Vor zwei Jahren waren die Sozialämter und Aufnahmeheime noch nicht überfüllt, Alireza bekam ein Zimmer in einem Heim in Alt-Moabit und legte umgehend los. Weil die Zukunft ja nicht warte, wie er sagt. Noch im Iran hatte er Deutsch-Lehrbücher gekauft, er lernte schnell. Allerdings bekam seine Begeisterung für das neue Land schon bald einen Dämpfer, als er erfuhr, was er hier alles nicht darf. Studieren, eine Ausbildung machen, arbeiten gehen, alles das war für Flüchtlinge verboten. „Ich dachte, jetzt geht es los, aber gar nichts ging los“, sagt er.

Quälendes Warten auf die Aufenthaltsgenehmigung

Nur scheint Alireza Faghihzadeh nicht zu den Menschen zu gehören, die sich mit Verboten abfinden. Er sah auf der Straße ein Plakat des Freiwilligen-Zentrums der Diakonie. Er ging dort hin, sagte, dass er arbeiten wolle, egal, was. Sie schickten ihn in eine Grundschule nach Kreuzberg, dort las er ehrenamtlich Kindern aus deutschen Märchenbüchern vor, bastelte und knetete mit ihnen. Noch heute geht er manchmal in die Schule zurück, weil er die Zeit dort mit den Kindern wirklich mochte. „Kinder fragen nicht, woher du kommst. Sie freuen sich, dass du da bist“, sagt er.

Dann bewarb er sich bei etlichen Unternehmen, er wollte unbedingt eine Ausbildung machen, obwohl er wusste, dass er das ja eigentlich gar nicht darf. Bei Siemens müssen Bewerber zuerst einen Online-Test absolvieren. Alireza bestand den Test und wurde zu einem weiteren Test im Assessment-Center eingeladen. Roland Hein, der Lehrmeister, erklärt, die Ausbildung sei heutzutage so komplex und anspruchsvoll, dass man sich sehr genau anschauen müsse, wen man aufnimmt.

Im Assessment-Center wird nicht nur Fachwissen geprüft, sondern auch Kommunikations- und Teamfähigkeit und Englischkenntnisse. Auch hier bestand Alireza. Die Siemens-Leute waren beeindruckt von seinem Engagement, von seinem unbedingten Willen, sie boten ihm einen Ausbildungsplatz an. Aber dann begannen erst einmal wieder die Probleme.

Denn Alirezas Aufenthaltsgestattung galt nur für sechs Monate, und die Arbeitsagentur ließ sich Zeit mit ihrer Zustimmung. Zwei quälend lange Monate musste Alizera warten, bis er endlich die Genehmigung bekam. Wird in Deutschland über die Integration von Ausländern debattiert, dann erscheint es oft so, als gehe es vor allem darum, die Fremden von der Notwendigkeit einer Eingliederung in die Gesellschaft zu überzeugen. Dass aber oftmals die deutsche Gesellschaft selbst einer Integration im Weg steht, wird erst jetzt offensichtlich, da so viele Flüchtlinge ins Land drängen.

Alireza hatte Glück, dass Siemens geduldig mitwartete. „Uns war klar, dass wir Ali unterstützen müssen“, sagt Roland Hein. „Für ihn wäre sonst eine Welt zusammengebrochen.“ Alireza sagt, er habe jetzt endlich eine Perspektive, auch wenn sein Asylverfahren noch immer nicht abgeschlossen ist. „Für mich muss niemand mehr bezahlen, mein Leben liegt jetzt in meiner Hand.“

„Man spürt diese Sprache“

So weit ist Ahmed Kwabena noch lange nicht. Wenn man ihn fragt, warum er eigentlich aus Ghana geflüchtet ist, zeigt er wortlos ein Video, das auf seinem Handy gespeichert ist. Man sieht einen nackten jungen Mann, der auf der Straße im Staub liegt und von anderen Männern getreten und mit Eisenstangen geschlagen wird. Man sieht einen anderen jungen Mann, dessen Beine mit Teilen von Autoreifen umwickelt sind, die von seinen Peinigern angezündet werden. „Ich habe auch ein paar Narben am Rücken, so was passiert, wenn man in Ghana homosexuell ist“, sagt er.

Zwei Mal wurde Ahmed Kwabena überfallen und misshandelt, das letzte Mal auf dem Weg von der Universität nach Hause. Eine Organisation, die sich um den Schutz Homosexueller in Ghana kümmert, besorgte ihm ein Flugticket nach Europa, im vergangenen Dezember kam Ahmed Kwabena in Hamburg an. Über Eisenhüttenstadt kam er nach Fürstenwalde, wo er noch immer lebt, mittlerweile in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung. In seinem Asylverfahren, das bereits vor Monaten negativ entschieden wurde, hatte er sich nicht getraut, von seiner sexuellen Orientierung zu berichten. „Ich habe nie darüber gesprochen, wie sollte ich das jetzt auf einmal können?“, sagt er.

Fürstenwalde gefällt ihm, weil es so ruhig ist. Morgens hört er hinter dem Haus die Vögel singen, die Natur ist nicht weit. „Jetzt im Herbst ist der deutsche Wald unglaublich schön“, sagt Kwabena. Drei Mal die Woche fährt er mit dem Zug nach Berlin, zur Volkshochschule Mitte, zum Deutschkurs, weil die Kurse, die in Fürstenwalde angeboten werden, ihm zu leicht sind. Im Nebengebäude einer Grundschule in der Schöneberger Pohlstraße finden an den Nachmittagen die Sprachkurse für Flüchtlinge statt, die der Senat seit Mitte letzten Jahres bezahlt. In den Gängen drängen sich die Sprachschüler, vor allem junge Männer. Frauen sind dagegen kaum zu sehen.

In Ahmed Kwabenas Kurs im Raum 320 geht es gerade um die Bestandteile des Fahrrads. „Der Bremsweg wird länger, wenn die Reifen alt sind“, liest Kwabena aus dem Buch vor. „Richtig“, sagt die Lehrerin. „Zur Sicherheit sollte man immer eine Luftpumpe dabei haben“, liest ein anderer Schüler vor. Dann wiederholt die ganze Klasse den Satz. Und man denkt, wie toll es doch ist, in einem Land zu leben, in dem ein platter Reifen eine der größten Gefahren darstellt, die es gibt.

Etwa zwanzig Flüchtlinge sitzen an den Tischen, sie sind wach, konzentriert, schreiben eifrig mit oder übersetzen mit ihren Handys Wörter, die sie nicht kennen. Selbst die etwas zähe Wiederholung der Hauptbestandteile des Fahrradhelms kann ihrer Aufmerksamkeit nichts anhaben. Ahmed Kwabena ist dem Kurs weit voraus, man sieht das an seinem Arbeitsbuch, in dem er bereits die Übungen für die nächsten drei Wochen erledigt hat. „Es geht ein bisschen langsam voran“, sagt er. „Aber das ist okay.“ Er mag die deutsche Sprache, vor allem die schweren Wörter mit ch, die seinen Kehlkopf erzittern lassen. „Man spürt diese Sprache“, sagt er, „sie ist tief und schwer.“

„Die Leute wollten lernen“

Michael Weiß, 57 Jahre alt, Direktor der Volkshochschule Mitte, sagt, er sei immer wieder beeindruckt vom Pioniergeist seiner Schüler. „Die sind hungrig, die wollen was“, sagt er. Der Wille zu lernen sei vor allem am Anfang besonders groß, das müsse man nutzen. „Wenn die erst mal drei Jahre hier tatenlos rumhängen, weil sie nichts machen dürfen, dann ist die Energie weg.“

Die Volkshochschule Mitte ist der größte Veranstalter von Integrations-Sprachkursen in Deutschland. Die Zahl der Ausländer, die hier Deutsch lernen, ist in den letzten zehn Jahren exponentiell gestiegen. In dieser Entwicklung spiegelt sich die Entwicklung Deutschlands zum Einwanderungsland. Michael Weiß beobachtet das seit Langem, es ging 2005 los, mit dem Zuwanderungsgesetz, in dem der Besuch eines Integrationskurses zur Bedingung für die Einbürgerung wurde.

Ausländer mit Bleiberecht hatten nun erstmals einen Anspruch auf kostenlose Sprachkurse bis zur B1-Prüfung, „dem Seepferdchen der deutschen Sprache“, wie Michael Weiß es ausdrückt. Besuchten vor dem Gesetz in ganz Deutschland lediglich 7000 Ausländer pro Jahr einen Sprachkurs, waren es danach 120.000 jährlich. „Die Leute wollten lernen, es war ihnen ein riesiges Bedürfnis“, sagt Weiß.

Allerdings waren nun immer noch alle diejenigen ausgeschlossen, deren Aufenthaltsstatus nicht geklärt war. Das änderte sich in Berlin erst im Sommer 2014, als der Senat als Reaktion auf die monatelange Besetzung des Oranienplatzes durch Flüchtlinge endlich Sprachkurse für alle ermöglichte. „Das war ganz wichtig“, sagt Weiß. Die Programme seien im Nu vollgewesen, etwa 2000 Flüchtlinge besuchen in Berlin die Einsteigerkurse, das sind etwa 15 Prozent der Flüchtlinge, die sich zurzeit in der Stadt aufhalten.

Frust über die Lage am Lageso

Die letzten Jahre waren anstrengend für den Volkshochschul-Direktor Weiß, weil er immer wieder an Grenzen stieß. Mit jeder neuen Öffnung brauchte er mehr Geld, mehr Räume, mehr Personal. „Wir haben das System in recht kurzer Zeit hochgefahren, und jetzt müssen wir sehen, wie es weitergeht“, sagt er.

Eine Taskforce im Bezirksamt sucht bereits nach weiteren Räumen und zusätzlichem Personal, weil mit dem neuen Asylgesetz auch die Integrationskurse für Flüchtlinge geöffnet wurden, denen eine Bleibeperspektive attestiert wird. Weiß hat schon mal gerechnet: „Für 10.000 Flüchtlinge brauche ich zehn Schulgebäude, 500 Lehrkräfte und ein paar Dutzend Verwaltungsleute, dann kann man das angehen.“

Birgit Spiewok, die Gastgeberinder syrischen Familie in der Berliner Linienstraße, hat weltweit in vielen Krisengebieten gearbeitet. Sie weiß, wie modernes Krisenmanagement funktioniert, was zu tun ist, wenn plötzlich unerwartet Menschenmassen auftauchen. Die vergangenen drei Wochen war sie fast täglich an der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge, am sogenannten Lageso, weil sie ihre Freunde dort hinbegleitet hat.

35 Tage lang stand die Familie Manhash in der Kälte, zehn Stunden lang jeden Tag, um sich als Flüchtlinge registrieren zu lassen. „Was Berlin hier geleistet hat, war armselig und amateurhaft“, sagt Birgit Spiewok. Statt die vielen privaten Helfer einzubinden, habe man im Senat gedacht, man könne es auch alleine schaffen. „Den Preis dieser Selbstüberschätzung zahlen die Flüchtlinge, die unter unwürdigen Bedingungen leben.“

Der Frust über die Zustände im Lageso hat die Familie Spiewok und die Familie Manhash noch stärker verbunden. „Wir haben darüber geweint und manchmal auch gelacht“, sagt Badia Manhash. Es war wie eine Hochzeit, erzählt sie, als endlich die Wartenummer W 269 aufgerufen wurde – und die Familie offiziell in Deutschland angekommen war.