Berlin - Wüst liegt der Petriplatz da. Früher war dort Berlins historische Mitte, mit kleinen Häusern, mittendrin eine Kirche. Jetzt ist da eine Brache mit Schotter und Unkraut. Auf der vielbefahrenen Gertraudenstraße nebenan rauscht der Verkehr. Man braucht viel Fantasie um sich vorzustellen, was dort bald wachsen soll: Ein Bet- und Lehrhaus für drei verschiedene Religionen. Gemeinsam wollen Christen, Juden und Muslime dort künftig beten, feiern sowie anderen und auch einander etwas beibringen über ihre jeweilige Religion. So ein interreligiöses Haus gibt es in Berlin bisher nicht und angeblich auch nicht in ganz Europa. Doch wozu ist es gut?

Gregor Hohberg ist Pfarrer in St. Petri-St. Marien, in jener Gemeinde in Mitte, die dieses Projekt ersonnen hat. Der 44-Jährige ist seit zehn Jahren Pfarrer der Citykirchen, wie sich der Verbund der innerstädtischen Kirchen nennt, wo nur wenige Menschen leben, die Kirchen aber immer voll sind, mit Touristen, Zugereisten und auch vielen Menschen aus Stadtrand-Gemeinden. Mittlerweile hat Hohberg das Petriplatz-Projekt weit vorangetrieben. Die Rahmendaten sind mit der Stadt verhandelt. Zurzeit läuft ein Architektenwettbewerb: 42 internationale Architekturbüros werden im September ihre Entwürfe präsentieren, ein Preisgericht prämiert den Besten.

Gemeinsamer Festkalender

Fragt man Hohberg nach dem Sinn seines Projektes, erzählt er, wie es zustande gekommen ist. „Bei Grabungen auf dem Platz wurden die 750 Jahre alten Fundamente der Petrikirche entdeckt“, sagt er, und auch ein Friedhof mit den Gebeinen von 3.500 früheren Kirchenmitgliedern. Das war im Jahr 2007. „Es stand einfach die Frage im Raum, was wir mit diesem Platz machen wollen.“ Zumal dies auch der Ort ist, auf den die Stadt Berlin ihren historischen Ursprung zurückführt: das Zentrum der mittelalterlichen Stadt Cölln mit der St. Petri-Kirche, dem Cöllnischen Rathaus und der Lateinschule. Anstelle letzterer wird ein Besucherzentrum entstehen, archäologische Funde sollen dort präsentiert werden.

Hohberg glaubt, die Stadt brauche einen Dialog der Religionen und auch einen mit den vielen Nichtgläubigen. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis die Gemeinde wusste, was sie wollte. Bis klar war, dass es um jene Religionen gehen würde, die am längsten in der Stadt verwurzelt sind. Bis die Partner gefunden wurden: das muslimische Forum für interkulturellen Dialog, die Jüdische Gemeinde, das Abraham-Geiger Kolleg.

Im Bet- und Lehrhaus soll jede Religion einen Gebetsraum bekommen, „wo das Eigene gepflegt wird“, wie Hohberg sagt. Schließlich sollen die eigenen Gebete und Rituale im gemeinsamen Haus nicht aufgegeben, vermengt oder verwässert werden. Es wird deshalb muslimische Freitagsgebete, jüdische Gottesdienste zum Sabbat und christliche Sonntagsgottesdienste geben. Angrenzend zu den Gebetsräumen ist ein großer gemeinsamer Raum vorgesehen, „wo wir voneinander lernen“, sagt Hohberg. Es geht um einen neuen Umgang miteinander.

Trägerverein soll das Haus betreiben

Für das Nutzungskonzept wurde bereits ein gemeinsamer liturgischer Festkalender erstellt. Demnach könnte in der Mevlid Nacht, in der an die Geburt des Propheten Mohammed erinnert wird, im muslimischen Sakralraum ein Abendgebet stattfinden, während im Gemeinschaftsbereich mit Musik und Ausstellungen eine Annäherung an den Propheten versucht würde. Chanukka und Weihnachten würden mit Gottesdiensten separat gefeiert. Täglich soll es Führungen für Besucher und Schulklassen geben. Angedacht sind auch Symposien zu Familie, Partnerschaft, Erziehung oder Begräbniskultur. Von außen soll das Ganze als Sakralbau erkennbar sein, das ist die Vorgabe für die Architekten.

Für das Bet- und Lehrhaus wurde mittlerweile ein Trägerverein gegründet, der das Haus auch betreiben soll. Mitglied ist auch das Land Berlin. In einer gemeinsamen Charta haben sich die Partner verpflichtet, gewalt- und selbstlos, solidarisch, wahrhaftig und gleichberechtigt zu handeln.