Wie sie da stehen, die jungen Leute. Eben waren sie noch Kinder, spielten mit Ritterburg und Traum-Pferden, nun tragen sie schicke Kleider oder Anzüge. Mädchen wie Jungen  zeigen Individualität, manche zurückhaltend, manche kühn. In diesen Frühlingswochenenden feiern viele Tausend Jugendliche den Beginn des Erwachsenwerdens.

Es ist ein Glück, was da geschieht

Wie man es auch nennen mag, Jugendfeier oder -weihe, es ist ein Glück, was da geschieht. Tränen der Rührung kullern aus Eltern- und Großelternaugen. Die meisten sind unendlich stolz auf die neue Generation. Familien reisen an, um diesem einen jungen Menschen zu sagen: Wir nehmen Dich ernst. Wir würdigen Dich. Wir nehmen wahr, dass Du Dich änderst, und heben unsere Beziehung auf eine neue Stufe. Ja, man wird nur einmal erwachsen, und das ist eine durchaus ernste Sache.

Die Jugendlichen und ihre Familien haben sich aus freiem Willen für diese säkulare Feier entschieden, sie kommen ohne Religion aus, jedoch nicht ohne die wunderbaren Riten, die Familien ausmachen, den Lebensweg markieren, den Alltag unterbrechen – die zum Menschsein gehören.

Mutproben bestehen, Schwüre ablegen

Nicht zufällig pflegten schon frühe Gesellschaften Initiationsriten. Oft waren sie hart: Vor allem Jungen wurden auf Kämpfe und Schmerzen vorbereitet. Streng wurde ihnen ihr Platz in der Gesellschaft zugewiesen. Sie mussten Mutproben bestehen, Schwüre ablegen. Die Botschaft lautete: Jetzt wird es ernst. Hierzulande und heutzutage geht es entspannter zu, aber der Sinn ist doch derselbe.

In diesem Jahr haben sich sich mehr als 6300 Berliner und Brandenburger zur Jugendweihe beim Humanistischen Verband angemeldet, das ist knapp ein Viertel aller 13- bis 14-Jährigen. 86 Prozent von ihnen wohnen in den Ost-Berliner Stadtbezirken. Weitere wählten als Veranstalter den Verein Jugendweihe Berlin/Brandenburg.

Es ist den Jungen wichtig. Und den Älteren

In Berlin und Brandenburg blieb jener Anteil der Jugendlichen, die sich für die Jugendweihe entschieden, in den vergangenen Jahren konstant. Die atheistische Feier ist etabliert, das Geätze über das angeblich sozialistische Pflichtritual weitgehend verstummt. Es zeugte auch von der Ahnungslosigkeit westlicher Nörgler, die nicht sehen wollten, wie stark das Bedürfnis der Familien nach Traditionen und Zusammenhalt gerade in der DDR war. Es war den Jungen wichtig, aber auch den Älteren, denn die Feier würdigt auch deren Leistung.

Es ist ja richtig, was ein afrikanisches Sprichwort besagt: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.“ Gibt es die Geborgenheit des großen, sicheren Kreises nicht, leidet das Kind. In westlichen Großstadtgesellschaften geschieht das gar nicht so selten, wie der Psychologe Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan von der Universität Duisburg-Essen kürzlich in Berlin darlegte: Demnach wächst die  Verwahrlosung isoliert in sozial schwachen Haushalten lebender Kinder, und so gesehen sei der „Familiarismus“ Türkischstämmiger  ein Vorteil.

160 Jahre Tradition

Sicherlich hat die hohe Akzeptanz der Jugendfeier auch damit zu tun, dass die Wendehoffnung der Kirchen, der Osten flöge ihnen wieder zu, einem realistischeren Blick weicht. Die Fakten sprechen für sich: Etwas mehr als zehn Prozent eines jeden Jahrgangs lassen sich konfirmieren, knapp vier Prozent feiern in Berlin Kommunion.

Die Jugendweihe hat hierzulande mehr als 160 Jahre Tradition. Der Name wird als Marke geschätzt, die meisten Familien nennen das Fest so. Der Humanistische Verband versucht mit einiger Wortakrobatik, die Hand über der Bezeichnung zu halten und sich zugleich von der DDR-Mündigkeitsfeier zu distanzieren. Man wolle keinen Jugendlichen zu irgendetwas oder für jemanden weihen, heißt es. Aber auf jedem Kugelschreiber steht: Jugendfeier – die humanistische Jugendweihe.

Wie stark das Fest werden kann, über alle Äußerlichkeiten hinaus, erlebten die Teilnehmer der ersten großen Feier 2017 im Friedrichstadt-Palast. Das lag am Festredner, der jeden Vortragsprofi, jeden routinierten Pastor in den Schatten stellte: Janis McDavid. Ein smarter junger Mann, der 1991 ohne Arme und Beine geboren wurde, und in seinem Hightech-Rollstuhl auf die große Bühne rollte.

2018? Alles ausgebucht

Er hat studiert, auch im Ausland. Er fährt Auto, malt mit dem Mund, startet in eine Berufskarriere. Dieser grandiose Redner gab den Jugendlichen Folgendes mit auf den Weg: „Ich wünsche euch, dass es euch gelingt, euch selbst anzunehmen, um nicht Zuschauer im eigenen Leben zu sein, sondern Regie zu führen.“ Das merkt man sich fürs Leben.

Die Anmeldungen für 2018 beim Humanistischen Verband sind abgeschlossen. Alles ausgebucht.