Der interne Bericht war in dieser Form nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Und doch sickerte die Aufzählung der vielen Polizei-Pannen, die es unmittelbar nach dem Terroranschlag am 19. Dezember gegeben hatte, durch:

Nachdem der Tunesier Anis Amri mit einem Lkw auf dem Breitscheidplatz zwölf Menschen getötet und mehr als 60 verletzt hatte, leitete die Polizei, wie berichtet, viel zu spät eine Großfahndung nach dem Attentäter ein. Die bei Terroranschlägen vorgesehene Großfahndung („Maßnahme 300“) wurde erst nach über drei Stunden gestartet.

Die Polizei suchte weder die Umgebung des Breitscheidplatzes ab, noch kontrollierte sie Straßen und Bahnstrecken. Die Einsatzführung sei ungeübt gewesen, heißt es in dem Bericht. Polizisten seien nicht alarmiert worden, sondern hätten sich selbst in den Dienst versetzt. Sie hätten keine Aufträge bekommen, sondern in weiten Teilen intuitiv gehandelt. Es habe Informationsdefizite bei den Einsatzkräften gegeben.

Der Senat setzte einen Sonderermittler ein

Am Montag nun räumte Polizeipräsident Klaus Kandt vor dem Innenausschuss des Abgeordnetenhauses ein, dass es an dem Abend Schwächen gegeben habe. „Die Bewältigung eines Attentats ist eine der schwersten Lagen“, so Kandt. „Da kann nicht alles hundertprozentig laufen. Haben Sie wirklich die Erwartung, dass die Polizei überhaupt keine Fehler macht?“

Um aufzuklären, was im Fall Anis Amri alles schief ging, nahm im Abgeordnetenhaus ein Untersuchungsausschuss die Arbeit auf. Zusätzlich setzte der Senat einen Sonderermittler ein. Im Landeskriminalamt wälzt eine „Taskforce Lupe“ die betreffenden Polizeiakten und arbeitet dem Ausschuss und dem Sonderermittler zu.

Eine Nachbereitungskommission – angesiedelt bei der Polizeidirektion 5, die am Einsatz am 19. Dezember nicht beteiligt war – wurde vom Polizeipräsidenten Ende Januar beauftragt, einen Bericht über den Polizeieinsatz zu fertigen – zur Überraschung des Abgeordnetenhauses.

„Wann wollten Sie uns darüber informieren?“

Dieser Bericht, der laut Kandt erst im Oktober seine Endfassung haben soll, wird Basis für die strategische Ausrichtung der Behörde, die Beschaffung von Mitteln und Stellen, für Verbesserung in den internen Abläufen. „Er ist Teil moderner Fehlerkultur“, so Kandt. „Ich weiß nicht, ob es einen Bericht in dieser Ehrlichkeit überhaupt schon einmal bei der Polizei Berlin gegeben hat.“

Erzürnt sind Abgeordnete aus einem anderen Grund: Sie wissen nur von dem Bericht, weil ihn zufällig jemand an die Öffentlichkeit lancierte. „Wann wollten Sie uns darüber informieren?“, fragte Marcel Luthe von der FDP im Ausschuss.

Bereits im April wurde der Bericht erstellt

„Es gibt eine Informationspflicht des Innensenators gegenüber dem Parlament“, sagte Burkhard Dregger (CDU). „Über den Umstand, dass so eine Aufarbeitung stattfindet, hätten Sie uns informieren müssen“, so auch Niklas Schrader (Linke). „Missstände, über die nicht gesprochen wird, gelangen zwangsläufig an die Öffentlichkeit“, sinnierte Canan Bayram (Grüne).

Bereits im April wurde der Bericht erstellt. Doch Innensenator Andreas Geisel (SPD) kannte ihn nicht. Kandt will ihn erst noch gegenzeichnen, bevor er ihn im Oktober übergibt. Dass es noch nicht dazu kam, erklärte er am Montag mit der hohen Arbeitsbelastung. „Dass die Nachbereitungskommission nicht bekannt war, war mir nicht bewusst. Wir haben ihre Existenz nicht geheim gehalten.“