Ein Café in Friedrichshain, viele Hipster-Bärte, viel Schwarz, viel Englisch. Carly Abramovitz, 30, kommt von der Arbeit, hat in der Nähe eine Praxis als Psychotherapeutin. Sie stammt aus Kapstadt und arbeitet auf Englisch, betreut vor allem ausländische Patienten. Nebenher schreibt sie einen Blog über ihr Leben als Single in Berlin.

Miss Abramovitz, in Ihrem Blog beklagen Sie, dass Sie die Berliner Dating-Regeln nicht verstehen. Was meinen Sie damit?

In Kapstadt, wo ich herkomme, ist die Rollenverteilung klarer. Die Initiative geht vom Mann aus, der Mann spricht die Frau an, lädt sie zu einem Drink ein. In Berlin ist es eher selten, dass man von einem Mann angesprochen wird, und wenn, dann ist er wahrscheinlich auf Drogen. Die Männer sind so passiv. In Berlin kann man den ganzen Abend mit einem Typen reden, sich gut verstehen, doch am Ende bekommt man nicht mal seine Telefonnummer.

Muss ja nicht schlecht sein, da könnte man als Frau aktiv werden.

Ich musste das erst lernen. Wir Südafrikaner sind etwas altmodischer. Vielen Männern macht das Angst, wie offensiv Frauen hier zum Teil auftreten. Sie sagen sofort, wenn sie einen Mann mögen, haben schon beim ersten Treffen Sex. Das ist anderswo undenkbar.

Schon mal Dating-Apps probiert?

Ich war bei Tinder. Meine Freundinnen sind alle bei Tinder. Das ist die einzige Möglichkeit, hier Männer kennenzulernen. Natürlich gehe ich auch auf private Partys in Berlin oder ins Berghain, aber die Leute, die man trifft, wirken oft abweisend, als wären sie nicht daran interessiert, neue Bekanntschaften zu schließen. Die Berliner sind generell distanziert. Man schaut sich auf der Straße oder in der U-Bahn nicht an, man lächelt nicht. Man kleidet sich schwarz, ist blass und sieht aus, als hätte man drei Wochen nicht geschlafen – und das ist dann cool. Ich bin ein anderer Typ, ich rede viel, lache viel, das finden die Berliner wohl verdächtig.

Wie viele Berliner Männer haben Sie kennengelernt?

Nur zwei. Aber ich kenne viele Geschichten aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Ein Mann Mitte 30 hat seine Freundin und sein Kind verlassen, weil er das Gefühl hatte, zu viel zu verpassen. Mit Mitte 30 ist man anderswo längst dem Partyleben entwachsen. Ich habe den Eindruck, dass der Berliner Mann unter einem Peter-Pan-Syndrom leidet, er will nicht erwachsen werden, sich nicht binden. Man laviert sich so durch und kokettiert auch noch damit. Manche gefallen sich in der Rolle der unrettbaren Seele.

Woran liegt das nach Ihrer Ansicht?

Die Partyszene lädt dazu ein, die Jugend endlos zu verlängern, Ausgehen, Feiern. Viele haben keinen festen Job oder eine feste Beziehung. Öfter hört man, dass die Männer gar nicht an monogamen Beziehungen interessiert sind, sondern gleich sagen, dass sie auch mit anderen Frauen schlafen wollen.

Warum sind Sie nach Berlin gekommen?

Nach dem Studium und ersten Erfahrungen im Beruf wollte ich etwas anderes erleben. Ich habe einen deutschen Pass, weil meine Großmutter Deutsche ist.

Was hatten Sie für Vorstellungen, bevor Sie nach Berlin kamen?

Ich war naiv, hab mir ganz Berlin wie Mitte vorgestellt, voller schicker junger Menschen, als ich ankam, haben mich die Armut und der raue Ton schockiert. Ich hab mich noch nie so einsam wie in Berlin gefühlt. Nachdem ich etwas Deutsch gelernt habe, wurde es besser, aber trotzdem sind fast alle meine Freunde Ausländer. Es ist schwer, deutsche Freunde zu finden. Jemand hat mal gesagt, man muss eine Bekanntschaft zwei Jahre lang pflegen, bevor man nach Hause eingeladen wird.

Ist das nicht in anderen Großstädten genauso?

Ich habe auch in London gelebt, dort empfand ich die Atmosphäre offener. Es hat auch etwas mit der Arbeitswelt zu tun, wenn man als Angestellter arbeitet, mit Kollegen, Büro, festen Arbeitszeiten, dann lernt man auch schneller Leute kennen. Aber in Berlin gibt es weniger von solchen festen Jobs als in anderen Großstädten. Es gibt auch weniger Druck, so viel zu arbeiten, weil das Leben, im Vergleich zu London oder New York, viel billiger ist.

Eigentlich schmückt sich Berlin damit, offen und tolerant zu sein.

Man wird oft dafür angegriffen, wenn man Englisch spricht. Deshalb gehe ich lieber in Läden, die von Expats geführt werden. Klar, mein Deutsch wird davon nicht besser.

Ist diese Härte der Stadt auch ein Thema, das bei Ihrer Arbeit eine Rolle spielt?

Ich arbeite mit Menschen aus verschiedenen Kulturen, Skandinaviern, Lateinamerikanern, Amerikanern. Viele meiner Patienten sind Frauen. Ich diskutiere sehr oft darüber, warum es so schwer ist, sich hier zu integrieren, warum man so viel Ablehnung spürt. Die Bürokratie ist zermürbend. Viele meiner Patienten sind schockiert, wie unfreundlich sie behandelt werden, im Amt, bei der Bank, bei der Post. Sie öffnen jemandem die Tür, und der sagt nicht mal danke. Das mögen Kleinigkeiten sein, aber wenn sie gehäuft auftreten und man sonst keinen Kontakt zu Deutschen hat, kann sich das zu einer extrem negativen Grundhaltung aufbauen.

Stimmt es, dass die englischsprachigen Psychotherapeuten der Stadt total überrannt sind?

Ja, das stimmt, hat aber damit zu tun, dass nur wenige bei den Krankenkassen zugelassen sind. Mein Psychologie-Studium aus Südafrika wird auch nicht anerkannt, ich bin als Heilpraktikerin registriert und nehme nur Privatpatienten.

Es gibt das Phänomen, dass junge Ausländer nach Berlin kommen, um sich als Musiker, Autoren, Künstler neu zu erfinden – dann von der Anonymität der Stadt überwältigt werden und Hilfe brauchen. Kennen Sie solche Fälle?

Meine Patienten kommen zu mir, damit sie eines Tages nicht in der Psychiatrie landen. Was mich überrascht hat, ist, wie lässig hier zum Beispiel mit Drogen umgegangen wird. Wenn man in Südafrika einmal pro Woche Speed, MDMA oder Kokain benutzt, würde man vom Arzt zum Entzug geschickt werden. Hier ist es Teil des Lebensstils. Das finde ich gewöhnungsbedürftig.

Sind Sie selbst noch Single?

Ich habe seit Kurzem eine Fern-Beziehung – mit einem Südafrikaner aus Kapstadt. Er hat mich auf der Straße angesprochen, wir haben uns getroffen, und es hat gefunkt. In Berlin wäre so etwas wahrscheinlich nie passiert.

Das Gespräch führte Sabine Rennefanz.