Berlin - Kinder mit Behinderungen sollen in Berlin möglichst bald an Regelschulen unterrichtet werden. Auch wenn sie deutliche Lerndefizite haben oder ihnen das Sprechen schwerfällt. Welchen Weg Kinder mit Behinderungen gehen können, zeigt das Beispiel des siebenjährigen Samuel aus Tegel. Der Junge mit dem dunklem Haar ist Autist.

Zu Hause im Wohnzimmer des elterlichen Einfamilienhauses dominieren bunte Lego-Bauten: Lego-Häuser, Lego-Lastwagen, Lego-Kräne liegen herum. Damit mag Samuel stundenlang spielen. Er liebt klare Strukturen. Dagegen meidet er den Blickkontakt mit Menschen, spricht nicht viel und scheut sich oft, nach draußen zu gehen. Dennoch haben ihn seine Eltern im vergangenen Sommer nicht an einer Sonderschule angemeldet, sondern an einer Grundschule. Die 45-jährige Mutter ist überzeugt, dass ihr Sohn dort vom Sozialverhalten der anderen „normalen“ Kinder lernen kann.

Außerdem stünden ihm dort alle Möglichkeiten offen, je nachdem wie er sich entwickelt, sagt sie. Die Mutter, die für Samuel ihren Beruf nahezu aufgegeben hat, fährt mit ihrem Sohn auf einem speziellen Therapie-Tandem durch die ruhigen Straßen zur Schule. Samuel sitzt vorn, die Mutter tritt in die Pedale oder bremst. An drei Wochentagen begleitet ihn auch ein Schulhelfer.

Die Havelmüller-Grundschule hat einen weitläufigen Hof, der umgeben ist von Schulbauten aus den 1950er-Jahren. In Samuels Klasse gibt es noch ein lernbehindertes und ein verhaltensauffälliges Kind sowie einen geistig behinderten Schüler. Schulleiterin Gaby Plachy unterrichtet in dieser Klasse.

„Mit Zahlen kann Samuel sehr gut umgehen“, sagt sie. Die Kinder in der Klasse lernen individuell nach ihrem eigenen Lerntempo, jeder Schüler hat eigene Unterrichtsmaterialien, die zu ihm passen. Samuel hat viele Arbeitsblätter, die mit Lastwagen zu tun haben. Kinder mit besonderem Förderbedarf werden zeitweise aus der Klasse herausgenommen, einzeln oder in Kleingruppen betreut. Die Schulleiterin hat den Unterricht so organisiert, dass sich meist zwei Pädagogen um die altersgemischte Klasse kümmern. Den Mitschülern wurde früh klargemacht, dass keiner über Samuel lachen darf.

Bei Samuel wiederum haben die Lehrer darauf geachtet, dass er lernt, sich sozial zu verhalten. Ein Erfolgserlebnis war es, als er sich von allein mit seinen Mitschülern in den Morgenkreis setzte. Davor hatte er sich lange gescheut. Schwierig war es anfangs auch, weil Samuel sich im Unterricht nicht meldete, sondern Lösungen laut in die Klasse rief. Daraufhin nahm ihn Gaby Plachy einige Male aus dem Unterricht raus. Heute will Samuel mal wieder nicht auf den Schulhof. Dafür bekommt er Grammatikaufgaben.

Lern-Erfolge durch „angewandte Verhaltensanalyse“

Es ist nicht leicht für das junge, von der Inklusion überzeugte Lehrerkollegium, allen Schülern gerecht zu werden. Geistig behinderte Kinder haben Probleme, sich sechs Stunden lang zu konzentrieren. Und ein bis zwei verhaltensauffällige Kinder in einer Klasse sind oft schon genug. Samuel geht an diesem Tag nicht in den Hort, seine Mutter holt ihn ab. Zu Hause spielt er erst mal mit seinen Legosteinen. Früh hat die Mutter gemerkt, dass ihr Sohn besonders ist.

„Er reagierte abweisend auf andere Kinder, träumte sich oft weit weg“, sagt die Frau mit den dunklen Haaren, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Als Samuel drei Jahre war, brachte ein monatelanges Diagnoseverfahren im Helios-Klinikum die Gewissheit: frühkindlicher Autismus. „Nach anfänglicher Verzweiflung beschlossen wir, das Beste aus der Situation zu machen und unser Kind optimal zu fördern“, erinnert sich die Mutter.

Das Kind wurde für ein Jahr vom Schulbesuch zurückgestellt. Nach einem Kita-Wechsel wurde ein Förderplan für Samuel erstellt. Auf der Grundlage der „Angewandten Verhaltensanalyse“ wurden dabei Lern-Erfolge sofort belohnt – mit Naschzeug oder Spielwaren.

Bei der Suche nach der richtigen Schule gab sich Samuels Mutter viel Mühe. Auf einer Grundschulmesse stieß sie bei einigen Schulleitern auf Ablehnung, an Förderschulen fehlten ihr die „normalen“ Kinder, von denen ihr Sohn lernen könnte. Und die Autismus-Ambulanzlehrer, die generell für autistische Kinder zuständig sind, erschienen ihr überfordert. Schließlich wurde ihr die Havelmüller-Grundschule empfohlen. Ein halbes Jahr nach der Einschulung bereut sie die Entscheidung nicht.