Berlin - Die einstige AEG-Montagehalle für Großmaschinen an der Hussitenstraße in Berlin-Gesundbrunnen ist die Kinderstube für einen neuen Baustoff. Einen Beton, der – so hoffen die Bauingenieure – das Errichten vor allem von Wohnungen schneller, einfacher und billiger machen soll. Es ist deshalb nicht nur ein schönes Stück Industriearchitektur, an dem Wissenschaftler der Technischen Universität da zum Thema Zukunft des Bauens forschen. Denn die Baupreise und damit die Mieten schießen in Berlin durch die Decke, im Februar lagen sie beim Wohnungsneubau um sechs Prozent höher als ein Jahr zuvor.

Infraleichtbeton heißt das Material, an dem Mike Schlaich und seine Mannschaft im „Fachgebiet Entwerfen und Konstruieren – Massivbau“ arbeiten. Der Wissenschaftliche Mitarbeiter Alexander Hückler demonstriert zunächst, was infraleicht bedeutet: Er legt einen Betonquader in einen wassergefüllten Eimer und: der schwimmt!

Der Beton ist außerdem eine gute Wärmedämmung

Der Beton, in der Fachsprache ILC, enthält Luft, gebunden in Perlen aus Blähton und Blähglas. Sie entstehen, wenn man Ton- oder Glasmehl auf weit über 1 000 Grad erhitzt. Die Perlen werden für den ILC mit Zement und Wasser vermischt und ersetzen damit Kies oder Sand im herkömmlichen Beton.

Die Idee ist nicht ganz neu. Hückler weist darauf hin, dass schon vor 1900 Jahren das Pantheon in Rom aus Leichtbeton errichtet wurde. In der Schweiz griff man die Idee in den vergangenen Jahren auf, denn wegen der Luft im ILC ist er außerdem eine gute Wärmedämmung. „Wie eine Daunenjacke“, erklärt Hückler.

An der TU entwickeln sie das Material weiter und arbeiten daran, ILC für Gebäude mit mehr als fünf, sechs Etagen einsetzbar zu machen. Kleiner gebaut wurde damit schon, Mike Schlaich ließ zum Beispiel 2007 sein Einfamilienhaus aus ILC errichten.

Zwar muss eine ILC-Außenwand 50 Zentimeter dick sein, um die Dämmvorgaben der Energieeinsparverordnung einzuhalten. Denn ILC dämmt zwar zehnmal besser als normaler Beton, jedoch auch zehnmal schlechter als Styropor. Aber: Mit dem Guss der Wand, auf der Baustelle oder in der Fertigteilfabrik, ist sie auch fertig. Es bedarf keines Dämmmaterials wie Styropor mehr, keines Klebstoffs, keiner Matten. „Ich habe einmal nachgezählt, bis zu neun Schichten gibt es bei herkömmlichen Wänden“, so Hückler. 

Die Ursache für Preissteigerungen

Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft WBM will den Leichtbeton ausprobieren. An der Karl-Marx-Allee soll von 2022 bis 2024 ein Punkthochhaus mit 70 Wohnungen entstehen. Dann wird sich zeigen, ob ILC den Wohnungsbau beschleunigen und die zuletzt stark gestiegenen Baukosten drücken kann.

Die Ursache für die Preissteigerungen im Bau liege zunächst in der gestiegenen Nachfrage, sagt Robert Momberg, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbands Ost. Im März lag der Auftragsbestand in Berlin bei 248,6 Millionen Euro, 18,4 Prozent mehr als im März 2018. Allein beim Wohnungsbau kletterten die Aufträge um 55,3 Prozent auf 129 Millionen Euro.

Die Lohnkosten in der Bauwirtschaft steigen schwächer

Wirkmächtiger seien die Zuwächse bei Löhnen und Material. Das Baumaterial, es macht etwa die Hälfte der Kosten aus, sei seit 2003 um über 55 Prozent teurer geworden. Etwas schwächer stiegen die Lohnkosten. In Berlin um 13,8 Prozent, im ostdeutschen Baugewerbe insgesamt um 31,8 Prozent. Momberg analysiert: „Ein schwerwiegender Kostentreiber ist politisch verursacht. Die Regulierungsdichte in Deutschland macht es zunehmend unmöglich, preiswert zu bauen. Sicher lässt sich sagen, dass man allein aufgrund der Vorgaben, die sich aus Energieeinsparverordnung oder Bauordnung ergeben, nicht mehr unter sieben Euro pro Quadratmeter Kaltmiete bauen kann.“ Das ist mehr als die durchschnittliche Bestandsmiete in Berlin.

Die Fachgemeinschaft Bau Berlin-Brandenburg verfeinert die Kostenfrage. So sei Diesel, mit dem Baufahrzeuge fahren, 2018 um 22 Prozent teurer geworden, Bitumen zur Abdichtung für den Straßenbau um 40 Prozent. Wird Straßenland für eine Baustelleneinrichtung genutzt, muss gezahlt werden. „Da langen die Bezirke zu, Charlottenburg-Wilmersdorf zum Beispiel mit 7,50 Euro pro Monat und Quadratmeter“, sagt Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der Fachgemeinschaft.

Dämmarbeiten werden überflüssig

ILC könne dieser Entwicklung entgegensteuern, sagen die Forscher der TU. Der Baustoff sei nicht nur ökologisch, weil herkömmliche Dämmungen unter Schimmel- und Algenbildung leiden und Chemikalien absondern können, sondern – wenn auch nur auf lange Sicht – auch kostengünstiger.

Zwar ist das noch nicht als Massenprodukt vorhandene Material noch deutlich teurer als Normalbeton. Aber das Bauen an sich ginge schneller und einfacher, weil Dämmarbeiten wegfallen und nicht mehrere Gewerke tätig sein müssen. Vor allem aber muss keine Dämmung nach höchstens zwanzig Jahren ersetzt werden. Hückler schlussfolgert: „Auf lange Sicht ist ILC billiger und nachhaltiger.“   

Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft WBM will das ausprobieren. Von 2022 bis 2014 soll ein Wohnhochhaus mit zwölf Geschossen an der Karl-Marx-Allee hinter dem Kino International aus ILC entstehen. Die TU-Wissenschaftler arbeiten gerade daran, eine zusätzliche Stahlarmierung zu entwickeln, damit man mit dem Beton auch stabil in die Höhe bauen kann. Bei Häusern bis zu fünf, sechs Etagen sei das normale Stahl-Geflecht im Beton ausreichend.