Vor einem Jahr hat eine spezielle Anlaufstelle für Menschen eröffnet, die aus dem Ausland neu in die Stadt kommen. Berlin hat diese Behörde Willkommenszentrum getauft. Mittlerweile erzielt die AfD mit der Ablehnung von Willkommensgesten allerdings Wahlerfolge. Was nun? Wir besuchen den Integrationsbeauftragten des Landes, Andreas Germershausen, und die Leiterin des Willkommenszentrums, Nele Allenberg, in ihren Räumen an der Potsdamer Straße.

Frau Allenberg, wie viele Leute waren denn heute schon da?

Allenberg: Heute ist Freitag, da haben wir zu. Unsere Öffnungszeiten sind Montag, Dienstag, Donnerstag. In der Woche beraten wir vor Ort ungefähr 80 Personen. Am Anfang waren es 22.

Herr Germershausen, bitte erklären Sie uns, wofür dieses Zentrum gegründet wurde?

Germershausen: Der Anlass war die wachsende Stadt. Berlin ist attraktiv, und es kommen Menschen in großer Zahl hierher. Unabhängig von der Flüchtlingszuwanderung hatten wir auch vorher schon einen Nettogewinn von 40 000 Menschen aus dem Ausland pro Jahr. Die meisten bleiben. Wir wollten also einen Ort schaffen, der eine erste Anlaufstelle und ein Orientierungszentrum sein kann. Man kann mit allen Anliegen zu uns kommen. Es kommen natürlich auch viele Flüchtlinge, aber wir sind für alle Migranten da.

Was lief denn vorher schief?

Germershausen: Wir haben seit zehn Jahren eine Debatte über die Verschwendung von Potenzial geführt. Wenn ein Philosoph oder Psychotherapeut in Berlin Taxi fährt, um seinen Lebensunterhalt zu sichern, läuft etwas schief. Er könnte etwas anderes machen. Die Debatte hat schon zu vielen Verbesserungen geführt, etwa zu einer schnelleren Anerkennung von beruflichen Qualifikationen. Verschwendung ist aber auch, wenn Menschen hierherkommen und sich lange nicht zurecht finden.

Und warum kommen die hierher?

Germershausen: Zum Beispiel, weil sie wissen wollen, wie sie ihre Familie nachholen können. Das gilt für Geflüchteten, aber auch für andere.

Wie viele Berater haben Sie?

Allenberg: Unser Team besteht aus fünf Beraterinnen und Beratern, aber es sind auch Mitarbeitende externer Träger hier, die sich auf Aus- und Weiterbildung konzentrieren.

Woran machen Sie den Unterschied zwischen Geflüchteten und Migranten fest?

Allenberg: Die einen kommen, weil sie Schutz suchen, die anderen, weil sie hier arbeiten oder ein Projekt umsetzen wollen. Auch Geflüchtete suchen vielleicht einen Job – aber erste Priorität hat das Asylverfahren.

Die Beratung könnten auch andere Behörden leisten, etwa das Landesamt für Flüchtlinge, die Jobcenter. Die haben es vorher ja auch gemacht. Was ist jetzt anders?

Germershausen: Früher sind zwar viele Menschen gekommen, aber es sind dann auch viele wieder weggegangen. Wir haben aber ein Interesse daran, dass sie bleiben und dass sie möglichst schnell an den richtigen Ort kommen, schnell alles regeln können, das Kind in die Kita und sie selbst in den Beruf. Ohne viel Zeitverlust.

Verstehen denn die Menschen, wie Berlin funktioniert?

Allenberg: Nein, am Anfang nicht. Selbst Menschen aus dem europäischen Ausland verstehen unser System nicht gleich, und es ist ein großer Unterschied, ob am Anfang jemand da ist, der alles erklärt oder ob man sich mit Versuch und Irrtum durchtesten muss. Wir reduzieren also auch Stress und Frust.

Welche Fragen haben die Leute?

Allenberg: Viele haben aufenthaltsrechtliche Fragen: Kann meine Familie nach Deutschland nachziehen? Gilt mein Aufenthaltstitel weiter, wenn ich mein Studium wechsle? Aber auch: Ab wann darf ich arbeiten? Wie finde ich einen Kitaplatz für mein Kind? Die Fragen sind zum Teil komplex.

Woher kommen die Menschen?

Germershausen: In den vergangenen Jahren sind zum Beispiel sehr viele Menschen aus den Wirtschaftskrise-Staaten in Südeuropa gekommen. Aus Spanien zum Beispiel. Da haben manche gesagt, Nordeuropa sollte aus diesen Ländern keine Fachleute abwerben. Für sie ist es aber besser, sie qualifizieren sich vorübergehend bei uns weiter, als dass sie zu Hause arbeitslos sind. Gerade die Berliner Kreativ-Wirtschaft hat davon profitiert.

Wie kommen sie zu Ihnen?

Allenberg: Viele kommen über unsere Homepage. Wir werden auch von Ehrenamtlichen empfohlen. Wir machen unser Angebot bekannt auf Jobmessen und über Unterstützernetzwerke.

Zuwanderer können alle Fragen bei Ihnen loswerden?

Allenberg: Ja. Nur wenn wir nicht alles klären können, verweisen wir weiter. Zum Beispiel wenn wir das Gefühl haben, dass Betroffene doch eine intensivere Betreuung brauchen, eine Art Case-Management. Das können wir hier nicht leisten.

Was muss sich ändern?

Allenberg: Es braucht unbedingt mehr Beratung und Unterstützung im Bereich Wohnungssuche. Allerdings ist das Team des Willkommenszentrum für diese Mammutaufgabe zu klein. Das Hauptproblem ist dabei natürlich: Es gibt einfach zu wenig bezahlbare Wohnungen. Das gilt für alle, Migranten, Geflüchtete, und auch Deutsche, die neu in die Stadt kommen.

Werden Sie jetzt zur Wohnungsvermittlung?

Allenberg: Nein, leider haben wir keine Wohnungen zu vergeben. Aber es reicht nicht nur auf Homepages hinzuweisen oder auf Gefahren bei Vertragsabschluss. Wir wissen, dass die Chancen für Migranten und Geflüchtete, eine Wohnung zu bekommen, nicht besonders groß sind, wenn sie keine Unterstützung haben.

Herr Germershausen, was ist denn aus dem Behördenchaos geworden? Die Ämter, nicht nur das Lageso, waren ja zeitweilig vollkommen überfordert mit den vielen Menschen, die gleichzeitig kamen.

Germershausen: Die Behörden waren nicht gut vorbereitet auf diese Situation. Es fehlte an Beratungskapazität, und die Rechtslage ist kompliziert. Deshalb ist 2015 der Eindruck entstanden, dass die Ehrenamtlichen Lösungen finden. Das stimmte zwar nicht, aber ich stelle fest, dass unsere Verwaltungsstrukturen für eine Migrationsgesellschaft nicht ausreichend ausgestattet waren.

Immer noch?

Germershausen: Das hat sich verbessert. Es gibt jetzt mehr Personal, auch in den Bezirksämtern und im Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten.

Dieses Amt musste erstmal gegründet werden?

Germershausen: Richtig. Die Gründung erfolgte unter schwierigen Bedingungen. Seit 2016 sind die Verwaltungen besser aufgestellt; auch finanziell. Mit dem Masterplan hat der Senat die Bedingungen verbessert.

Was nützt denn der?

Germershausen: In Reaktion auf das Verwaltungsversagen sind 2016 sehr viele zusätzliche Ressourcen bereitgestellt worden.

Können Sie eine Zahl nennen?

Germershausen: 2016 wurden zusätzlich circa 128 Millionen Euro eingesetzt. Für 2017 stehen uns Mittel in ähnlicher Höhe zur Verfügung. Nach derzeitigem Plan sollen diese Ansätze mit 60 Million im Jahr verstetigt werden. Das muss vom Parlament noch bestätigt werden. Aktuell verfolgen wir einen gänzlich neuen Ansatz für eine Flüchtlingspolitik in Berlin. Wir setzen auf Teilhabe der Geflüchteten sowie der Zivilgesellschaft und auf Integrationsperspektiven. Wir überprüfen, was sich bewährt hat.

Und was ist das?

Germershausen: Sehr gut läuft zum Beispiel das Sprachangebot über die Volkshochschulen. Auch weil der Bund da zum großen Teil ausfällt.

Warum das denn?

Germershausen: Der Bund bietet Integrationskurse nur für einen Teil der Menschen, die im Asylverfahren sind – nur für Menschen aus fünf Herkunftsländern, die statistisch eine sehr hohe Quote der Anerkennung haben. Das reicht aber nicht, weil auch viele Menschen aus anderen Ländern bleiben werden. Wir kriegen große Probleme, wenn sie nicht schnell die Sprache lernen. Wir müssen Sprachkurse für alle anbieten. Das hat sehr gut funktioniert, die Kurse sind sehr beliebt. Aber das kann noch verbessert werden.

Inwiefern?

Germershausen: Wir bieten aus Landesmitteln immer 400 Stunden an in der Erwartung, dass die Menschen anschließend in die vom Bund finanzierten Kurse übergehen können. Da das in vielen Fällen nicht klappt, müssen wir für einen Teil der Menschen mehr Stunden anbieten.

Was muss noch verbessert werden?

Germershausen: Das Schulrecht wird für alle Geflüchteten umgesetzt. Es gibt die Willkommensklassen. Jetzt müssen wir uns das aber wieder ansehen. Der Senat hatte die Erwartung, dass die Schülerinnen und Schüler nach einem Jahr in normale Klassen wechseln. Das klappt in vielen Fällen nicht. So gehen wir jetzt Wabe für Wabe jedes Politikfeld durch: jeden Schritt, den Geflüchtete gehen müssen – von der Registrierung und dem Antrag auf Asyl über gesundheitliche Versorgung, Wohnung, Sprachkompetenz, Bildung, Kita, Arbeitsmarkt.

AfD-Wähler würden sagen, Geflüchtete bekommen alles und sie selber nichts.

Germershausen: Aber das stimmt nicht. Natürlich darf man nicht nur etwas für Geflüchtete tun. Aber das macht ja der Senat auch nicht.

Spüren Sie Druck durch die AfD?

Germershausen: Ich sehe das zurzeit vor allem als ein Thema auf Bundesebene. Die neue Bundesregierung wird sich damit befassen. Aber man darf auch nicht den Themen der AfD nachrennen. Es gibt ja nicht dort die meisten Probleme, wo Berliner und Migranten zusammenleben, im Gegenteil. Zustimmen würde ich, dass wir mehr Gesprächsforen brauchen. Ich veranstalte zurzeit gemeinsam mit allen Bezirksämtern Bürgerveranstaltungen. Dort kann man Probleme offen ansprechen. Auch das Willkommenszentrum ist ein klares Signal in die Stadt: Wir wollen weltoffen sein.