Berlin - Eine Gruppe von Studenten der Design Akademie Berlin hat eine Kampagne gegen den Hass im Internet gestartet. „Don’t Be Silent Berlin“ heißt ihr Projekt. Übersetzt bedeutet das etwa: Berlin, bleib nicht still! Denn die Zielgruppe sollen vor allem jene Menschen sein, die ratlos, hilflos oder ängstlich auf die Ausbreitung von Hass-Postings bei Facebook oder in anderen sozialen Medien schauen. Vor allem, was das Thema Flüchtlinge betrifft.

„Wir wollen diese Leute animieren, von sich aus etwas gegen die Ausbreitung des Hasses zu tun“, sagt Mark Cichon, Masterstudent für Marketingkommunikation im 3. Semester. „Viele haben zum Beispiel große Probleme damit, dass im Netz gegen Flüchtlinge gehetzt wird.“ Dies passiere oft anonym, aber zunehmend auch in offenen Profilen. „Bei Gesprächen mit anderen Studenten ist uns aufgefallen, dass nicht wenige gerne etwas dagegen tun würden, aber oft nicht wissen, wie“, ergänzt seine Kommilitonin Jasmin Pönisch.

„Don’t Be Silent Berlin“

Beide gehören zu der insgesamt 18-köpfigen Gruppe, die das Projekt im Rahmen eines Uni-Kurses auf die Beine stellen. Neben ihnen – in einem hellen, freundlichen Akademie-Raum im Aufbauhaus am Kreuzberger Moritzplatz – sitzt die Professorin Katrin Androschin, Leiterin des Masterstudiengangs Strategic Design. Über sie kam das Projekt an die Hochschule. Die große Besonderheit dabei: „Don’t Be Silent Berlin“ ist Teil eines großen Wettbewerbs, an dem weltweit etwa 80 bis 90 Hochschulen teilnehmen. Die Design Akademie und die FH Dresden sind die einzigen deutschen Hochschulen darunter.

Katrin Androschin – aus deren Marketingagentur Embassy übrigens auch die „Be-Berlin“-Kampagne stammt – war von Kollegen gefragt worden, ob sie mit ihren Studenten an dem Wettbewerb teilnehmen wolle, dessen Titel offiziell lautet: „Peer To Peer – Facebook Global Digital Challenge“. Gesponsert wird der Wettbewerb von Facebook.

„Facebook schaut sich die verschiedenen Kampagnen an und versucht herauszufinden, welche davon für die Zukunft erfolgreich sein könnte“, sagt die Professorin. Denn der riesige Internetkonzern aus Kalifornien, dessen Netzwerke – darunter auch Instagramm und WhatsApp – weltweit von Milliarden Menschen genutzt werden, hat selbst ein großes Problem mit der drastischen Zunahme von Hasskommentaren und sogenannten Shitstorms im Netz. So könnte das, was sich die Berliner Studenten ausdenken, eines Tages selbst Teil der Facebook-Strategie sein. „Ich würde es schon mal begrüßen, wenn Facebook einen Dislike-Button einführt“, sagt Mark Cichon. Damit man es auch deutlich ausdrücken könne, wenn einem etwas nicht gefällt.

#justanotherhater

Gegenrede statt Hassrede – so lautet die Formel, mit der die Gruppe der Design Akademie angetreten ist. In der Sprache der Designstudenten heißt das: „Counter Speech“ statt „Hate Speech“. „Unsere Zielgruppe sind vor allem die 18- bis 30-Jährigen“, sagt Jessica Müller, Masterstudentin im 3. Semester. Auf die Generation, die ganz selbstverständlich mit sozialen Netzwerken im Internet aufwuchs, sind auch die Mittel ausgerichtet. Denn dem Hass begegne man vor allem in der Anonymität des Internets, hier fühlten sich die Hasser sicher, sagt Jessica Müller.

Um Neugier auf ihr Projekt zu wecken, geht die Gruppe auch auf die Straße. In einer kleinen „Guerilla-Aktion“ verbreitete sie Aufkleber mit der Aufschrift „#dontbesilent“ in Berliner Bezirken. In weiteren Aktionen mit Studenten der Stadt testet sie, wie wirksam ihre Mittel sind, die sie in den Netzwerken verwendet. „Denn um laut gegen den Hass gegen Flüchtlinge aufzustehen, braucht es viel Courage“, sagt Katrin Androschin. „Wir wollen aber zeigen, das man auch mit kleinen Dingen schon viel erreichen kann.“ Dazu gehört die Markierung von Hasskommentaren mit Etiketten wie „#justanotherhater“ (schon wieder ein Hasser!). Dazu gehören humorvolle Sprüche, aber auch einfache Hinweise wie: „Auch eine kleine Tat ist eine Tat! Zum Beispiel das Melden eines Hasskommentars, wenn du ihn siehst.“

Die Frage ist, inwieweit solche Mittel vor allem auch deutsche Hass-Kommentatoren treffen. Denn die Sprache des Projekts ist vor allem Englisch. Zur Projektgruppe gehören auch Studenten aus Kenia, Marokko, Zypern, Kolumbien, Jordanien und den USA. Man bleibt also in der eigenen internationalen „Peer Group“. Aber genau diese soll auch animiert werden, aktiver gegen Hass im Internet aufzustehen. Und sei es mit kleinen sachlichen Kommentaren zu unsachlichen Äußerungen. Es gehe darum, das Gefühl der Gemeinsamkeit zu stärken, sagt Katrin Androschin.

Die Gruppe kooperiert unter anderem mit der Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung. Sie interviewte Flüchtlinge und produzierte ein Video, das in den nächsten Tagen ins Netz gestellt werden soll.
Die Studenten der Design Akademie Berlin waren für den Wettbewerb nach genauer Prüfung durch die US-Firma EdVenture Partners in Washington ausgewählt worden. Diese plant und organisiert den Wettbewerb. Die Studenten mussten eine gründliche Konzeption einreichen.

Wöchentlich wird ein „Report“ von ihnen verlangt. Alle Ergebnisse – Hits, Links und Kommentare auf den Internetseiten – müssen messbar nachgewiesen werden. „Wir haben sehr wenig Zeit“, sagt Katrin Androschin, die Professorin. Die heiße Phase des Projekts, das im Oktober begann, endet am 6. Dezember. Dann müssen die Studenten ihren Endbericht einreichen. Und wenn sie Glück haben, gehören sie zu den wenigen Ausgewählten, die im Januar in Washington vor Facebook ihr Projekt präsentieren dürfen.