Der Straßenverkehr in Berlin wird immer gefährlicher. Die Zahl der Unfälle ist im Vorjahr erneut gestiegen. Es gab immer mehr Unfälle mit Senioren, und immer öfter waren Drogen im Spiel. Gleichzeitig mussten Raser und Betrunkene seltener befürchten, von der Polizei erwischt zu werden. Die Zahl der Geschwindigkeitskontrollen sank um 17 Prozent. Das geht aus dem internen Lagebild der Polizei für 2017 hervor. Die mehr als 80-seitige „Führungsinformation Verkehr“ liegt der Berliner Zeitung vor. Ein Teil der Zahlen wird in den nächsten Wochen offiziell präsentiert.

Der Straßenverkehr soll sicherer werden: Diese Devise haben sich Berlins Verkehrspolitiker seit vielen Jahren auf die Fahnen geschrieben. Doch die Polizeistatistik zeigt, dass die Stadt von diesem Ziel weit entfernt ist. Die Zahl der Verkehrsunfälle nimmt in Berlin seit mehr als zehn Jahren kontinuierlich zu – auch 2017 war dies so.

Auf den Straßen von Berlin krachte es jeden Tag im Durchschnitt fast 400 Mal. Insgesamt registrierte die Polizei 143.424 Unfälle – das sind 1,59 Prozent mehr als im Jahr davor. In einigen Gegenden war der Anstieg sogar noch größer, Unfallschwerpunkte sind noch gefährlicher geworden.

So nahm die Zahl der Unfälle auf dem Ernst-Reuter-Platz um nicht weniger als 29 Prozent zu – auf 431. Damit ist er der Berliner Spitzenreiter. Die Zahl der Verletzten hat sich dort mehr als verdoppelt – von 17 auf 38. Auch ein anderer Kreisverkehr in Charlottenburg fällt auf: Auf dem Jakob-Kaiser-Platz stieg die Zahl der Unfälle um fast ein Viertel auf 306 – die Zahl der Verletzten stieg von 8 auf 18.

Weniger Tempokontrollen

Immerhin: Berlinweit stagnierte die Zahl der Menschen, die bei Unfällen starben oder Verletzungen erlitten. Allerdings verunglückten im Durchschnitt fast 50 Menschen pro Tag – insgesamt 17.415. Betrachtet man nur die Zahl der Verkehrstoten, ist das Fazit erfreulich: Statt 56 im Vorjahr waren es 36 – ein historischer Tiefstand in Berlin. Als aussagekräftiger für das Klima auf den Straßen schätzen Experten jedoch die Zahl der schwer Verletzten ein. Denn es ist meist nur Zufall oder Glück, ob jemand nach einem Unfall stirbt oder doch noch gerettet werden kann. Die Zahl der schwer Verletzten stieg um elf Prozent auf 2317.

Im Straßenverkehr gestorbene Kinder spielen eine immer kleinere Rolle. Starben 1993 noch 21 Kinder, war es 2017 eines. Das hängt damit zusammen, dass viele Eltern den Nachwuchs nicht mehr unbegleitet nach draußen lassen.

Dagegen hat die Zahl der Unfälle, an denen Senioren beteiligt waren, einen erneuten Rekordwert erreicht. An 16.891 Unfällen waren Menschen beteiligt, die älter als 64 waren – das sind fast 130 Prozent mehr als 2001. Zwei Drittel dieser Unfälle wurden von den Senioren verursacht, die fast immer im Auto unterwegs waren. 16 Senioren kamen ums Leben. Die Polizei hat ermittelt, wo Ältere besonders oft Unfälle verursachen. Dazu zählen die Bahnhofstraße in Köpenick und der Wilhelmsruher Damm im Märkischen Viertel.

Im Vorjahr starben sechs Menschen, weil Fahrzeuge zu schnell fuhren. Trotzdem ging die Zahl der Geschwindigkeitskontrollen zurück – von 11.445 auf 9538. Die Zahl der mobilen Verkehrskontrollen sank von 4374 auf 4096. Dabei gab es mehr als 1400 Unfälle unter Alkohol, bei denen 122 Menschen schwer verletzt wurden und drei getötet. Der volkswirtschaftliche Schaden durch Trunkenheit am Steuer belief sich auf mehr als 31 Millionen Euro. Bei 260 Unfällen stand der Fahrer unter Drogen – ein Anstieg um ein Drittel.

64 Stellen sind unbesetzt

Für die Verkehrskontrolleure der Polizei wird es immer schwieriger, Recht und Ordnung durchzusetzen. Vor knapp zwei Jahren wurden die Verkehrsdienste der sechs örtlichen Direktionen im Referat Begleitschutz und Verkehrsdienst zusammengefasst. Von 787 Stellen sind 64 unbesetzt, wie aus einer Antwort von Innen-Staatssekretär Christian Gaebler auf eine SPD-Anfrage hervorgeht. Ende Januar waren 35 Polizisten dienstunfähig, weitere 27 gesundheitlich eingeschränkt. Den Investitionsbedarf für den 379 Fahrzeuge umfassenden Fuhrpark des Verkehrsdienstes beziffert die Verwaltung auf mehr als 2,8 Millionen Euro.

Steve Feldmann, Personalratsvorsitzender der Polizeidirektion 4, nennt die Entwicklung auf Berlins Straßen besorgniserregend. „Leider ist aufgrund der Personalnot immer weniger Zeit für Verkehrskontrollen. Der mangelnde Kontrolldruck macht sich natürlich auch im Fahrverhalten der Menschen bemerkbar“, sagt er. „Wir müssen aufpassen, dass im Straßenverkehr nicht bald das Gesetz des Stärkeren regiert.“

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, dass die Anzahl der Unfälle insgesamt um 1,88 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sei. Richtig aber ist, dass es 1,59 Prozent sind. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, diesen zu entschuldigen.