Berlin Draußen auf dem kleinen Gartenteich vor dem Fenster blühen die Seerosen, Vögel zwitschern, irgendwo in der Nachbarschaft kreischt eine Säge. Drinnen ist es ganz still. So still, dass man glaubt, Gedanken hören zu können. „Ich kann mich noch gut in mich als junges Mädchen hineinversetzen“, sagt Ingeborg Rapoport. „Dieser Schleier, der über der Zeit liegt, er lüftet sich ja immer wieder, mal hier, mal dort, man weiß nie.“ Sie sitzt ganz gerade in ihrem Sessel, es ist der Platz, auf dem sie kürzlich auch ihre Doktorprüfung abgelegt hat. Sie ist herzlich, erwartungsvoll, konzentriert, nur etwas aufgeregt, wie sie sagt. Manchmal sucht sie für einen Moment nach den richtigen Worten. Und findet sie fast immer.

Ingeborg Rapoport ist 102 Jahre alt und konnte jetzt endlich, nach einem ganzen Menschenleben, ihre Dissertation verteidigen, die sie vor 78 Jahren am Universitätsklinikum in Hamburg eingereicht hatte. Damals wurde ihr als Jüdin der Doktortitel verwehrt. Kurz vor der Pogromnacht 1938 ist sie in die USA geflüchtet, wo sie Kinderärztin wurde. Nachdem sie Anfang der Fünfzigerjahre mit ihrer Familie in die DDR übergesiedelt war, leitete sie zuletzt den Lehrstuhl für Neugeborenenmedizin an der Berliner Charité.

Ein Stückchen Versöhnlichkeit

Am kommenden Dienstag wird Ingeborg Rapoport zum ersten Mal, seit die Nationalsozialisten sie von der Hamburger Universität verjagten, an diesen Ort zurückkehren. Uwe Koch-Gromus, der Dekan der medizinischen Fakultät und ihr heutiger Doktorvater, wird ihr die Urkunde mit dem erworbenen Titel überreichen. Es ist mehr als eine späte Geste. Die Universität sehe sich verpflichtet, immer wieder aufs Neue die eigene Geschichte zu befragen, sagt Koch-Gromus. In seiner Rede zur Promotionsfeier möchte er aber auch „ein Stückchen Versöhnlichkeit zum Ausdruck bringen“.

„Wiedergutmachung kann man das nicht nennen“, sagt Ingeborg Rapoport. „Es lässt sich nichts wiedergutmachen.“ Für sie gehe es um die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, in der Hoffnung, es künftig besser zu machen. „Ich habe es für die Opfer getan, für all jene, die keine Möglichkeit haben, gehört zu werden.“ Dem Dekan ist sie sehr dankbar, dass die Initiative zu der „ganzen Aktion“, wie sie es nennt, von seinem Haus ausgegangen ist.

Als sie sich in den vergangenen Monaten auf das Prüfungsgespräch vorbereitete, seien viele schmerzliche Dinge aus ihrer Studienzeit wieder aufgetaucht. Scheußlichkeiten, die ihr selbst, aber auch Menschen um sie herum passiert sind. Schmähungen durch die braunen Studenten an der Uni. „Ich habe gespürt, dass die Vergangenheit, die schon sedimentiert war, wieder aufgewirbelt wird.“ So spricht eine Frau, die sich Zeit ihres Lebens neben der Kinderheilkunde und der Wissenschaft auch der Literatur verbunden fühlt. Die Dostojewski und Tolstoi verehrt und gerade Maupassant wieder neu für sich entdeckt. „Kennen Sie ‚Mont Oriol‘?“, fragt sie. „Nein?“ Sie klingt etwas enttäuscht. „Eine Geschichte ums Verlieben, Lieben und Entlieben in dieser korrupten, verarmten Oberschicht.“

Aber eigentlich würde sie gern erst mal weiter von ihrer Prüfung erzählen. „Über Diphtherie hatte ich seit meinem Examen nicht mehr gearbeitet“, sagt sie. „Ich musste mich auf den neuesten Stand bringen. Da ich fast blind bin, konnte ich nicht selbst recherchieren. Meine Schwiegertochter und ein früherer Schüler von mir haben mir dabei geholfen. Ich habe Fragen gestellt und sie sind diesen nachgegangen. So ging das hin und her.“ Als sich dann der Prüfungsausschuss mit dem Dekan in ihrem Wohnzimmer niederließ, sei sie furchtbar nervös gewesen. In ihrem Berufsleben hat sie ständig Prüfungen abgenommen, und nun saß sie plötzlich selbst noch einmal mit feuchten Händen da. Und wie ist es gelaufen? „Ich war nicht zufrieden mit mir“, sagt sie. „Die biochemischen Fragen hatte ich mir gut zurechtgelegt. Aber dann ist mir doch einiges flöten gegangen im Kopf.“

Als Uwe Koch-Gromus das hört, muss er am Telefon laut lachen. „Sie hat sich entschuldigt, dass ihr drei Begriffe nicht gleich eingefallen sind. Das ist geradezu witzig, wenn sie unsere Prüfungen sonst so erleben.“ Er sei beeindruckt gewesen von ihrer Eloquenz, ihrem Humor, ihrer Freundlichkeit. Sie habe sich kritisch mit ihrer Arbeit auseinandergesetzt, „was wir von einem guten Kandidaten auch erwarten“, sie sei exzellent über moderne Ansätze auf ihrem Forschungsgebiet informiert gewesen. Das war kein Kaffeekränzchen, es gab eh nur Mineralwasser, sondern „explizit vergleichbar mit jeder anderen Prüfung“, wie der Dekan sagt. Ihre Note ist magna cum laude, mit großem Lob.
Damit wäre diese Sache erledigt. Vieles aber bleibt offen. In einem Jahrhundertleben sammelt sich einiges an. Ingeborg Rapoport hat in insgesamt fünf deutschen Staaten gelebt, vom Kaiserreich bis zur heutigen Bundesrepublik. Das Exil führte sie nach Amerika und Österreich. Von ihrer jüdischen Mutter protestantisch erzogen, wurde sie unter dem Eindruck der Rassentrennung in den USA „von der gläubigen Christin zur gläubigen Kommunistin“. Sie hat zwei Weltkriege erlebt, die Novemberrevolution und schließlich den Versuch DDR, mit dessen Scheitern sie immer noch nicht fertig geworden ist, wie sie sagt. „Insgesamt betrachte ich mein Leben als glücklich. Trotz allem. Ich möchte jeden Moment noch mal erleben, auch die schwierigen.“

Einen ziemlich schwierigen Moment gab es für sie schon, als sie noch nicht einmal laufen konnte. Beinahe wäre dieses Leben schon zu Ende gewesen, noch ehe es richtig begonnen hatte. Ingeborg Rapoport wurde am 2. September 1912 in der deutschen Kolonie Kamerun geboren, wo ihr Vater als Kaufmann tätig war. Als sie sechs Monate alt war, reiste ihre Mutter mit ihr mit dem Schiff nach Deutschland. Tagsüber schlief das Kind zumeist auf dem Deck. Doch einmal kam Sturm auf, die Mutter hatte sich seekrank in die Kabine zurückgezogen und das Wägelchen rollte von einer Seite zur anderen. Nachdem ein halbes Jahr zuvor die „Titanic“ untergegangen war, drohte nun auch der Kinderwagen mit der kleinen Ingeborg im Atlantik zu versinken. Zum Glück habe „in letzter Minute“ ein Passagier zugegriffen. So habe ihr die Mutter das später jedenfalls erzählt, sagt sie.

Mitten im Gespräch entschuldigt sie sich einmal, dass ihre Gedanken manchmal solche Sprünge machen. Vom Gestern ins Heute und zurück. Das ist ein bisschen kokett, denn sie weiß natürlich, dass sich eine Hundertjährige Gedankensprünge in alle Richtungen gestatten darf. Sie strahlt die Autorität eines Menschen aus, der sich seiner Klugheit durchaus bewusst ist und deshalb auch Scherze über sich selber machen kann. Auf die Weisheit des Alters angesprochen, sagt sie: „Wissen Sie, was mein Mann mal zu mir gesagt hat, nicht sehr ritterlich? ‚Du reifst nicht, du schrumpelst.‘ Für einen weisen Menschen bin ich wohl zu kindisch.“ Ihr Mann Mitja ist die Liebe ihres Lebens. Während sie von ihm erzählt, schaut er von einem Foto über ihre Schulter.
Nachdem sie in die USA emigriert war und ihren Medical Doctor gemacht hatte, heiratete sie dort den Biochemiker Samuel Mitja Rapoport, den die Amerikaner Sam nannten und alle anderen Mitja, ein jüdischer Flüchtling aus Wien und Kommunist noch dazu. Seine Forschungsarbeit während des Zweiten Weltkriegs trug dazu bei, Blutkonserven bis zu drei Wochen haltbar zu machen, was Tausenden Soldaten das Leben rettete. Für seine Leistungen erhielt Rapoport vom US-Präsidenten Truman nach dem Krieg das „Certificate of Merit“, den höchsten an Zivilisten vergebenen Orden der Vereinigten Staaten von Amerika.

Das hinderte dieselbe Regierung nicht, ihn und seine Frau im Kalten Krieg politisch zu verfolgen. Als sie vor den „Ausschuss für unamerikanisches Verhalten“ zitiert wurden und Gefängnis drohte, flohen sie erneut – zurück nach Europa.

Mitja Rapoport bewarb sich an Universitäten in seiner Heimatstadt Wien, in Frankreich, England und der Sowjetunion. Vergeblich. Im Westen wirkte der Antikommunismus, den Sowjets war er mit seinem US-Pass suspekt. Schließlich folgte er dem Ruf an die Humboldt-Uni. 1952 zog Ingeborg Rapoport mit ihrem Mann und ihren vier Kindern nach Ost-Berlin, in eine sogenannte Intelligenzsiedlung im Ortsteil Niederschönhausen, wo die Schauspielerin Inge Keller und der Bildhauer Fritz Cremer zu ihren Nachbarn gehörten. Seit dem Tod ihres Mannes 2004 wohnt sie allein in dem Haus. Davor erinnert eine mächtige Fichte an Mitja Rapoport und an den Lauf der Zeit. Er hat sie vor sechzig Jahren als winzigen Setzling gesteckt.

Schwierige Heimat

Erinnerungen überall. Im Wohnzimmer steht ein Flügel, auf dem schon lange niemand mehr spielt, in den Regalen stehen Bücher und Kunstbildbände, die sie nicht mehr lesen und betrachten kann, seit ihre Augen so stark nachgelassen haben. Doch ist das hier nicht die Welt von gestern. Als sie in den letzten Tagen von Journalisten aus Deutschland, aber auch aus Spanien, den USA und Kanada ausgefragt wurde, war das nicht nur anstrengend für sie. „Mich interessieren die Menschen, die kommen, ihre Art ist sehr unterschiedlich.“ Sie ist neugierig geblieben. Und ihren Maupassant hört sie jetzt eben als Hörbuch. So gut es geht, verfolgt Ingeborg Rapoport die täglichen Nachrichten, so hat sie jetzt von den Berliner Vierlingen gehört. „Ich bin erstaunt, dass es medizinisch möglich ist“, sagt sie als Spezialistin für Frühgeburten. „Aber ich finde es respektlos, über die Motive der Frau zu reden, ohne sie persönlich zu kennen. Ich habe das nicht moralisch zu bewerten.“ Oft verfolgen die Nachrichten auch sie. Sie sorgt sich um die Flüchtlinge in der Welt, „wenn ich mir vorstelle, wie viele Menschen über das Meer hin- und herfahren und an den Ufern nicht akzeptiert werden“.
Auch sie war einst über das Meer gekommen, mit dem Dampfer von Antwerpen nach New York. Und sie ist den Amerikanern ewig dankbar, dass sie ihr damals das Leben gerettet haben. Sie lobt die Freundlichkeit der Menschen, die Toleranz – selbst derer, die ihre politischen Überzeugen nicht teilten. „So eine Freiheit gab es in der DDR nicht“, sagt sie, obwohl sie die DDR sonst verteidigt, so gut es ihr möglich ist. Und doch ist ihre Sehnsucht nach Amerika nie wirklich erloschen. Als Obama Präsident wurde, habe sie zu Hause geweint vor Freude sagt sie. „Aber er konnte seine Träume nicht verwirklichen.“ Es ist die Tragik ihres Lebens, sich nirgends zugehörig zu fühlen, ein Schicksal der Flüchtlinge und Emigranten zu jeder Zeit. „Mit den Menschen ist alles okay, da spüre ich schon eine Verbindung“, sagt sie. „Aber wenn sie mich nach Heimat fragen, wird es schwierig.“

Ihre Erinnerungen hat Ingeborg Rapoport „Meine ersten drei Leben“ genannt. Da war sie gerade achtzig. Längst steckt sie mitten im vierten.