Berlin - Von Michael Müller hört man dieser Tage so einiges: von einem Abendessen im 62. Stockwerk eines Wolkenkratzers oder von einem Spaziergang durch die Gardens by the Bay, einem Botanischen Garten mit sogenannten Super Trees, 50 Meter hohen pflanzenbewachsenen Stahlgerüsten. Der Regierende Bürgermeister war für ein paar Tage im asiatischen Stadtstaat Singapur. Am heutigen Donnerstag wollte er zurück sein.

Könnte sein, dass dem SPD-Politiker eisige Stimmung entgegenschlägt, schließlich hatte sein Trip manchen politischen Partner daheim geärgert. Während Müller in Singapur war, eskalierte bei den Rot-Rot-Grünen der Streit um den Mietendeckel. Die Senatssitzung am Dienstag sei „unproduktiv“ gewesen, sagte Grünen-Co-Fraktionschefin Antje Kapek. Offenbar, weil der Chef fehlte.

Müllers Ausflug nach Fernost

Entsprechend kritisch kommentierte Kapek dann auch Müllers Ausflug nach Fernost – böse Zungen mögen von Flucht sprechen. Der Regierende sei in eine Diktatur gereist, sagte Kapek der Berliner Zeitung. Sie wundere sich doch sehr, was er aus „diesem Land für die Berliner Landespolitik mitnehmen“ wolle.

Nun, Müller war mit einer Wirtschaftsdelegation der Industrie- und Handelskammer (IHK) unterwegs. Auf dem Programm standen Treffen mit Vertretern einheimischer Unternehmen. Wie viel solch eine Reise am Ende bringen wird, wird sich nur schwer beziffern lassen. Doch Müller fühlt sich wohl in der Rolle des obersten Berlin-Werbers, und auch Wirtschaftsvertreter halten persönliche Kontakte für essenziell.

Einer der Schwerpunkt der Visite war die Eröffnung der ITB Asia in Singapur, eine der größten Tourismusmessen der Region. Müller erkennt „einen wichtigen Markt auch für den Berliner Tourismus.“

Der Umzug von Frankfurt am Main nach Berlin

Da lag es nahe, dass auch der Chef der landeseigenen Messe Berlin, Christian Göke, zur Delegation gehörte. Völlig unabhängig von Singapur bastelt Müller mit Göke aktuell an einem Coup für die Messestadt Berlin. Die Internationale Automobilmesse IAA soll von Frankfurt am Main nach Berlin ziehen, so der Plan. Die Hochglanzschau des Größer-Stärker-Teurer ist spätestens in diesem Jahr in die Krise gefahren. Zahlreiche Hersteller blieben fern.

Aus Gökes Sicht spräche für Berlin, dass die Stadt bereits „Hotspot für viele Live-Event-Formate zu Mobilitätsthemen“ wie etwa die InnoTrans sei. „Eine neue IAA wäre daher in Berlin bestens aufgehoben“, sagte Göke.

Ob für die Branche ein Wechsel nach Berlin wirklich attraktiv wäre, ist offen. Während einige Hersteller sich Messen inzwischen prinzipiell sparen, erklärte VW zumindest Interesse „an einem neuen, zukunftsorientierten Konzept für die IAA 2021“. Die Messe solle sich von einer Autoshow auf einem abgeschlossenen Gelände „zu einem Ort entwickelt, an dem die Mobilität der Zukunft für alle erlebbar und anfassbar wird. Dieses Thema geht alle an“.

Geht es nach Müllers Regierungspartnerin Ramona Pop, kann es einen Wechsel nach Berlin ohnehin nur mit inhaltliche Reformen der IAA geben. Für die Wirtschaftssenatorin von den Grünen ist saubere, sichere und effiziente Mobilität eine der großen Zukunftsaufgaben. Eine moderne Mobilitätsmesse müsse den Fokus auf Innovation und Klimaschutz, intelligente Energieinfrastrukturen und nachhaltige Mobilitäts- und Logistiklösungen legen. Darin liege die Zukunft und nicht in „größer, schwerer und protziger“, so Pop. „Die IAA in ihrer jetzigen Form hat keine Zukunft mehr und das wissen auch die Aussteller.“