Symbolfoto Betrug im Internet mit falschen Daten.
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BerlinDie Berliner Rechtsanwaltskammer warnt vor der Kanzlei „stahlberg-hartmann.de“. Die Anwälte dieser Kanzlei gibt es nicht. Unter der angegebenen Adresse am Kurfürstendamm ist die Kanzlei nicht zu finden, und auch die beiden Fotos auf der Homepage „stahlberg-hartmann.de“ zeigen keineswegs den Juristen „Dr. Erich Stahlberg“ und einen Kollegen „Hartmann“. Es handelt sich bei den beiden Abgebildeten zwar tatsächlich um Anwälte, aber um zwei skandinavische Juristen, die von dem Missbrauch ihrer Bilder gar nichts wissen. Seit Wochen beschäftigen die beiden Fake-Anwälte auch die Berliner Staatsanwaltschaft. Und jetzt zeigt sich langsam, wie groß ihr Betrugsnetzwerk ist – und mit welcher Masche sie sich ein Vermögen verschaffen wollten.

Die Kanzlei von „Stahlberg“ und „Hartmann“ residiert angeblich im Haus Kurfürstendamm 139, ist dort aber nicht zu finden.
Foto: Lehrke

Anscheinend betreiben die angeblichen Anwälte eine Form von Erpressung. Weiterhin gibt es eine Flut von Indizien, dass die Fake-Kanzlei nur ein kleiner Teil einer groß angelegten Geldmaschine im Graubereich des Internets sein dürfte, hinter der ein Norbert W. stecken könnte.

Ins Visier der Ermittler rückte die „Kanzlei“, als ein Unternehmer aus dem Berliner Großraum vor wenigen Monaten eine schlechte Bewertung seiner Arbeit im Internet fand – verfasst von einem angeblichen Klienten, den er nicht kannte. Wenige Wochen später bekam der Mann eine Mail von „Dr. Stahlberg“, der ihm versprach, für 149 Euro die negative Bewertung entfernen zu können, wenn sich der Unternehmer über die Internet-Seite ihre-reputation.de an ihn wende.

Der Unternehmer wurde wegen des zeitlichen Zusammenhangs misstrauisch und fragte bei Denic nach, einer Firma, die Internet-Auftritte („Domains“) mit der Endung „.de“ verwaltet. Denic teilte ihm mit, dass die Domain einem Norbert W. mit Adresse auf Mallorca gehöre – mit einer Mailadresse der Firma „goldstar-marketing.net“. 

Wer mit diesen Angaben das Internet durchsucht, stößt auf ein Geflecht von Firmen, die auf Malta und in Berlin, aber eben auch auf Mallorca oder den pazifischen Cook-Inseln beheimatet sind. Ihre Internetseiten erscheinen samt und sonders obskur, und immer wieder gibt es Hinweise auf Norbert W. Die Leistungen, die dort angeboten werden, besteht darin, dass Unternehmen geholfen werde, im Netz besser dazustehen – und damit das Geschäft belebt wird. So verkaufen die Online-Firmen gute Bewertungen bei Google, Amazon, mobile.de, Immobilienscout und vielen anderen Plattformen.

In diesem Video einer Internet-Marketingfirma tritt ein Mann als Geschäftsführer Simon R. auf.
Screenshot: BLZ

Eine der Hauptfiguren ist ein Simon R., der auf Malta eine Kanzlei betreibt. Simon R., angeblich Brite, tritt in einem Video auf und stellt sich in akzentfreiem Deutsch als Geschäftsführer eines maltesischen Unternehmens vor. Es gehört Norbert W.

In diesem Video, das für eine Produkttester-Seite wirbt, tritt der maltesische „Simon“ als  Berliner „Ludwig“ auf.
Screenshot: BLZ: 

Derselbe Simon R.  heißt in einem Youtube-Video „Ludwig“ und wirbt für eine Berliner Internet-Seite, die erklärt, wie man als Produkttester Geld verdienen könne. Diese Seite wiederum gehört einer Firma, die in der gleichen Neubauvilla in Grunewald residiert, in der Norbert W. mit einer Geschäftspartnerin eine Internet-Firma betreibt, die laut Impressum eine Besucheradresse am Kudamm hat. Dort ist sie jedoch nicht zu finden.  Auch Norbert W. hat wie „Dr. Stahlberg“ und „Hartmann“ noch eine Kudamm-Adresse – ein Co-Working-Haus, wo er allerdings unbekannt ist.

Auffällig ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Seiten alle eine ähnliche Optik haben. Zudem stammen Bilder angeblicher Mitarbeiter aus kommerziellen Fotobibliotheken wie Shutterstock. 

Es werden außerdem Rechtsanwälte wie ein „Ullrich Störmer“ abgebildet. Es gibt zwar im offiziellen deutschen Rechtsanwaltsverzeichnis einen „Ulrich Störmer“, aber nur mit einem „L“. Außerdem sieht dieser Jurist ganz anders aus als der Abgebildete. Es handelt sich auch diesmal um ein Shutterstock-Bild. Andere Fotos sind wie bei „stahlberg-hartmann.de“ den Internetseiten echter Kanzleien entnommen. 

Ein Anwalt, der eine große Kanzlei mit Niederlassungen in ganz Deutschland leitet, sagte der Berliner Zeitung: „Es ist schon komisch, wenn man auf diesen Seiten seine eigenen Mitarbeiter mit falschem Namen sieht.“ Auch Textbausteine sind auf den verschiedenen Seiten vielfach nur abgekupfert.

Die Berliner Zeitung erreichte Norbert W. am Mobiltelefon. Der Mann, dessen mutmaßlich echte Fotos im Netz ihn als Stadtführer in Salzburg, als Immobilien-Makler auf Mallorca, als Rohrreinigungsunternehmer in Erlangen und als Autoren eines Buchs über Suchmaschinen-Optimierung ausweisen, erklärte, er kenne„keinen Simon R..“ Ein Dr. Stahlberg sei ihm so unbekannt wie „ihre-reputation.de“ oder„ goldstar-marketing.net.“ Er vermiete nur Seiten. Das Unternehmen aus Grunewald, das Produkttester suche und im selben Haus sitzt wie die Firma, an der er beteiligt ist, kenne er ebenfalls nicht.

Dieses Foto zeigt Norbert W. im Netz mal als Erlanger Rohrreiniger, mal als Stadtführer in Salzburg.
Screenshot: BLZ

Nach der Vielzahl seiner Tätigkeiten befragt, antwortete der 52-Jährige, er sei da wie Elon Musk, der Autos baue und Raumfahrt betreibe, nur kleiner. Was tatsächlich hinter den Aktivitäten des Mannes steckt, und warum sein Name bei verschiedenen dubiosen Firmen auftaucht,  dürfte jetzt die Staatsanwaltschaft Berlin interessieren. Klar ist schon jetzt: Die Staatsanwälte ermitteln gegen „Dr. Erich Stahlberg“ wegen des Verdachts des Titelmissbrauchs.