BERLIN - André Szatkowski würde der Insel am liebsten einen anderen Namen geben. „Insel der Jugend“, sagt er und verzieht das Gesicht. „Dieser Osttouch, das klingt so oll.“ Besser, sie hieße wieder Abteiinsel wie einst, wie Ende des 19. Jahrhunderts, als die Berliner noch am Ufer entlang flanierten, als wäre die Spree die Seine. Da war die Insel ein Ort des Vergnügens, war Symbol bürgerlichen Wohlstands, künstlich aufgeschüttet und Teil der größten Gewerbeausstellung, die die Welt je gesehen hatte. Ein – 1914 abgebranntes – Ausflugslokal im Stil einer schottischen Klosterruine gab ihr den Namen.

„Damals war hier Halligalli“, sagt André Szatkowski. Damals gab es auch noch keine Anwohner, die sich über Lärm beschwerten und so heute ihm, dem Betreiber des Biergartens, dem Gründer des Vereins, der auf der Insel Partys, Theatervorführungen, Konzerte, Kinderfeste, Kinoabende stattfinden lässt, das Leben schwer machen.

Szatkowski sitzt an einem Gartentisch am Ufer, der Tag ist noch frisch, die Stühle nass vom Regen der Nacht, auf der Spree schaukelt ein Tretboot vorbei. Ausgerechnet ihn stört der Name der Insel. Dabei sieht er, obwohl er bald vierzig wird, aus wie der typische Berufsjugendliche: weite Hosen mit Taschen an den Seiten, T-Shirt, im jungenhaften Gesicht nur ein Bärtchen unter der Unterlippe. Und dann ostberlinert er auch noch so frech, dass alles, was er sagt, ein bisschen hingerotzt klingt.

Ausstellung is nich, sagte der Kaiser

Es gäbe also keinen besseren Ort als eine Insel der Jugend für einen wie Szatkowski, möchte man meinen. Mit der Kaiserzeit hat er außerdem so viel zu tun wie der Kaiser 1896 mit der Gewerbeausstellung: Ausstellung is nich, sagte der. Kaufleute veranstalteten sie dann in Eigenregie.

Wenn Szatkowski nur das nötige Geld hätte und wenn man ihn doch nur ließe, dann würde er aus der gesamten Insel wieder einen Ort des Vergnügens machen. Nur sagen heute die Behörden: Is nich. Das hat mit den ruheliebenden Bewohnern der nahe gelegenen Stralauer Halbinsel zu tun. Und mit den Jugendlichen, die hier leben, in einem grauen Haus aus den Fünfzigerjahren, gleich neben dem Biergarten. „Ja, wenn das Mädchenwohnheim nicht wäre“, sagt Szatkowski. „Ja, dann …“

Aber erst mal sind die Dinge auf der Insel, wie sie sind. Szatkowski hat hier selbst seine Jugend verbracht. Wenn er sie nun also gerne umbenennen würde, dann vielleicht auch, weil er erwachsen geworden ist. Abteiinsel, das klingt so schön nach was. Und so gerne man für immer jung wäre, will man wirklich seine Jugend zurück? Man stelle sich vor, alles noch einmal erleben zu müssen.

„An die Nächte auf der Insel kann ich mich kaum erinnern, muss ich gestehen“, sagt Szatkowski. Er weiß noch, wie diese Nächte begannen: mit einem Tütchen auf der Brücke, die Schlange vor dem Eingang zum Club zog sich bis ans Ufer. „Dann ist man rein in die Höhle.“ Schwarze Wände, Schwarzlicht, Stroboskope, ohrenbetäubende Musik. Und wieder raus, wenn die Sonne aufging. „Morgens um sieben verschallert auf der Brücke sitzen, das gehörte zu jeder Party“, sagt Szatkowski, „das war immer groß.“ Wer sich an mehr erinnert, war eben nicht dabei.

„Wir waren wie losgelassen“, sagt Szatkowski. Zu jung, um mehr als Kindheitserinnerungen an die DDR zu haben, alt genug, um die Orientierungslosigkeit der Eltern nach der Wende als Freiraum zu erkennen. Szatkowski wuchs in Friedrichshain auf, der Vater war Erzieher, die Mutter sang an der Staatsoper. Beide hinterfragten das System nicht. „Als die Mauer weg war, hatten sie genug mit sich selbst zu tun“, sagt Szatkowski. Dass es vielen Jugendlichen mit ihren Eltern so erging, dafür mögen Orte wie die Insel der Jugend stehen.

Es waren Auffangbecken der Wendejugend, gut finanziert, ausgestattet mit besten Musikanlagen und jungen Erziehern, die selbst gerne feierten. Wenn Szatkowski nicht in einem dieser Clubs war, die Linse, Mellowpark oder All hießen, dann warf er Körbe auf Basketballplätzen – auch die waren neu –, er sprühte Graffiti oder spielte im Heizungskeller seiner Schule Schlagzeug. Dort hatte der Hausmeister Plattenteller, Synthesizer und einen Amiga 500 aufgebaut, beschleunigte damit HipHop-Platten und bog dazu alte Sägeblätter.

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