Berlin - Man kennt solche Szenen: Flaschensammler wühlen in Müllbehältern, auf der Suche nach Leergut. Ihre Arme stecken tief im Abfall, sie tasten nach Flaschen, manche greifen in Scherben. „Das ist doch entwürdigend“, sagt Matthias Gomille. „Was die einen achtlos wegschmeißen, bedeutet für andere viel Geld.“ Gomille ist 30, wohnt in Friedrichshain, er wirkt unkompliziert und gesprächig. Als Art Director einer Werbeagentur kennt er viele Leute, ist gut vernetzt. Und er trinkt gern Bier.

Die BSR lehnt das Projekt ab

Vor einem Jahr hat er die Initiative „Pfand gehört daneben“ gegründet. Damit die Leute ihre leeren Flaschen nicht mehr in den Müll werfen. In Ausgehvierteln wie rund um den Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg, der Sonntagstraße in Friedrichshain und am Mauerpark in Prenzlauer Berg hängen jetzt leere Pfandkisten an Laternenmasten. Dort kann man ausgetrunkene Flaschen hineinstellen. Die Pfandkisten stammen vom Hamburger Getränkeproduzenten Lemonaid, er versorgt neben Hamburg und Berlin auch Initiativen in anderen Städten.

In Workshops lernten die Initiatoren, wie man die Kästen aufschneidet, ein Loch hineinsägt und mit Kabelbinder an den Masten befestigt. Gomille sagt, sollten keine Pfandkisten in der Nähe sein, sollen die Leute ihre Flaschen neben die Mülleimer stellen. „Solange es Leute in unserem Land nötig haben, Flaschen zu sammeln, möchte ich nicht, dass sie dafür im Müll wühlen müssen.“

Doch längst nicht allen gefällt Gomilles Aktion. Die Berliner Stadtreinigung (BSR) etwa lehnt die Kampagne „Pfand gehört daneben“ strikt ab. BSR-Sprecher Bernd Müller sagt, Glasflaschen gehörten in den Müll und nicht auf die Straße, sie seien eine Unfallgefahr. Müller spricht von „zunehmender Verschmutzung“ und von „möglichen Verletzungen durch Scherben“. Und er zweifelt am sozialen Gedanken der Aktion: „Wer will denn gewährleisten, dass wirklich nur Bedürftige die Pfandflaschen einsammeln, wenn sie erstmal neben den Mülleimern und in den Pfandkisten stehen?“ Jeder könne sie einsammeln und sich das Pfandgeld auszahlen lassen.

Matthias Gomille lässt sich von der BSR nicht abhalten, sich weiter für seine Idee einzusetzen. Er hat eine Internetseite eingerichtet, er hat Aufkleber drucken lassen. Bei Facebook unterstützen fast 18 000 Menschen sein Anliegen. Und seine Aktion verbreitert sich. Initiativen gibt es jetzt auch in Hamburg, Oberhausen, München und Ingolstadt.

In Köln hat der Designstudent Paul Ketz einen orangefarbenen Pfandring entworfen, den er nachts an runde Abfallbehälter montiert hat. Die Stadtverwaltung hat protestiert. In Osnabrück wollen nun Politiker von SPD und Grünen spezielle Sammelbehälter errichten.

In Berlin kümmern sich die Grünen in der City West um das Thema. Alexander Kaas Elias, Bezirksverordneter in Charlottenburg-Wilmersdorf, hat dort den Vorschlag gemacht, Pfandkästen an Mülleimern anzubringen, ganz offiziell. „Es muss eine einfache Lösung geben“, sagt er. Das scheint allerdings zweifelhaft, wenn die BSR das Projekt ablehnt. Letztendlich duldet die Stadtreinigung aber die Pfandkästen, jedenfalls bleiben sie bislang an den Masten hängen.

Und längst unterstützen auch bekannte Bands die Aktion, darunter sind die Beatsteaks und Jennifer Rostock. Sie werben auf großen Plakaten für die Initiative. Andere Musiker, wie Yellow Cap und Punk Electro Turbo Team, haben Songs für die Kampagne „Pfand gehört daneben“ geschrieben.

Am 21. November werden diese Lieder beim Yellow-Cap-Konzert im Cassiopeia in Friedrichshain gespielt. Dort feiert Matthias Gomille mit seinen Anhängern den ersten Geburtstag seiner Initiative.