Es sollte der Tag werden, an dem die Polizeiführung mit allen Vorwürfen aufräumt. Etwa denen, dass kriminelle Clans versuchten, die Polizei zu unterwandern. Oder dass an der Polizeiakademie chaotische Zustände herrschten.

Doch ausgerechnet am Mittwoch wurde bekannt, dass eine Verwaltungsrechtsstudentin bei ihrem Praktikum im Polizeiabschnitt 41 heimlich Dokumente fotografierte und per Whatsapp verschickte. Es sind Fahndungsfotos zu Mitgliedern einer polizeibekannten arabischen Großfamilie. Die 20-Jährige gehört zu dieser Familie.

In Berliner Behörden, vor allem bei der Polizei, gibt es anscheinend ein ganz spezielles Nachwuchsproblem. Am Mittwoch äußerten sich Innensenator Andreas Geisel (SPD), Polizeipräsident Klaus Kandt und dessen Stellvertreterin Margarete Koppers im Innenausschuss zu massiven Vorwürfen. Etwa jenem, dass die organisierte Kriminalität die Polizei unterwandere. Dies behauptet ein angeblicher LKA-Beamter in einem anonymen offenen Brief.

Zudem berichtet ein Gast-Dozent in einer per Whatsapp verbreiteten Sprachnachricht von Hass und Lernverweigerung bei Schülern mit Migrationshintergrund.

Der Urheber Whatsapp-Nachricht wurde identifiziert

Kandt und Koppers sind empört, dass die Vorwürfe anonym erhoben wurden. „Man kann uns eine E-Mail schreiben oder um ein Gespräch bitten“, sagte Margarete Koppers, worauf ein amüsiertes Raunen durch das mit vielen Polizisten besetzte Publikum ging. Kandt hält den Brief für verleumderisch und deshalb für strafrechtlich relevant.

Der Urheber Whatsapp-Nachricht wurde identifiziert und zur Rede gestellt. Es ist ein Sanitäter des polizeiärztlichen Dienstes, der einem Bekannten die Nachricht schickte – wohl ohne zu ahnen, dass dieser sie verbreiten würde. „Die Ausbildungsklasse wurde angehört, die Situation stellt sich inzwischen anders dar“, so Kandt. „Ich bin überzeugt, dass sich der Kollege wünscht, er hätte diese Sprachnachricht nie gesprochen.“

Innensenator Geisel hat Kandt beauftragt, in vier Wochen einen Bericht zu den Vorwürfen vorzulegen. Sichtlich aufgebracht sagte er: „Ich dulde nicht, dass fremdenfeindliche Ressentiments bedient werden.“ Er stellte selbst die Frage, warum die Kritik anonym geäußert wurde. Es gebe wohl Befürchtungen wegen personeller Konsequenzen.

Die Fehlerkultur müsse besser werden. Dieser Satz dürfte auf Zustimmung stoßen. Polizisten berichten seit vielen Jahren von einer Atmosphäre der Angst und des Duckmäusertums. Wiederholt gibt es Berichte, dass unbequeme Beamte und Kritiker versetzt würden. Kaum einer würde deshalb offiziell Margarete Koppers eine Mail schreiben. Es brodelt also weiter anonym.

„Die Auszubildenden sind wegen der Vorwürfe erschüttert und verunsichert“

Im Ausschuss äußerten sich Koppers und Kandt zu den Vorwürfen: Die Behauptung einer Unterwanderung durch arabische Clans sei falsch. Diese würden das auch nicht beabsichtigen, schon weil ihre Namen bekannt seien. Bei allen Bewerbern gebe es personenbezogene Einzelfallprüfungen.

Auch Berichte über eine Schlägerei seien falsch, ebenso Berichte, dass muslimische Schüler sich weigerten, zusammen mit Frauen am Schwimmunterricht teilzunehmen. „Die Auszubildenden sind wegen der Vorwürfe erschüttert und verunsichert“, sagte Koppers. Es gebe keine Anhaltspunkte für Missstände.

Sie räumte ein, dass es zurzeit 33 offene Disziplinarverfahren gebe, etwa wegen Körperverletzung, Beleidigung oder Täuschung bei Prüfungen. Die Ausbilder, formulierte Koppers, träfen auf Auszubildende, die „ein anderes Koordinatensystem haben“. Die Ausbilder seien eine homogene Gruppe und träfen auf Vielfalt.

„Vorhang zu, alle Fragen offen“

Koppers und Kandt brachten auch den stellvertretenden Leiter der Akademie mit. Der muss mit viel mehr Polizeischülern klarkommen als früher. Nach Jahren des Sparens werden nun jährlich 1200 Auszubildende eingestellt.

„Mehr Auszubildende bedeuten auch mehr Disziplinlosigkeit“, sagte der stellvertretende Akademieleiter. „Die jungen Auszubildenden sind anders als wir früher.“ In jeder Klasse gebe es den typischen Störenfried. „Aber 80 Prozent nehmen wir kaum wahr.“

Nach zwei Stunden war der Ausschuss beendet. Die Gewerkschaft der Polizei erklärte, die Sitzung hätte man sich sparen können. „Vorhang zu, alle Fragen offen“, bemerkte Marcel Luthe von der FDP. Burkhard Dregger (CDU) teilte mit, der Senator habe die Chance ungenutzt gelassen, zur Aufklärung beizutragen. SPD, Grüne und Linke warfen der Opposition „Skandalisierung statt Aufklärung“ vor.