mal zeigen. Viele Friseure sehen jetzt allerdings mit Sorge auf das neue Jahr. Nach einer Umfrage des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks gehen 70 Prozent der Handwerke mit persönlichen Dienstleistungen von rückläufigen Umsätzen aus. Der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks sieht die Friseurbranche in „einer existenziellen Krise“.

Friseurmeisterin Josephine Roth in Berlin-Wedding.
Friseurmeisterin Josephine Roth in Berlin-Wedding.Silvia Benetti

„Dass man diese Zeit nicht sieht, ist der Fehler unserer Branche“

Die gestiegen Energie- und Materialkosten, etwa für die Farben, sind wie bei vielen anderen Dienstleistungen mitunter an der Preisanpassung schuld. Doch viel entscheidender sei laut Josephine Roth der hohe zeitliche Aufwand, der endlich angemessen vergütet werden müsse. Damit meine sie Zeit, die der Friseur sich für jeden einzelnen Kunden nimmt. Zum Beispiel braucht man für Ganzkopfsträhnen und einen Haarschnitt bei dichtem, langem Haar drei Stunden. Einfach färben und schneiden bekommt man unter zwei Stunden ebenfalls kaum hin.

„Dass man diese Zeit nicht sieht, ist der Fehler unserer Branche“, sagt sie. Zwar könne ein Friseur auch mehrere Kunden gleichzeitig bedienen und so seine Effizienz steigern, aber darunter litten ihrer Meinung nach Gemütlichkeit und Qualität. „Wenn ein Kunde ewig sitzt und lange wartet, ist das nicht so nett.“

Josephine Roth hat Verständnis dafür, dass manche Berliner nun Friseursalons in Polen besuchen, um Geld zu sparen – „wenn sie sich Mühe machen wollen“. Sie frage sich allerdings, ob bei der niedrigeren Bezahlung den polnischen Friseuren auch genug zum Leben übrigbleibt.

Mehr zahlen für einen hochwertigen Service und damit die Friseure von ihrem Verdienst angemessen leben können: Das klingt zunächst fair und vernünftig. Doch können sich die Berliner angesichts steigender Mieten und Energiekosten solche Preise auch leisten? Wer überdurchschnittlich verdient, kann sicherlich trotz Inflation tiefer in die Tasche greifen, ohne dass es allzu sehr schmerzt. Alle anderen sparen bereits bei Restaurantbesuchen und werden womöglich bald, wie es schon vor der Pandemie war, Friseurdienstleistungen seltener in Anspruch nehmen. Oder öfter zur deutsch-polnischen Grenze fahren.

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