Stefan Roloff blinzelt in die Mittagssonne, deren kräftige Strahlen zusätzlich von der Spree reflektiert werden. Er setzt eine Sonnenbrille auf und blickt an der Hunderte Meter langen Mauer entlang, die parallel zum Mühlendamm in Friedrichshain verläuft und eine der bekanntesten Mauern der Welt sein dürfte: Die East Side Gallery. Saisonüblich wimmelt es längs der Straße von Touristen, die Zahl der Selfies vor dem berühmten „Bruderkuss“-Gemälde mit Erich Honecker geht wie jeden Tag in die Tausende. Händler verkaufen Andenken.

Bilder von Wachtürmen und DDR-Grenzsoldaten 

Stefan Roloff interessiert das Touristen-Tingel-Tangel heute nicht, der 1953 in West-Berlin geborene Künstler und Videokunstpionier, der lange in New York lebte, beobachtet lieber die Vorgänge vor der unspektakulären Rückseite der Mauer, die zur Spree gerichtet ist. Zum 13. August hat er dort ein rund 230 Meter langes Stück der Mauerrückseite auf Wunsch Berlins gestaltet. Jetzt begutachtet er, wie sein Werk beim Publikum ankommt.

Offenbar gut. Die Leute schlendern schwatzend und Eis essend vorbei, viele bleiben aber stehen, wenn sie die überlebensgroßen Bilder von Wachtürmen und DDR-Grenzsoldaten wahrnehmen, die Roloff auf dem Beton aufgeklebt hat. Die Schritte der Besucher verlangsamen sich auch vor den dazwischen angebrachten schwarzen menschlichen Silhouetten, neben denen rätselhafte Zitate stehen: „Alle elektronischen Geräte sind abgeschaltet worden.“

Das Zitat stammt von Ulrike Poppe, DDR-Bürgerrechtlerin. In einem ausführlichen Text der Installation berichtet sie von der Verfolgung durch die Stasi, der ständigen Überwachung ihrer Wohnung mit Mikrofonen – und der Erleichterung, als sie im Februar 1990 in der Zeitung las, dass das MfS nun „alle elektronischen Geräte“ – vulgo Wanzen – abgeschaltet habe.

Sechs solcher Erfahrungsberichte von Menschen, die von der SED politisch verfolgt wurden und die Roloff per Videokamera interviewt hat, finden sich auf dem Mauerstück. Vor jedem stehen kleine Gruppen von Besuchern, die in die Lektüre der Texte versunken sind, manche gehen von einem Text zum nächsten und bleiben über eine halbe Stunde sozusagen auf der Schattenseite des SED-Staats, dessen Ende auf der anderen Seite der Betonwand in bunten Bildern gefeiert wird.

Dass sich Stefan Roloff mit den Themen Diktatur und Widerstand befasst, hat vermutlich mit Roloffs Familiengeschichte zu tun. Sein Vater, der 2001 verstorbene Pianist Helmut Roloff, gehörte in der Nazizeit zur Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“, die 1942 von der Gestapo zerschlagen wurde. Erst als Erwachsener befasste sich der Sohn damit und drehte einen Dokumentarfilm über das Leben seines Vaters und die Rote Kapelle. Als geborener West-Berliner, der sich als politisch links versteht, hatte er außerdem stets einen Brass auf alles Militärische, gepaart mit der berufsbedingten Lust auf Provokation.

Wie es hier bis 1989 aussah

Es macht ihm noch heute sichtliches Vergnügen, wenn er über eine seiner Kunstaktionen in den 1980er Jahren erzählt, für die er in der Bernauer Straße auf der Westseite einen hölzernen Wachturm errichtete und von da aus in den Ostteil filmte. Das führte zu großer Aufregung bei den DDR-Grenzern.

„Dass die Mauer jemals wieder verschwinden würde, habe ich nicht geglaubt,“ sagt Roloff, seine Intuition sagte ihm aber 1984 dass man das monströse Bauwerk für alle Fälle dokumentieren sollte. „Drei Wochen lang sind wir damals mit der Kamera an der Berliner Mauer lang und haben draufgehalten“, erzählt Roloff. Und dabei hat er vom westlichen Spreeufer in Kreuzberg aus auch das Mauerstück nahe der Oberbaumbrücke mit Wachtürmen, Zäunen und das Patrouillenboot gefilmt, die heute als aufwendig mit einer Art digitalem Malerpinsel bearbeitete „Videostills“ auf der Rückseite der East Side Gallery zu sehen sind. Den Besuchern geben sie einen Eindruck davon, wie es hier bis 1989 aussah.

Das durchkommerzialisierte Areal an der East Side Gallery

Damit erreicht der polyglotte Berliner das, was der Senat und der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg seit 1990 nicht zustande brachten: Das mit 1,3 Kilometern längste noch erhaltene Mauerstück Berlins als historischen Lernort zu etablieren. Bis heute sind Informationen darüber, wie das DDR-Grenzregime bis 1989 an dieser Stelle funktionierte, Mangelware. Zudem wurden große Lücken für Neubauten auf dem Todesstreifen in die Mauer geschlagen. Dass hier DDR-Flüchtlinge ums Leben kamen, erfährt der interessierte Besucher nicht oder nur mit aktiver Recherche.

Zwar gibt es seit 2006 ein Berliner Mauerkonzept und seit Jahren den Plan, das durchkommerzialisierte Areal an der East Side Gallery der Stiftung Berliner Mauer zuzuschlagen, die aber an der Finanzierung scheiterten. Berlin wollte die Hälfte vom Bund, der lehnte ab. Rot-Rot-Grün will das nun ändern. Für den kommenden Doppelhaushalt sind 190.000 Euro zusätzlich für die Mauerstiftung vorgesehen, damit sie ein Konzept für politische Bildungsarbeit auf dem East Side-Areal umsetzen kann.

Wieder ein weißer Anstrich

Eine zentrale Rolle spielt dabei der Denkmalschutz. Ein Kernpunkt ist dabei, dass die zum Fluss gewandte Seite der Gallery wieder weiß gestrichen werden soll und dann nicht mehr als „West Side Gallery“ für allerlei Bilderausstellungen genutzt werden darf. Die Farbe ist den Denkmalschützern als Dokument wichtig: Sie wurde von den DDR-Grenztruppen aufgetragen, damit Flüchtlinge im Schussfeld vor der Wand besser zu erkennen waren.

Auch der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, der sich viele Jahre lieber mit der Kolonialgeschichte der Kaiserzeit als mit der noch rauchenden Geschichte der Teilung Berlins befasste, hat jetzt Großes mit der East Side Gallery vor: Sie soll in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen werden. Die BVV hat im Juni einen entsprechenden Beschluss gefasst und griff damit eine Idee des Cottbuser Denkmalschutzprofessors Leo Schmidt auf, den dieser vor Jahren im Interview mit der Berliner Zeitung gemacht hatte. Die Chancen stünden gut, hatte Schmidt prophezeit, Kirchen und Schlösser habe die Unesco genug, sie sei erpicht auf „ungeliebte Denkmäler,“ wie die Berliner Mauer eines ist. Aber ungepflegte Denkmäler liebt die Unesco nicht. Stefan Roloff sagt es so: „Es reicht nicht, wenn die Leute hier nur ein paar bunte Bilder sehen und „Wow! The Wall! rufen“.