Berlin - Die Bevölkerung Berlins wächst und wird internationaler. Deshalb gerät der Senat unter Druck, mehr Schulplätze für Kinder aus zweisprachigen Familien anzubieten. Schon jetzt drängen deutlich mehr Schüler an die bilingualen Staatlichen Europaschulen, als Plätze vorhanden sind.

„Es besteht eine Übernachfrage für die Sprachkombinationen Deutsch-Englisch, Deutsch-Französisch und Deutsch-Spanisch in der Grundschule“, heißt es in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der drei Bildungspolitikerinnen Maja Lasic (SPD), Regina Kittler (Linke) und Marianne Burkert-Eulitz (Grüne). Es gebe Nachholbedarf.

„Die Koalition will das erfolgreiche Angebot der Staatlichen Europaschule Berlin weiter ausbauen und dabei darauf achten, dass auch Standorte in bisher unterrepräsentierten Bezirken, besonders in den östlichen, aufgebaut werden“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.

Kein Schulplatz im Einzugsbereich

In Berlin gibt es derzeit 31 Europaschulen, die neben den drei bereits aufgeführten Sprachkombinationen auch Italienisch, Russisch, Polnisch, Griechisch, Portugiesisch oder Türkisch anbieten. Der Senat will jetzt die Aufnahmeregeln für diese Europaschulen anpassen, wie Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) in seiner Antwort mitteilt.

Bisher setzt sich eine Klasse zur Hälfte aus Kindern zusammen, die Deutsch altersgemäß wie eine Muttersprache beherrschen. Die andere Hälfte sind Schüler, die die jeweils andere Sprache wie eine Muttersprache beherrschen. Nun sollen diese Vorgaben aber so angepasst werden, dass sie auch besser auf Schüler zutreffen, die beide Partnersprachen wie Muttersprachler beherrschen. Das kommt Eltern unterschiedlicher Nationalitäten entgegen.

Ein entscheidendes Hindernis gibt es allerdings beim Ausbau der Europaschulen. Derzeit hat der Senat in vielen Stadtteilen große Probleme, überhaupt genügend Schulplätze zur Verfügung zu stellen. Klassen werden größer, einige Erstklässler finden bereits jetzt keinen Platz an ihrer Einzugsbereich-Schule.

Zwei neue Europaschul-Zweige

In Lichtenberg und Mahlsdorf gingen deshalb Eltern auf die Straße. Staatssekretär Rackles räumt diesen Zielkonflikt ein: „Bei steigender Nachfrage nach Grundschulplätzen hat die Erfüllung der wohnortnahen Schulpflicht Vorrang vor der Bereitstellung von Schulplätzen, die keinem Einschulungsbereich zugeordnet sind.“ Letzteres gilt für die Europaschulen.

Die drei Bildungsexpertinnen der Koalition suchen Kompromisslösungen. Geplant ist, bilinguale Klassen an weiteren Schulen einzurichten. Für Arabisch, Türkisch, Kurdisch, Vietnamesisch, Kroatisch oder Bulgarisch etwa. „Auch über eine Weiterentwicklung der Aufnahmeregelungen und Möglichkeiten der frühkindlichen vorbereitenden Bildung wollen wir diskutieren“, kündigt das Trio an. Allerdings lehnt Rackles die Einrichtung von speziellen Europakitas nach dem Vorbild der Europaschulen ab.

Immerhin gibt es zwei neue Europaschul-Zweige: Für Deutsch-Englisch erstmals an einem Oberstufenzentrum, an der Hans-Litten-Schule in Charlottenburg, die mit der Peter-Ustinov-Schule kooperiert. Und ab dem kommenden Schuljahr werden deutsch-spanische Klassen an der Lemgo-Grundschule und der Graefe-Sekundarschule in Kreuzberg etabliert.

Kritiker fordern internationale Schule im Osten

Zudem versucht die Bildungsverwaltung eine zweite staatliche Internationale Schule zu gründen. Vorbild ist die Nelson-Mandela-Schule in Wilmersdorf, wo neben Deutsch vor allem Englisch gesprochen wird. Diese Schule richtet sich in erster Linie an Schüler aus hochmobilen Elternhäusern, etwa Diplomaten, Manager oder Künstler.

Damit möchte Berlin eine Alternative zu den boomenden Privatschulen bieten, die in globalen Zeiten längst auf Englisch als Unterrichtssprache setzen. Auch ein Schulgebäude für eine zweite Internationale Schule ist längst gefunden, in der Levetzowstraße in Moabit.

Doch bisher wurde aus dem Projekt nichts, weil in die Immobilie Flüchtlinge eingezogen waren. Kritiker sagen ohnehin, eine zweite staatliche Internationale Schule sollten ihren Standort besser im Osten Berlins haben.