Ricardo Lange: Herr Lauterbach, hier sind Lösungen für die Probleme im Pflegebereich!

Karl Lauterbachs bisherige Vorschläge, die den Pflegeberuf attraktiv machen sollen, fallen zu dünn aus, sagt unser Kolumnist. Eine Replik.

Unser Gesundheitssystem braucht eine Reform. 
Unser Gesundheitssystem braucht eine Reform. Joachim Schulz/imago

Es ist Zeit für eine Revolution! Karl Lauterbach, der nun seit mehr als einem Jahr das Amt des Bundesgesundheitsministers innehat, hat genau das vor. Ich erinnere mich noch an andere große Versprechungen, die mit den Worten „Bazooka“ oder „Doppel-Wumms“ ähnlich hohe Erwartungen geweckt hatten. Man darf gespannt sein, ob Lauterbach seine Chance nutzt oder ob die notwendigen Veränderungen ausbleiben und es mit unserem Gesundheitssystem weiter bergab gehen wird.

Der Anfang ist jedenfalls gemacht, und die ersten Konzepte der geplanten Gesundheitsreform liegen auf dem Tisch. Es geht überwiegend um die zukünftige Finanzierung der Kliniken, und die haben das auch bitter nötig. Viele wurden jahrelang durch das Fallpauschalensystem – die sogenannten DRG – geknechtet und stehen heute mit dem Rücken zur Wand. Die gestiegenen Energiepreise und die Inflation tun ihr Übriges.

Um es ganz platt zu sagen: Viele Kliniken habe keine Kohle mehr und befinden sich kurz vor der Insolvenz. Längst notwendige Sanierungsarbeiten werden Jahr für Jahr hinausgeschoben und wichtige Neuanschaffungen hintenangestellt. Fehlende Klimaanlagen sorgen im Sommer auf zahlreichen Stationen für Bullenhitze von bis zu 30 Grad und lassen alle in ihrem Schweiß baden. Undichte, alte Holzfenster treiben dafür im Winter die Heizkosten in die Höhe. Das sind nur zwei Probleme von vielen. Ob der neue Finanzierungsplan daran etwas ändern wird?

Kein Nachtdienst bedeutet Ebbe im Portemonnaie

Lauterbachs bisherige Vorschläge, die den Pflegeberuf als solches attraktiver machen sollen, fallen für meine Begriffe etwas dünn aus. Er schlägt zum Beispiel vor, alle dafür geeigneten Behandlungen als Tagesbehandlung durchführen zu lassen. Die Idee dahinter ist, dass das Personal durch den Wegfall der Nachtdienste entlastet wird. Dass Patienten nicht mehr zwingend für jede Behandlung im Krankenhaus übernachten müssen, ist im Grunde ein guter Ansatz, aber nicht in allen Bereichen umsetzbar. Man denke zum Beispiel an die Intensivstation oder das Pflegeheim, wo jeder Einzelne rund um die Uhr betreut werden muss.

Somit bleibt in diesem Fall auch die große Entlastung für eine Vielzahl der Pflegekräfte aus, und über ein weiteres Problem wurde noch gar nicht gesprochen: die Schichtzulage. Jeder Sonn-, Feiertags- und Nachtdienst wird extra vergütet und macht einen nicht unerheblichen Teil des Monatsgehaltes aus. Kein Nachtdienst bedeutet also Ebbe im Portemonnaie.

Die 35-Stunden-Woche für Pflegende

Wovon hingegen jede Pflegekraft profitieren würde, wäre ein Herabsetzen des Renteneintrittsalters auf zum Beispiel 60 Jahre, ohne dabei finanzielle Einbußen hinnehmen zu müssen. Für alle, die jetzt mit den Augen rollen: Der Pflegeberuf ist nicht nur körperlich anstrengend, sondern kostet durch den Schichtdienst auch wertvolle Lebenszeit. Studien belegen eine um Jahre verkürzte Lebenserwartung sowie erhebliche gesundheitliche Folgen wie Magen- und Darmerkrankungen für alle, die regelmäßig nachts arbeiten.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person
Ricardo Lange, 41, wuchs in Berlin-Hellersdorf auf. Um sich gegen Übergriffe behaupten zu können, betrieb er Kampfsport und Bodybuilding. Er arbeitete als Fitnesstrainer und bei der Polizei, bevor er sich zum Intensivpfleger ausbilden ließ und in diesem Beruf seine Berufung fand.

Für eine Zeitarbeitsfirma
springt Lange in Berliner Krankenhäusern ein, in denen die Personalnot am größten ist. Im Januar hat er ein Buch über den Pflegenotstand veröffentlicht: „Intensiv: Wenn der Ausnahmezustand Alltag ist – Ein Notruf“ (dtv). Er ist Kolumnist der Berliner Zeitung.

Ein weiterer guter Vorschlag kam aus der Politik, genauer gesagt von den Grünen, die bei der Bundestagswahl immer wieder die 35-Stunden-Woche bei vollem Gehalt für alle Pflegenden anpriesen. Ein Versprechen, welches sich wie so viele in Luft aufgelöst hat.

Wer Fachkräfte sucht, sollte sie auch entsprechend bezahlen

Karl Lauterbach möchte die Pflege zukünftig aufwerten und wünscht sich, dass Pflegekräfte „stärker auch wie Ärzte arbeiten“. Ich finde es wichtig, die Professionalität unserer Berufsgruppe anzuerkennen und uns mehr Kompetenzen zuzuschreiben. In der Realität übernehmen wir im Klinikalltag bereits viele ärztliche Tätigkeiten. Auf der Intensivstation dosieren wir Narkosemedikamente, stellen Beatmungsgeräte ein oder steuern Dialysen. Was uns fehlt, ist Zeit. Wer mehr Kompetenzen übernehmen soll, muss auf der anderen Seite einfache Aufgaben abgeben können. Unterstützendes Personal, welches dann zum Beispiel Materialen auffüllt, Essen bestellt oder den Bettenplatz für neue Patienten vorbereitet, ist hier der Schlüssel.

Die Politik muss also nicht nur leicht nachbessern, sondern eine ganze Schippe drauflegen. Dass man die Arbeit des medizinischen Personals sowie der Reinigungskräfte angemessen bezahlen sollte, wurde die letzten Monate zur Genüge debattiert. Wer Fachkräfte sucht, sollte sie auch entsprechend bezahlen – Punkt.

Ein nächster Schritt wäre, das Ausbildungsgehalt für Lebensältere anzuheben, die bereits voll im Leben stehen und entsprechende finanzielle Verpflichtungen haben, um ihnen ebenfalls eine Ausbildung im Pflegeberuf zu ermöglichen.

Personaluntergrenzen sollten nicht verhandelbar sein

Was auch in Zukunft nicht mehr verhandelbar sein darf, sind die Personaluntergrenzen. Diese schützen das Personal nicht nur vor Überlastung, sondern gewährleisten auch die Sicherheit der Patienten. Auf der Intensivstation zum Beispiel soll eine Pflegefachkraft maximal zwei intensivpflichtige Patienten im Tagesgeschäft und maximal drei im Nachtdienst betreuen. Solche absoluten Mindestbesetzungen muss es verbindlich für jede einzelne Schicht und angepasst auf jeden anderen Fachbereich geben. Sollten diese unterschritten werden, muss der Mitarbeiter einen Ausgleich in Form von zusätzlichem Erholungsurlaub erhalten.

Es bleibt noch viel zu tun. Ich erwarte keine Wunder, aber die versprochene Revolution – die nehme ich gerne!

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