Berlin - Die Wahrheit tut weh, und jeder möchte Schmerzen vermeiden. Auch die Gesellschaft. Die Politik bevorzugt eine schläfrige und eher träge Betrachtungsweise von Themen.“ So klingt ein echter Buschkowsky. Heinz („Big“) Buschkowsky, Deutschlands bekanntester Bürgermeister, König von Neukölln, seit elf Jahren schon. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, „Neukölln ist überall“, am heutigen Freitag erscheint es. Und er macht darin von Anfang an klar, dass er vielen wehtun wird.

Buschkowsky geht es um das Zusammenleben zwischen – stark vereinfacht gesagt – In- und Ausländern in seinem Bezirk. Zur Einordnung: Laut offizieller Statistik hat Neukölln bei 315 652 Bürgern (Stand: 30. Juni 2012) derzeit 40,7 Prozent Migranten (128 359 Personen). Das sind Menschen mit ausländischem Hintergrund, aber durchaus mit deutschem Pass.

„Alltägliche Ohnmacht“

Auf fast 400 Seiten reitet der Bürgermeister sein Lieblingsthema, die aus seiner Sicht verfehlte Integration vieler dieser fast 130 000 Menschen. Natürlich nicht aller, schreibt er immer wieder. Er kenne zahlreiche gelungene Beispiele, aber er schreibt vor allem über die anderen.

Buschkowsky beschreibt die Situation. Zum Beispiel die Hermannstraße: „Sie müssen schon über eine solide Pfadfinderausbildung verfügen, um auf der mehreren Kilometer langen Geschäftsstraße einen Imbiss mit Schweinefleischprodukten zu finden.“ Da mag er richtig liegen, spitzt dann aber zu und schreibt: „Das Hier-bin-ich-zu-Hause-Gefühl schwindet.“

Dieses Gefühl ist Buschkowskys roter Faden. Etwa, wenn er das beschreibt, was er „die alltägliche Ohnmacht“ nennt. Da wäre die Furcht, in einen Unfall mit einem migrantischen Autofahrer verwickelt zu werden. Dieser rufe per SMS-Rundruf „Zeugen“ herbei, die aussagen, man sei Schuld, auch wenn sie es gar nicht gesehen haben können.

Populistisch, aber kein Dummkopf

Was nach einem wertfreien Streit aussieht, ist für den Bürgermeister Ausdruck eines ernsten Konflikts. Im Zweifel gelte für den „Zeugen“ nämlich, „dem ethnischen Bruder zu helfen“. Weil: „Was wahr ist und was nicht, hat bei einem ,Ungläubigen’ keine Bedeutung.“ Vielmehr: „Deutsche gelten als leichte Opfer.“ Peng

An anderer Stelle bemüht Buschkowsky einen altgedienten Polizisten. Dieser könne sich nicht erinnern, jemals einen Handtaschenraub oder einen Überfall von Einwandererjugendlichen auf eine Frau mit Kopftuch bearbeitet zu haben. Vielleicht ist es der selbe Polizist, den er auf die Frage nach Risikofaktoren antworten lässt: „Jung, männlich, Migrant“. Buschkowsky schließt daraus: „Das Feindbild sind die verhassten Deutschen, sie sind das Ziel der Aggressionen.“

Das ist starker Tobak, und der Autor weiß das. Also lässt er, hübsch kursiv abgesetzt, Volkes Stimme über die Veränderungen im Kiez räsonieren: „Wo bin ich denn hier eigentlich? Ist das noch meine Stadt, meine Heimat?“ Buschkowsky mag ein Populist sein, doch er ist kein von der Wirklichkeit abgekoppelter Dummkopf.

So kann Volkes Stimme bei ihm durchaus auch aus einer aufstiegs- und deshalb umzugswilligen Einwandererfamilie kommen und klagen: „Herr Bürgermeister, das ist nicht mehr unsere Sonnenallee.“ „Unsere Sonnenallee“, das ist für ihn die Straße all derjenigen, die sich an hiesige Regeln halten. „Wer zu uns kommt, muss sie bejahen.“ Um das zu erreichen, hält Buschkowsky Kita-Pflicht, Ganztagsschulen und Sanktionen schon bei kleinen Verstößen für richtig. !

Neukölln: Nur ein Beispiel von vielen

Schuld daran, dass in der Integrationspolitik in den vergangenen Jahren so viel schief gelaufen sei, hat für ihn übrigens „ein Kartell aus ideologischen Linkspolitikern, Gutmenschen, Allesverstehern, vom Beschützersyndrom Geschädigten und Demokratieerfindern, das den Menschen das Recht abspricht zu sagen, was sie denken“.

Da ist der Weg zu Thilo Sarrazin gar nicht mehr so weit. Und wo bleibt Neukölln? „Es bleibt die Heimat von über 300.000 Menschen“, schreibt er. „Und die Horrorfantasien, dass wir mit dem Stahlhelm auf dem Kopf durch Schützengräben hasten, um unversehrt den Arbeitsplatz oder die Wohnung zu erreichen, haben etwas Amüsantes, sind aber fern der Realität.“ Zum Glück.