Berlin - Andrej Holm (41) beschäftigt sich als Stadtsoziologe an der Humboldt-Universität mit der Gentrifizierung in Berlin. Den Zuzug am östlichen Stadtrand sieht er als Ausdruck der extremen Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt.

Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf hatten in den letzten Jahren ein schlechtes Image. Jetzt sind Wohnungen dort zunehmend gefragt. Ist das ein Zeichen für die Verdrängung aus der Stadtmitte?

Ja. Es gibt einen hohen Druck in der Innenstadt. Dass Menschen sich dort steigenden Mieten nicht mehr leisten können, betrifft nicht mehr nur Hartz-IV-Haushalte, sondern auch Mittelstandsfamilien.

Sie haben des Öfteren vor entstehenden Ghettos am Stadtrand gewarnt. Wie passt das zusammen, wenn dort der Mittelstand hinzieht?

Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf sind große Gebiete. Da gibt es Teile, die von dem positiven Trend nichts abbekommen. Wo die Plattenbauten unsaniert sind, sind die Mieten am billigsten. Dort finden sich die meisten Benachteiligten.

Berlin hat viel Geld verwendet, um Lichtenberg, besonders aber Marzahn-Hellersdorf zu stabilisieren. Ist gesamtstädtisch der wachsende Zuzug nicht positiv?

Bei solchen Veränderungen gibt es Gewinner und Verlierer. Wenn die Leerstandszahlen deutlich zurückgehen, ist das von Vorteil für die Wohnungsunternehmen und wird als positive Entwicklung wahrgenommen. Ich habe aber kürzlich einen Mieter gesprochen, der 53 Jahre lang sein Leben in Kreuzberg verbracht hat. Er hat vom Jobcenter eine Wohnung in Marzahn vermittelt bekommen. Der ist kein Gewinner, sein soziales Umfeld bricht weg.

Es sind widerstreitende Interessen?

Auf jeden Fall. Es ist ein Unterschied, ob ich umziehe, weil ich meine Traumwohnung gefunden habe oder ob ich umziehen muss, weil mein Eigentümer sagt, die Miete wird verdoppelt. Wir hatten 15 Jahre lang einen entspannten Wohnungsmarkt, Mieter hatten eine hohe Souveränität in der Auswahl ihrer Wohnung, ihrer Nachbarschaft. Jetzt haben wir das erste Mal jenseits der ganz Armen, die das schon früher nicht konnten, die Situation, dass der größte Teil der Umziehenden in der Stadt diese Wahlfreiheit nicht mehr hat. Für die ist es auch eine kulturelle Herausforderung zu sagen: Jetzt muss ich mich für Tempelhof oder Lichtenberg entscheiden.

Oder für Marzahn-Hellersdorf ...

Für Gegenden, in die man vorher noch nie ziehen wollte, fernab von den Routen der Kneipen und der Infrastruktur, die man mag.

Nach Angaben der Wohnungsunternehmen ziehen viele junge Familien nach Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf, weil es dort viel Grün gibt und gute Schulen ohne 50-prozentigen Migrantenanteil. Könnte es sein, dass es zwei Strömungen gibt?

Die Qualität der Schulen dort hat sich ja in den letzten zehn Jahren nicht verändert. Also muss man sich die Frage stellen, warum kommen die Familien jetzt? Bildungsorientierte aus Kreuzberg oder Neukölln sind schon immer umgezogen, wenn die Kinder im schulpflichtigen Alter waren. Bisher aber nach Schöneberg oder Charlottenburg. Wenn wir uns die Entwicklung anschauen, ist jetzt dieser Spielraum geschlossen. Also müssen sie sich zwischen Reinickendorf, Spandau und Lichtenberg entscheiden oder für Marzahn-Hellersdorf.

Das Gespräch führte Birgitt Eltzel.