Berlin - Die Stadt wird erst zur Stadt, wenn es dort Menschen gibt, die sie mit Leben füllen. Sie ist etwas immer Unfertiges, Flüchtiges, oft täglich etwas anderes. Es kommt eben darauf an, wer sie betrachtet. Seit Freitag nun ist die Website „Der zweite Blick“ online, eine Art interaktiver Stadtführer, in dem junge Erwachsene ihr Berlin zeigen und die Stadt mit ihren, ganz persönlichen Geschichten füllen.

Man kann da zum Beispiel mit einer jungen Frau, die sich Yansn nennt, am Ufer des Landwehrkanals stehen: gegenüber vom Urban-Krankenhaus, wo Berliner geboren werden, wie Yansn in einem HipHop-Song erzählt, und Chirurgen auch bei ihr hin und wieder mal was gerade gebogen haben; wo die Weiden ins Wasser hängen, wo sie schon viel gelacht und geweint hat; wo alles ganz leise wird, wenn Schnee liegt im Winter, und man im Sommer den Trommlern zuhört. Mit einem Klick auf den virtuellen Stadtplan hat man Yansns Geschichte im Ohr. Das Restaurantschiff erwähnt sie auch ganz beiläufig: „Bei den Preisen sind nur Touristen an Bord“.

Auf dem Stadtplan findet sich ein Gedicht über den S-Bahnhof Priesterweg und die Graffiti im Park, der dort liegt; eine Schimpftirade auf die U9, „das Gegenteil vom 100er-Bus“, auf deren Strecke die Turmstraße das triste Highlight ist; und eine Hommage an Pankow: „Ist vielleicht nicht der Partybezirk Nummer eins, aber ein sehr sympathischer grüner Bezirk. Und ihr werdet auf jeden Fall alle später mit euren Kindern dahin ziehen.“

Wo leben wir eigentlich?

„Der zweite Blick“ ist ein Projekt von Gangway, einer Organisation von Straßensozialarbeitern, die sich um Berliner Jugendliche kümmern. Initiiert wurde es von Olad Aden. „Es ging darum, einmal über die eigene Stadt nachzudenken“, sagt er. „Wo lebe ich eigentlich? Welche Orte sind mir wichtig?“

Gezeigt haben die zwölf Projektteilnehmer – alles junge Männer und Frauen in den Zwanzigern, Deutsche und Migranten – ihre Orte als erstes einer Gruppe anderer junger Menschen aus London. „Der zweite Blick“ ist auch ein Austausch-Projekt, das in Kooperation mit einer britischen Streetworker-Organisation entstanden ist. Die Berliner sind anschließend nach London gereist, die Jugendlichen dort haben für ihre Stadt ebenfalls einen Stadtplan erarbeitet, die einzelnen Stücke werden gerade im Studio aufgenommen.

Weitere interaktive Stadtführer

Es ging in dem Projekt um die Offenheit gegenüber Neuem, in beiden Gruppen haben viele das erste Mal ihre Stadt verlassen; es ging um das Selbstwertgefühl, das kreatives Arbeiten schaffen kann; und auch darum, zu lernen, zuverlässig zu sein, Dinge zu Ende zu bringen – für einige Teilnehmer, die in ihrem Leben bereits Gefängnisse von innen gesehen haben, vielleicht die größte Herausforderung.

Olad Aden wünscht sich, dass in Zukunft noch weitere Städte hinzukommen. Er gebe bereits eine Anfrage aus Lissabon. Und wie wäre es mit Barcelona? Oder Istanbul? Für Berlin ist „Der zweite Blick“ nicht der erste interaktive Stadtführer. Es gibt etliche Apps, die Sehenswürdigkeiten zeigen, dazu historische Bilder oder Zeitzeugenberichten liefern, die zum Berlin des Kalten Krieges führen oder an der Mauer entlang.

„Der zweite Blick“ nun zeigt ein ganz alltägliches Berlin, das gerade für Berliner selbst spannend sein kann, die an den Orten auf dem Stadtplan schon unzählige Male vorbeigelaufen sind. Und Besucher kommen mit der Website an Orte der Stadt, die jenseits der ausgetretenen Sightseeing-Pfade liegen: Keine Angst, in der Turmstraße ist es gar nicht so schlimm.

Der interaktive Stadtplan im Internet:Auf die Website lässt sich direkt vor Ort mit dem Smartphone zugreifen. Alle Songs und Gedichte können auch heruntergeladen werden.