Sven K. (rechts) hat über das Projekt „Housing First“ Hilfe in einer Krise erfahren. 
Foto: Gerd Engelsmann

BerlinSven K. weiß, was es bedeutet, gesellschaftlich ganz unten angekommen zu sein. Er saß fünfeinhalb Jahre wegen verschiedener Gewaltdelikte im Gefängnis und war lange Zeit obdachlos. Einer wie er, hätte auf dem Berliner Wohnungsmarkt kaum eine Chance. Doch genau für solche Menschen wie ihn, setzt sich „Housing First“ seit Oktober 2018 ein. 24 obdachlose Berliner haben durch das vom Senat geförderte Projekt bereits Hilfe erfahren, drei weitere sollen demnächst einen Mietvertrag unterzeichnen.

Probleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen

Sven K. hat eine Einzimmerwohnung in Hohenschönhausen bezogen. Seinen vollen Namen will er nicht nennen, weil er Sorge hat, dass seine persönliche Geschichte ihm die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt erschweren könnte. „Housing First“-Mitarbeiter Sebastian Böwe weiß, wie schwierig es ist, sich aus einer Lebenskrise zu befreien. „Wir müssen diese Menschen so akzeptieren, wie sie sind. Sie sind auf der Straße, weil sie Probleme haben, die sich nicht von heute auf morgen lösen lassen.“

So wie Sven K. Das Schicksal meinte es schon früh nicht gut mit ihm. Mit zwölf kam er ins Kinderheim. „Ich blieb nach der Trennung meiner Eltern bei meinem Vater. Aber er war nicht in der Lage, mich zu erziehen.“, sagt er.

Wir müssen diese Menschen so akzeptieren, wie sie sind. Sie sind auf der Straße, weil sie Probleme haben, die sich nicht von heute auf morgen lösen lassen. 

Sebastian Böwe, Mitarbeiter vom Projekt Housing First

Bereits ein Jahr später hatte er erste Drogenerfahrungen. „Ich kam über andere Kinder im Heim an LSD und probierte es aus.“ Sven K. begann zusätzlich, sich mit Alkohol zu betäuben. Im Rausch ließ sich seine Sehnsucht nach Liebe besser aushalten. Mit 21 erlebte er erstmals tiefe Gefühle für eine Frau. Er verliebte sich und wurde zum ersten Mal Vater. Doch die Beziehung zerbrach ein Jahr später schon wieder. Durch die Wirkung des Alkohols habe er seine Emotionen nicht mehr im Griff gehabt.

Sven K. blieb ein Immer-wieder-Scheiternder, ein Suchender nach der vermeintlich heilen Welt. Doch vieles, was er versuchte, setzte er gleich wieder in den Sand.   Er bekam drei weitere Kinder – von   drei verschiedenen Frauen. Seine Erklärung klingt zu einfach: „Ich wünschte mir so sehr eine Familie, dass ich permanent auf die falschen Frauen reinfiel“, erklärt er sein Dasein nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip.

Sven K.: „Die Arbeit gibt mir eine Struktur“

Zuletzt saß er 2018 mehrere Monate in der JVA Plötzensee ein, weil er einen Nebenbuhler krankenhausreif prügelte. Wieder die Emotionen, die er immer noch nicht im Griff hat. Alkohol braucht er noch immer, trotz mehrerer Entzüge. „Ich trinke jetzt aber kontrollierter. Ganz aufhören schaffe ich nicht“, sagt er. Vor allem in Situationen, die Aufregung in ihm auslösten, verlange er nach Alkohol. Auch an diesem Morgen, als er sich mit den Reportern trifft, habe er zwei Bier getrunken. „Ich habe mir Mut angetrunken“, sagt Sven K.. Der Alkohol, das Problem, das er noch in den Griff bekommen muss, damit er nicht wieder abrutscht.

Sven K. verlor nicht nur Wohnungen, sondern auch Jobs. „Immer wenn mir langweilig wurde, habe ich alles hingeschmissen“, sagt er. K. hat schon als Tankwart, Bürokaufmann, Lagerarbeiter und Bauarbeiter gejobbt. Seit kurzem arbeitet er ehrenamtlich in einem Obdachlosenprojekt. Er hofft: „Die Arbeit gibt mir eine Struktur und hilft mir, meine Sucht besser in den Griff zu bekommen.“

„Die Erfahrung hat gezeigt, wenn obdachlose Menschen wieder eine Wohnung haben, können sie auch die anderen Baustellen angehen“, sagt Sebastian Böwe. Das Ziel von „Housing First“ ist es, binnen drei Jahren 40 Obdachlosen Wohnraum zu vermitteln. Sven K. hat Mut geschöpft. Er sagt: „Mein neues Zuhause ist ein Geschenk und gibt mir die Kraft, mein Leben noch einmal zu ändern.“