Berlin - Bis zum Jahr 2020 sollen nahezu alle behinderten Kinder keine Sonderschulen mehr besuchen, sondern Regelschulen. Von den derzeit über 80 Sonderschulen werde es dann nur noch einige wenige geben, sagte Sybille Volkholz, die als Vorsitzende des Beirats zur Inklusion am Freitag die Empfehlungen des Gremiums vorstellte.

Nach den bisherigen Planungen müssen sich vor allem Grund- und Sekundarschulen auf umfassende Änderungen vorbereiten. Künftig dürften in jeder Klasse ein, zwei oder auch mehr Kinder mit Behinderungen zusätzlich sein. Allein ein verhaltensauffälliges Kind kann den Unterricht aber ganz schön aufmischen, für köper- oder sehbehinderte Kind muss ein Schulgebäude womöglich umgebaut werden.

Immer noch keine einheitliche Empfehlung

In Berlin haben derzeit 19.800 von etwa 300.000 Schüler einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Die Hälfte dieser Kinder besucht bereits eine integrative Schule, das heißt, sie werden gemeinsam mit Nichtbehinderten unterrichtet. Das ist deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt. Doch binnen weniger Jahre soll sich der Anteil der behinderten Schüler an Regelschulen nun insgesamt verdoppeln.

75 Prozent der Kinder mit Behinderung sind dabei lern- und sprachbehinderte sowie verhaltensauffällige Kinder. Die Bildungsverwaltung geht davon aus, dass diese Schüler sich verstärkt an Grundschulen in schwierigen Quartieren sammeln werden. Denn bei Sprach- und Lernbehinderung spiele oft auch das Elternhaus eine Rolle, heißt es.

Der von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) eingesetzte Beirat unterstützt prinzipiell die so genannte Inklusion auf der Grundlage der UN-Behindertenkonvention. Auf eine einheitliche Empfehlung konnte man sich aber nach sieben Sitzungen nicht einigen. Ausgerechnet die vier Vertreter der Eltern und Behinderten, die unmittelbar Betroffenen, lehnten die geplante Personalausstattung als unzureichend ab. Günter Peiritsch vom Landeselternausschuss sprach vom „Sparmodell“.

Künftig soll jede Regelschule abhängig von der Zahl der Kinder aus armen Elternhäusern eine pauschale Zuweisung an Sonderpädagogen für die lern- und sprachbehinderten sowie die verhaltensauffälligen Schüler erhalten. Diese Pädagogen werden frei, wenn Sonderschulen nach und nach aufgelöst werden. Je nach Anteil der Kinder, deren Eltern von Lernmittelzuzahlung befreit sind, soll die Quote der zusätzlichen Personalausstattung bei 2,5 bis 5,5 Prozent pro Schule liegen.

15 Millionen Euro für zusätzliches Personal nötig

Bei einer größeren Grundschule mit vielen bedürftigen Kindern sind das drei zusätzliche Sonderpädagogen. Für jedes Kind mit Behinderung hätten diese Sonderpädagogen dann 2,5 Stunden Zeit in der Woche. Eltern und auch der Landesbehindertenbeauftragte Jürgen Schneider verlangen hingegen mindestens 3,5 Förderstunden pro Kind. Senatorin Scheeres weist aber darauf hin, dass zusätzlich 300 Sonderpädagogen bereitstehen sollen, die je nach Bedarf an die Schulen gegeben werden können.

Um auf dieses zusätzliche Personal zu kommen, müssten insgesamt 15 Millionen Euro jährlich aufgewandt werden. Diese Sonderpädagogen sollen laut Scheeres nicht von den Bezirken, sondern von der Schulverwaltung verteilt werden. „Sie dürfen nicht als Vertretungslehrer eingesetzt werden“, warnte Scheeres. Genau dies aber passiert bisher oft.

Kinder mit geistigen, körperlichen oder anderen schweren Behinderungen erhalten weiter wie bisher nach individueller Prüfung eine bestimmte Anzahl von Förderstunden. Für lern- und sprachbehinderte Kinder entfällt hingegen die zentrale Feststellung ihrer Defizite bei Einschulung. Das stigmatisiere diese Kinder zu sehr, so die Mehrheit im Beirat.

Künftig sollen die Lehrer vor Ort mögliche Defizite der Schüler im Rahmen einer lernbegleitenden Diagnostik erkennen. Die Hilfen könnten sich im Laufe des Schulbesuchs ändern, sagte Volkholz. Diese Verfahren überfordere die Lehrer, entgegnen Kritiker. Ab dem Schuljahr 2014/15 soll das Gesamtkonzept umgesetzt werden.