Berlin - Markus Dröge (57) ist der Bischof der evangelischen Kirche für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz. Der veheiratete Vater dreier Kinder predigt Heiligabend im Dom.

Bischof Dröge, was machen Sie zu Weihnachten?

Für mich ist Weihnachten zum einen ein traditionelles Familienfest mit Gottesdienst, Bescherung, einer Krippe aus Bethlehem unterm Weihnachtsbaum, mit Liedersingen und Lesen der Weihnachtsgeschichte. Meine Kinder, die nicht in Berlin leben, kommen dazu. Zum anderen trägt Weihnachten auch eine revolutionäre Botschaft in sich, die nicht von einem starken Gott erzählt, sondern von einem, der aus der Schwäche kommt. Ich gewinne daraus die Zuversicht, dass Dinge sich auch ganz anders entwickeln können in unserer Welt, nämlich zum Guten hin, zum Frieden, zur Versöhnung. Ich bin jedes Mal ermutigt von diesen Tagen.

Sie müssen selbst auch arbeiten?

Ja, ich halte Gottesdienste in verschiedenen Kirchen. In diesem Jahr bin ich um 14.30 Uhr im Dom und um 17.30 Uhr in St. Marien. Da kommt meine Familie dazu.

Die Familie hört Ihre Predigt?

Ja, die Familie hört mir zu. Das ist sehr spannend. Denn die stärksten Kritiker eines Pfarrers sind immer die eigenen Familienmitglieder, was sich manchmal bis zum Abendbrot hinzieht. Ob ich dem entspreche, was ich gepredigt habe, kann niemand besser beurteilen als die Kinder. Meine Töchter sind 14 und 22 Jahre alt, mein Sohn ist 20. Das sind solidarisch kritische Begleiter, wobei die Solidarität in gewissen Altersstufen stark verdeckt ist.

Es gehen viele Menschen zu Weihnachten in die Kirche, die man sonst nie dort sieht. Stört Sie das?

Nein, ich freue mich über jeden, der in den Weihnachtsgottesdienst kommt. Ich sehe das als Gelegenheit, diesen Menschen die Botschaft des Evangeliums deutlich zu machen.

Ist der Kirchenbesuch zu Weihnachten nicht ein Event, so wie ein Besuch im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, bloß mit Predigt?

Es mag sein, dass da zunächst die Sehnsucht nach einem schönen Ereignis ist, nach einer entspannten Atmosphäre und nach guten Liedern. Als Prediger muss ich das aufgreifen und auf das tiefere Geheimnis der Weihnachtsbotschaft hinweisen. Das reicht über den Eventcharakter hinaus.

Sprechen Sie dann anders als vor Menschen, die regelmäßig kommen?

Ich thematisiere stärker das allgemeine Bedürfnis nach Geborgenheit und Orientierung, ich greife politische Themen auf, die das Jahr bestimmten und erkläre, was das Evangelium uns dazu zu sagen hat.

Wie war das zurückliegende Jahr nach Ihrer Wahrnehmung?

Ich habe Sorge, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht und sich eine menschenfeindliche Stimmung breit macht angesichts der Entwicklung in Europa. Dagegen möchte ich die Weihnachtsbotschaft setzen, dass sich der starke Gott mit den Schwachen solidarisiert.