Schlafende Riesen“ nennt man die in vielen Städten zu entdeckenden großen Gebäude, errichtet dereinst mit viel Zukunftshoffnung, heute aber heruntergekommen oder ungenutzt. In Berlin ist das größte und berühmteste Beispiel das seit vorigem Jahr geschlossene Internationale Congress Centrum, kurz ICC, in Charlottenburg zwischen Stadtautobahn und Messegelände.

Seit Jahren liegt öffentliches Geld bereit, 200 Millionen Euro, um das 1979 gebaute, preisgekrönte Haus zu sanieren und wieder zu eröffnen. Doch noch immer ist unklar, für welche Nutzung genau. Dabei scheinen die Interessen der landeseigenen Messegesellschaft und ihres Eigentümers Berlin mal wieder auseinanderzudriften.

Lieber ein Neubau?

Denn die Messe, die 2014 (gemessen am Umsatz) das erfolgreichste Geschäftsjahr ihrer Geschichte hatte, will auch in einem sanierten ICC nur relativ wenige Räumlichkeiten nutzen, ganze 5000 von einst 40.000 vorhandenen Quadratmetern Nutzfläche hat Messe-Chef Christian Göke anmelden lassen. Stattdessen, so heißt es in Senatskreisen, wolle die Messe wegen der steigenden Nachfrage nach Kongressen lieber einen weiteren Neubau errichten.

Wenn das stimmt, wäre es der zweite Neubau für denselben Zweck, denn erst 2014 öffnete der „City Cube“, ein Zweckgebäude mit Schuhschachtelcharme an der Jafféstraße, wo einst die Deutschlandhalle stand. Dahinter, vor dem Südeingang, wäre noch Platz für einen City Cube II, lautet die stabile Gerüchtelage.

Sie wird gestützt durch eine bislang unveröffentlichte Marktstudie im Auftrag der Messe und der Berliner Tourismus-Werber von „Visit Berlin“, von der ein Hauptfazit bekannt ist: Berlin könne die stetig steigende Nachfrage gerade nach großen Kongresskapazitäten (mehr als 5?000 Teilnehmer) nicht befriedigen. Zwischen 2014 und 2018 hätten 32 Veranstalter eine Absage erhalten, nach anderen Quellen waren es sogar 41.

So wäre es mehr als verständlich, wenn die Messe Berlin ihr Kerngeschäft ausbauen will. Dem Vernehmen nach gibt es sogar Pläne der Gesellschaft, im Nordwesten des Messegeländes Areale für den Wohnungsbau zu räumen und zu verkaufen, um Geld für Investitionen zu haben.

Ein Haus für Kongresse

Die Grundstücke gehören allerdings dem Land, nicht der Messe. Und die Interessen des Landes und der Politik haben eine deutlich andere Zielrichtung. So machte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) jüngst in Interviews klar, dass er noch einmal genau geprüft haben möchte, welche Potenziale im ICC für seinen ursprünglichen Zweck stecken: ein Haus für Kongresse zu sein.

Bisher wird ein anderes Programm verfolgt. Im vorigen Jahr ließ Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) per Gutachten prüfen, welche Nutzung im ICC am ehesten wirtschaftlich und mit dem vorhandenen Budget auch realisierbar wäre. Ergebnis: eine „Mischnutzung“ aus Hotel, Kongress- und Shopping-Mall. Frühestens im März soll eine Folgestudie zeigen, welche Auswirkungen eine Shopping-Mall im ICC auf die Umgegend hätte.

Doch es gibt immer mehr Koalitionäre, denen das eigentlich schon zu weit geht. Der SPD-Wirtschaftspolitiker Frank Jahnke etwa sagt, die Antwort auf mangelnde Kongressflächen in Berlin könne nur sein, das ICC „schnellstmöglich zu sanieren und als Kongressstandort wiederherzustellen“. Dafür müsse man noch einmal prüfen, ob die beschlossenen 200 Millionen Euro ausreichen, findet Jahnke.

Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) doch im ICC?

Auch die Idee, die geplante neue Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) ins ICC einzubauen und die dafür vorgesehenen 270 Millionen Euro zusätzlich in das Haus zu stecken, macht noch die Runde. Auch für die CDU ist klar, dass für das ICC weder ein Abriss noch eine dauerhafte Schließung in Frage kommen. Die Grünen-Wirtschaftsexpertin Nicole Ludwig fordert schon einen klaren Sanierungsplan: „Die Fakten liegen doch längst auf dem Tisch.“ Wenn die Nachfrage steige, könne man das ICC in fünf Jahren mit je 60 Millionen Euro sanieren. In der Zwischenzeit könnten Kongresse auch in Messehallen stattfinden.

Die Messe selbst dementierte auf Anfrage, dass es Neubau- oder Verkaufspläne für Messe-Grundstücke gebe. Die Entscheidung über das ICC liege beim Land, teilte das Unternehmen mit. Wirtschaftssenatorin Yzer erklärte, es sei nicht „primär eine öffentliche Aufgabe“, neue Kongresskapazitäten zu schaffen. Dies könnten auch private Investoren.