Darf eine Frau tun, was sie will? So fing der Artikel an, den ich an einem Winterabend in einer alten Zeitschrift fand. Wir waren in den Skiferien. Freunde hatten uns in ein Haus in der Nähe von Salzburg eingeladen. Das Haus war groß, alt und geheimnisvoll. In der Küche hing ein riesiges Schwarz-Weiß-Foto von zwei Frauen, eine von ihnen sah aus wie Marlene Dietrich.

Aber es war nicht die Dietrich. Es war Agnes Straub, eine Schauspielerin aus München, die im Schillertheater, im Deutschen Theater, an der Volksbühne und am Theater am Schiffbauerdamm aufgetreten war und Mitte der Dreißiger das Theater am Kurfürstendamm geleitet hatte. Es trug sogar ihren Namen: Agnes-Straub-Theater. Hier in den Bergen hatte sie die Ferien verbracht, das Haus gehörte ihr. Deutschlands beliebteste Schauspielerin, stand unter einem anderen Foto. Überall waren Sachen von ihr verstreut, als sei sie nur mal kurz nach Berlin gefahren, Bilder, Krimis, Zeitschriften. Das Haus war wie eine Schatztruhe. Tagsüber fuhr ich Ski, abends setzte ich mich auf Agnes Straubs altes Canapé und blätterte in ihren Zeitschriften.

Dort fand ich den Artikel. Er war im „Querschnitt“ veröffentlicht worden, einem Zeitgeistmagazin, zu den Autoren zählten Hemingway und Proust, zu den Zeichnern Picasso und Chagall, in den Zwanzigern lag die Auflage bei über 20.000. 

Zeitgeistmagazin „Querschnitt“ 

Ich begann zu lesen, gespannt, was der Autor Beverly Nichols vor mehr als 80 Jahren zu der Rolle der Frau zu sagen hatte. Es fing harmlos an, „Frauen wüssten selbst oft nicht, was sie wollen“, las ich, „und selbst wenn sie tun, was sie wollen, höchstens zehn Minuten lang“. Als nächstes ging es darum, wie Frauen Hausangestellte behandeln, warum sie nichts wegwerfen können, der Ton wurde gröber.

Und auf einmal war der Autor beim Wahlrecht. Das hätten Frauen nur erhalten, „weil ein paar Damen von wenig einnehmendem Äußeren und unbestimmtem Alter es seinerzeit für gut befanden, sich vor Rennpferde zu werfen, sich an Parkgitter anzuketten und die Nahrungsaufnahme zu verweigern“. Dem Autor gefiel das offensichtlich nicht. „Meine Scheuerfrau hat ein Mitbestimmungsrecht über die Verwaltung Indiens“, stellte er fest. So ging es weiter. Der Artikel gipfelte in der Aussage, Frauen, die die gleichen Rechte wie Männer einforderten, sollten auch genau wie die Männer behandelt und bitteschön in den Schützengraben geschickt werden. Gleiche Freiheiten, gleiche Pflichten!

Der Text war eine Frechheit, das Gegenteil davon, was dieses Haus ausstrahlte, das einer Frau gehört hatte, die auf den größten Bühnen Deutschlands gestanden und ein Berliner Theater geleitet hatte. Ich sah auf das Erscheinungsdatum: November 1935. Da ging es dem „Querschnitt“ nicht mehr so gut, die Nazis standen nicht auf Zeitgeist, die Chefredakteure wechselten, die politische Ausrichtung wurde rechter, das Niveau niedriger. Beverly Nichols war ein britischer Krimiautor, kein Hemingway.

An den Herd geschickt

Ich fragte mich, was Agnes Straub über den Text dachte, mit wem sie darüber redete in einer Zeit, da Frauen aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwanden und wieder nach Hause zu ihren Familien an den Herd geschickt wurden.

Agnes Straub hatte keine Familie, nicht im klassischen Sinne. In einer Autobiografie, die ich im Haus fand, beschrieb sie, wie sie als Mädchen bei einer Schulaufführung entdeckt wurde, Schauspielunterricht nahm, von Theater zu Theater zog, eine Rolle nach der anderen spielte, wie sie vor Aufregung oft nichts essen konnte, wie sie hoffte, der Erfolg würde ihr mehr Selbstsicherheit geben und wie wichtig es ihr als Theaterchefin war , junge Schauspieler, vor allem junge Frauen, zu fördern.

Was ihre Arbeit betraf, war sie offen, über ihr Privatleben schwieg sie sich aus. Männer tauchen so gut wie nie auf, bis auf einen, Leo Reuss, ein Jude, dem sie Rollen besorgte und Unterschlupf gewährte, um ihn vor den Nazis zu beschützen. Er soll ihr Lebensgefährte gewesen sein, steht in dem kurzen Lebenslauf, den man in Archiven von ihr findet. Im Haus gab es keine Spur von ihm. Dafür von einer Frau, Straubs Adoptivtochter, kaum jünger als sie, ebenfalls Schauspielerin. Sie war die andere Frau auf dem Foto in der Küche und hatte nach Agnes Straubs Tod das Haus geerbt. Straub war im Alter von 51 an den Spätfolgen eines Verkehrsunfalls gestorben.

Preis für ein selbstbestimmtes Leben

Wir saßen in der Küche unter dem Bild der zwei Frauen und versuchten, uns vorzustellen, was sie für ein Leben geführt hatten. Ob sie Geliebte waren, heimliche Geliebte. Ob das Haus ihr Rückzugsdomizil war. Wie es für eine lesbische Frau gewesen sein muss, in der Zeit zu leben, als die Nazis an die Macht kamen. Warum hatte Agnes Straub das Theater am Kurfürstendamm nur für eine Spielzeit geleitet? Und was war das für ein Verkehrsunfall gewesen, an dessen Spätfolgen sie starb? Welchen Preis musste sie für ihr selbstbestimmtes Leben bezahlen?

In Berlin, hoffte ich, würde ich mehr herausfinden. Immerhin gab es einen Agnes-Straub-Weg in der Gropiusstadt. Ich rief im Theater am Kurfürstendamm an und fragte nach Informationen über die ehemalige Leiterin. Die Pressesprecherin kannte den Namen, wusste aber sonst nichts über sie. Gar nichts. Es gibt auch kein Foto von Agnes Straub im Theater, oder irgendeine andere Art von Gedenken an die Frau, die eine der ersten Theaterleiterinnen im Land war.

Agnes Straub, so schien es, war aus der Zeit, in die sie nicht passte, einfach gestrichen worden.

Einen Nachruf fand ich noch, aus dem Bühnenjahrbuch von 1942. Da werden ihre Rollen aufgezählt und Agnes Straub als Wunderkind des Theaters gepriesen. Auf der Höhe ihres Wirkens, heißt es am Schluss, habe sie ihre Welt verlassen. Das Schicksal habe es gut mit ihr gemeint.