Winterwelt ohne Eisbahn: Was kostet der Spaß (und der Glühwein) am Potsdamer Platz?

Mit einer Winterrutsche lockt die Winterwelt am Potsdamer Platz die Besucher. Eine Erfolgsgeschichte trotz Inflation? Wir haben mit den Veranstaltern gesprochen.

Die Betreiber der Winterwelt, Jacqueline Bergmann (l.) und Thorsten Wieland (r.), posieren für ein Bild am Potsdamer Platz in Berlin am 16. November 2022.
Die Betreiber der Winterwelt, Jacqueline Bergmann (l.) und Thorsten Wieland (r.), posieren für ein Bild am Potsdamer Platz in Berlin am 16. November 2022.Emmanuele Contini

Begeistert schleppen zwei Mädels große Gummischläuche eine zwölf Meter hohe Treppe hinauf. Sie setzten sich hin, rodeln vor Freude quietschend die riesige Bahn hinunter, stehen auf und gehen wieder zur Treppe. Wer den Spaß wiederholen will, soll für drei Fahrten sechs Euro ausgeben. Eine Fahrt kostet 2,50 Euro und nicht mehr 1,50 Euro, wie es heißt.

Der Preis ist in der Inflation nach oben geklettert – eine Teuerung von rund 67 Prozent. Schnee oder Eis bietet die Winterrutsche allerdings nicht. Nur die Farbe der Bahn erinnert aus der Ferne an eine echte winterliche Landschaft.

„Wir konnten den alten Preis leider nicht halten“, erklärt die Managerin von Bergmann Eventgastronomie, Jacqueline Bergmann (41). Wir treffen uns mit ihr und ihrem Schwager Thorsten Wieland, „seit Kindesbeinen Schausteller“, um der Frage nachzugehen: Wie geht das Familienunternehmen mit der Inflation um und wie schaffen sie es, Glühwein für „nur“ fünf Euro zu verkaufen, während einige Schausteller acht Euro in Rechnung stellen möchten?

Eine Rodelbahn mit null Stromverbrauch

Die Größe des Unternehmens ist entscheidend. Denn Bergmann Eventgastronomie hat ungefähr 100 Mitarbeiter. Der Vater von Jacqueline, Roland Berger, hat die Firma mit Sitz in Neuenhagen bei Berlin schon vor 30 Jahren gegründet. Seit fast 20 Jahren wird mit eigenen Kräften auch die Winterwelt am Potsdamer Platz gemacht. Die Stände mit dem Essen, die Glühweinhütten, die Rodelbahn – alles sei Eigentum von Bergmann, die Investitionen seien längst getätigt worden, sagt Thorsten Wieland (52). Diese Investitionen rechnen sich Jahr für Jahr. Zumindest diese Sicherheit bereitet den Eventgastronomen nach den verlustreichen Corona-Jahren weniger Kopfschmerzen.

Rodelbahn am Potsdamer Platz
Rodelbahn am Potsdamer PlatzEmmanuele Contini

Die Energiekosten dagegen mehr. Zwar verbrauche die Winterwelt nur sehr wenig Gas fürs Kochen, versichert Wieland, weshalb die hohen Gaspreise das Unternehmen nicht belasten würden. Die Stromkosten hätten sich aber im Vergleich zu den letzten Geschäftsjahren (Pandemiejahr 2020 ausgenommen) fast verdoppelt, obwohl man die Beleuchtung schon länger auf LED umgerüstet habe und die Rodelbahn keinen Strom brauche. Vor einigen Jahren wurde sie noch mit einer Schneemaschine betrieben.

Früher gehörte zur Rodelbahn auch eine Eisbahn am Marlene-Dietrich-Platz. Auch sie wurde von den Bergmanns organisiert. Hat man auf sie wegen der hohen Energiekosten verzichtet? Thorsten Wieland überrascht mit der Antwort: „Das liegt nicht an den Energiekosten, sondern an der Baustelle in der Alten Potsdamer Straße. Ohne sie hätten wir hier mehr Imbissbuden und eine Eisbahn.“ Die richtige Eisbahn habe man schon vor fünf Jahren aus Gründen des Energiesparens durch die Kunsteisbahn ersetzt. Diese Kunsteisbahn brauche keine Eismaschine und laufe ebenfalls ohne Strom, sagt Wieland. Man wolle als Unternehmen nicht nur die Energie sparen, sondern auch energieeffizient und umweltfreundlich sein, legt seine Schwägerin nach.

Heizöl statt Propangas

Wir sitzen in der sogenannten Salzburger-Stiegl-Alm, wo es schön warm ist und der Glühwein schmeckt. Der kleine Sohn von Jacqueline, der wie alle Kinder nie still sitzt, tummelt sich im Hintergrund. Etwas weiter in der Gabriel-Tergit-Promenade steht noch eine größere Salzburger-Schmankerl-Hütte, wo am späten Mittwochabend ziemlich viele Menschen sitzen und nicht den kitschigen österreichischen Traditionsliedern, sondern ganz normalen deutschen Schlagern lauschen.

Viele Gastronomen heizen noch mit Propangas, und worauf setzen die Bergmanns? „Wir haben große Tanks und große Brenner mit Heizöl, das wir bei regionalen Anbietern hier in Berlin und Brandenburg kaufen. Es ist deutlich teurer geworden, also mussten wir alle Preise anpassen. Ein 200-Milliliter-Becher Glühwein kostet deswegen fünf Euro und nicht mehr vier Euro wie im letzten Jahr.“

Noch im Januar 2022 kostete ein Liter Heizöl im Durchschnitt 87 Cent, Mitte Oktober, kurz vor der Eröffnung der Winterwelt, schon 1,68 Euro – eine Teuerung von 97 Prozent. Ende Oktober lagen die Temperaturen allerdings noch bei fast 20 Grad – heute hingegen ist es kalt. Ohne Heizung lässt sich die gemütliche Atmosphäre nicht vollwertig erreichen. Mit gutem Glühwein und einer guten Krakauer im Brötchen aber schon. Die runde Rechnung macht es einem beim Geldausgeben leichter: Zehn Euro kosten das Essen und das Getränk zusammen.

„Wir arbeiten mit regionalen Winzern“

„Acht bis zehn Euro pro Flasche Beaujolais?“, wundert sich Jacqueline, als ich sie auf die Kosten des Veranstaltungsunternehmers Axel Kaiser anspreche, der am Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz nur mit acht Euro pro Glühwein schwarze Zahlen schreiben könne. „Wir holen nichts Französisches. Wir arbeiten mit guten regionalen Winzern und Fleischproduzenten, denn wir wollen die einheimischen Firmen unterstützen.“ Man spare dabei auch Transportkosten. Man habe mit einem Geschäftspartner so auch das Glühweinrezept ausgearbeitet und bleibe ihm treu. Deswegen werde schon der fertige Glühwein zum Potsdamer Platz geliefert und vor Ort erhitzt.

Winterwelt am Potsdamer Platz in Berlin, am 16.11.2022
Winterwelt am Potsdamer Platz in Berlin, am 16.11.2022Emmanuele Contini

Eine größere Preissteigerung wird dadurch verhindert, dass die Bergmanns sich als Arbeitgeber im Niedriglohnsektor bewegen. Nach der Anhebung des Mindestlohns werden die Arbeitnehmer leicht über diesem Satz entlohnt, sagt Jacqueline Bergmann. Deswegen sei es so schwierig, neue Leute zu finden. Ein weiteres Kostenproblem habe man beim Transport, denn man sei bei allem – Infrastruktur, Essen, Getränke – auf Lkw angewiesen. Noch vor einem Jahr kostete ein Liter Diesel in Berlin im Durchschnitt 1,56 Euro, heute schon 1,90 Euro. Der größte Preisanstieg auf 2,11 Euro ist zumindest schon überwunden worden, aber wer weiß, was das Embargo auf russisches Öl im Dezember mit sich bringt?

Gut, dass die Stadt Berlin angesichts der Krise die Sondernutzungsgebühr für den Platz auch dieses Jahr ausfallen lässt. Um den Potsdamer Platz für das Weihnachtsgeschäft zu bekommen, müsse man sich immer wieder für einen bestimmten Zeitraum bewerben, sagt Thorsten Wieland. Die gute langjährige Erfahrung verschaffe den Bergmanns aber einen Vorteil gegenüber anderen Mitbewerbern. Diese werden am Montag kommen, denn am 21. November wird der eigentliche Weihnachtsmarkt am Potsdamer Platz eröffnet, organisiert von der Konkurrenz. Und die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht. 

„Die Menschen wollen nach diesen ganzen schlechten Sachen ein bisschen friedliche Stimmung“

Ein älteres Paar sitzt an einem Tisch neben uns. Der Mann hat die Jacke ausgezogen, genießt seinen Glühwein und schaut glückselig die Frau an. Man merkt, dass es ihm gut geht. Über Ausgaben und Kosten, Verluste und Gewinne wollen am Ende auch die Bergmanns nicht reden, denn das Geschäft läuft bis zum 1. Januar, man sei erst am Anfang.

„Gucken Sie mal in die Gesichter der Menschen“, sagt Jacqueline. „Sie wirken zufrieden und froh, sie wollen nach diesen ganzen schlechten Sachen ein bisschen friedliche Stimmung und Besinnlichkeit. Sie wollen auch ein bisschen abschalten. Wenn wir sie hier und draußen so erleben, sind wir auch froh.“ Und die Menschen kommen in der Tat: Am Mittag weniger, am Abend deutlich mehr. Sie naschen die leckeren Snacks im Stehen oder gehen in die wärmere Hütte. Plötzlich wird auch bei uns die Vorfreude auf Weihnachten und Nostalgie geweckt. Kindheitserinnerungen werden wach.

Winterwelt am Potsdamer Platz in Berlin, am 16.11.2022
Winterwelt am Potsdamer Platz in Berlin, am 16.11.2022Emmanuele Contini

Jacqueline lenkt sich ab. Ihr Sohn will wieder die Aufmerksamkeit der Mama. Nach einem liebevollen Kuss sagt sie: „Die Inflation und die ganzen Krisen machen vielen Menschen schwer zu schaffen. Viele haben wenig Geld und wissen nicht, was auf sie zukommt. Aber trotzdem kaufen sie sich hier einen Glühwein und finden ihre Freude am Leben wieder. Ist das nicht wunderschön?“ Letztlich gebe es auch ihrer Familie die Kräfte und die Freude wieder, um Jahr für Jahr weiterzumachen.

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