Berlin - Am U-Bahnhof Schlesisches Tor schlägt ein Mann im Mai 2016 einen anderen Mann bewusstlos und tritt ihn, als er bereits am Boden liegt. Er erleidet einen Schädelbruch und kommt ins Krankenhaus. Auf dem U-Bahnhof Hermannstraße tritt ein Mann im Oktober einer Frau mit dem Fuß so heftig in den Rücken, dass sie eine Treppe hinunter stürzt. Sie bricht sich den Arm. Am U-Bahnhof Schönleinstraße zünden Jugendliche in der Nacht zum ersten Weihnachtsfeiertag einen  Obdachlosen an. Passanten löschen das Feuer und verhindern Schlimmeres. 

Immer wieder sorgten solche Straftaten 2016 in Berlin für Aufsehen. Wie eine interne Statistik der Senatsverwaltung für Inneres, die der Berliner Zeitung vorliegt, nun zeigt, hat die Gewalt in U-Bahnen und an U-Bahnhöfen in Berlin zugenommen. 2241 Gewalttaten – also Körperverletzung, Raub, Nötigung, Freiheitsberaubung, Mord, Totschlag, Bedrohung und Sexualdelikte – wurden demnach im vergangenen Jahr registriert. Im Vorjahr waren es 2201, ein Jahr davor allerdings nur 2070 und 2013 sogar nur 1977. Mehr Informationen gibt es an diesem Montag, wenn die Polizei die offizielle Kriminalitätsstatistik vorstellt.

165 Gewalttaten am Kotti

Am gefährlichsten ist es im U-Bahnhof Kottbusser Tor in Kreuzberg. 165 Gewalttaten gab es dort im vergangenen Jahr. 2015 waren es nur 128 Vorfälle. Das ist eine Steigerung um 29 Prozent. Auf Platz zwei der gefährlichsten U-Bahnhöfe liegt der Alexanderplatz mit 143 Fällen (17 mehr als 2015). Deutlich zugenommen hat die Gewalt auch am U-Bahnhof Hermannplatz: Im vergangenen Jahr gab es 87 Vorfälle, im Jahr zuvor lediglich 50.

Zu den gefährlichsten Stationen zählen weiter der Bahnhof Zoo (77), die Osloer Straße (60), der Leopoldplatz (55), die Warschauer Straße (53), der Görlitzer Bahnhof (46) sowie die Bahnhöfe Hellersdorf (41) und Neukölln (38).
„Die Bahnhöfe Kottbusser Tor, Alexanderplatz und Hermannplatz zählen zu den Bahnhöfen mit den höchsten Fahrgastzahlen in Berlin“, sagt Markus Falkner, Sprecher der Berliner Verkehrsbetriebe. Allein am Alexanderplatz würden täglich etwa 250.000 Menschen aus-, um- und einsteigen – Tendenz steigend.

Dass es insgesamt mehr schwere Straftaten  gebe, müsse im Verhältnis zu den stark gestiegenen Fahrgastzahlen bei der BVG gesehen werden, sagt Falkner.  Sie hätten zwischen 2008 und 2015 um etwa 20 Prozent zugenommen. Dennoch seien die Zahlen im gesamten BVG-Netz etwa 18 Prozent niedriger als 2008.

Trotzdem versuchen BVG und Polizei mit verschiedenen Maßnahmen der Gewalt entgegenzuwirken. Seit 2011 haben die Verkehrsbetriebe die Zahl der Mitarbeiter in der Abteilung Sicherheit um etwa ein Drittel auf derzeit 270 erhöht. Täglich sind im Netz mehr als 100 Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes  unterwegs, teilweise auch mit Hunden.

Auf 25 so genannten Schwerpunktbahnhöfen ist rund um die Uhr Sicherheitspersonal der BVG präsent. Das ist trotzdem insgesamt zu wenig, sagt der Berliner Fahrgastverband IGEB: „Es braucht mehr gut ausgebildetes Personal auf den Bahnsteigen“, so der Sprecher des Verbandes, Jens Wieseke. Mehr Präsenz könne Übergriffe verhindern. Der harte Sparkurs vergangener Jahre räche sich jetzt.  Mehr Personal fordert auch der SPD-Abgeordnete Joschka Langenbrinck aus Neukölln: „Die BVG muss ihr Sicherheitspersonal aufstocken.“

Mobile Wache am Kottbusser Tor

Ein Schritt in die richtige Richtung seien die flexibel einsetzbaren Polizeiwachen, die Rot-Rot-Grün im Koalitionsvertrag verankert habe. Unter anderem am Kottbusser Tor soll wie berichtet eine solche mobile Wache bis Ende des Jahres eingerichtet werden, „um mit zusätzlichem Personal dort dauerhaft mehr Polizeipräsenz zu zeigen“, kündigte  Innensenator Andreas Geisel vergangene Woche an. Bereits seit Anfang Februar sind Beamte rund um den Kotti verstärkt im Einsatz.

Am Alexanderplatz soll zudem bis zum Herbst eine Polizeiwache entstehen, die rund um die Uhr besetzt ist – mit Beamten der Landespolizei und der Bundespolizei. Zudem gehen Polizisten und Wachleute der Berliner Verkehrsbetriebe seit kurzem wieder gemeinsam in U-Bahnen und Bahnhöfen auf Streife.  Fünf solcher Doppelstreifen gibt es zunächst an Brennpunkten wie dem Alexanderplatz, dem  Kottbusser Tor oder der Osloer Straße.  Weitere Streifen sollen später im gesamten U-Bahnnetz  anzutreffen sein – auch in Bussen und Straßenbahnen. Sie sollen Straftaten verhindern und  das  „Sicherheitsgefühl der Menschen in unserer Stadt verbessern“, so Innensenator Geisel.

Neue Kameras für 50 Millionen Euro

Eng verknüpft mit der steigenden Zahl der Gewalttaten ist die Debatte um Videoüberwachung im öffentlichen Nahverkehr. In Berlin sind alle U-Bahnen, die 173 U-Bahnhöfe, fast alle Busse und etwa 80 Prozent der Straßenbahnen mit Überwachungskameras ausgestattet. Doch oft ist die Qualität der Bilder schlecht, Straftäter sind nicht richtig zu erkennen.  Deshalb rüstet die BVG um: Moderne zoom- und schwenkbare Kameras sollen die alten ersetzen. „45 U-Bahnhöfe sind bereits komplett modernisiert“, sagt BVG-Sprecher Falkner. Bis Ende 2018 sollen alle U-Bahnhöfe mit der neuen Technik ausgestattet sein. Etwa 50 Millionen Euro kostet das.

„Videoüberwachung verhindert  keine Straftaten, trägt aber dazu bei, Täter zu fassen“, sagt der SPD-Abgeordnete Langenbrinck. Die Akzeptanz in der Bevölkerung sei groß.  Die Zahl der Fälle, in denen die Polizei Videomaterial von der BVG angefordert hat, ist gestiegen: 2016 waren es 6087, im Vorjahr 5443. Darunter sind auch Vorfälle in Straßenbahnen und Bussen. Im Bereich der BVG wurden im vergangenen Jahr 1924 Tatverdächtige zu Gewalttaten ermittelt, nach 1652 im Vorjahr.

Kottbusser Tor, Alexanderplatz und Bahnhof Zoo werden besonders kontrolliert

Drei kriminalitätsbelastete Bahnhöfe werden in Berlin besonders streng kontrolliert: Rund um die Uhr verfolgt ein Polizist  in der Sicherheitsleitstelle der BVG anhand von Live-Aufnahmen der Videokameras das Geschehen an den Stationen Kottbusser Tor, Alexanderplatz und Bahnhof Zoo. Besteht der Anfangsverdacht einer Straftat, kann die Polizei schnell eingreifen.

Nichtsdestotrotz sei die U-Bahn in Berlin ein sicheres Verkehrsmittel, sagt BVG-Sprecher Falkner. Die Wahrscheinlichkeit, im Berliner Nahverkehr Opfer eines Gewaltdelikts zu werden, sei nach wie vor sehr gering. „Statistisch gesehen müssten Sie dafür 900 Jahre jeden Tag einmal mit Bus, U-Bahn oder Straßenbahn fahren“, sagte Falkner.

Neben den Kriminalitätshotspots wie dem Kottbusser Tor gibt es auch  zehn besonders sichere Stationen. An den Bahnhöfen Brandenburger Tor,  Bundestag oder Rathaus Schöneberg etwa gab es im vergangenen Jahr gar keine Gewaltvorfälle.