Interview: „Die Sozialarbeiter sind praxisfern ausgebildet“

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Herr Professor Hinte, wieder ist in Berlin ein Kind mutmaßlich durch elterliche Gewalt zu Tode gekommen. Sie haben einen Überblick über Jugend- und Familienhilfe in Berlin und der Republik: Leben in Berlin Kinder in sozial schwachen Verhältnissen besonders gefährlich?

Nein, solche tragischen Fälle passieren in anderen Städten leider auch. Wenn ein Kind auf diese Weise stirbt, ist das jedes Mal Anlass, über mögliche Fehler zu diskutieren. Aber grundsätzlich gehört es zum Berufsrisiko eines Sozialarbeiters, dass es trotz aller Sorgfalt passiert, ähnlich wie bei einem Chirurgen, dem trotz aller ärztlichen Kunst ein Patient auf dem OP-Tisch verstirbt. Die Konzepte für Betreuung von Familien durch die Berliner Jugendämter sind meines Erachtens nicht schlechter als in anderen Städten, eher besser.

Wenn das so wäre, müsste Zoe noch leben.

Wie schon gesagt: Mit einem gewissen Restrisiko müssen wir im sozialen Bereich immer leben. Doch es ist in der Tat so, dass die Verwaltungen in Berlin und anderswo in den letzten Jahren besser geworden sind, aber vornehmlich nur in ihren eigenen „Säulen“. Die Jugendverwaltung kümmert sich um Kinder und Jugendliche, die Stadtentwicklung um die Planung, die Innenverwaltung um die Sicherheit, die Bildungsverwaltung um die Schulen. Aber die Kooperation zwischen den Säulen ist oft schlecht. Es wird zu wenig auf den Sozialraum geschaut, den alle Verwaltungen zusammen gestalten sollen.

In Berlin gibt es doch an gefühlt jeder dritten Straßenecke ein Quartiersmanagement, dass mit vielen Beteiligten „sozialräumlich“ arbeitet, mit Bezirksämtern, Stadtteilmüttern, Polizisten, Sozialarbeitern.

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Das Quartiersmanagement ist in der Tat in Berlin gut gemacht und segensreich, aber es ist ein Bundesprogramm, das die schwarz-gelbe Koalition gekürzt hat und das es in diesem Umfang nicht mehr geben wird. Richtig wäre aber, das Quartiersmanagement und damit die gewünschte Kooperation der Behörden in allen Bereichen dauerhaft zu etablieren.

In Fällen wie bei Zoe herrscht Entsetzen in der Stadt. Presse und Öffentlichkeit hätten gern einfachere Erklärungen: Todesakte Zoe! Jugendamt hat versagt!

Natürlich muss jetzt untersucht werden, ob eine Institution versagt hat. Die Debatte ist wichtig und richtig. Aber die Wirklichkeit ist nun mal komplexer. Nach meinen Informationen von beteiligten Akteuren habe ich den Eindruck, dass hier nach allen Regeln und Standards der Sozialarbeit gehandelt wurde. Durch die Arbeit des Trägers wurden drei Kita-Plätze gefunden, die finanzielle Versorgung der Familie Zoes sichergestellt sowie die Wohnung kindgerecht eingerichtet. Das sind beachtliche Erfolge, aber dann starb das Kind. Doch nicht das Jugendamt ist der Täter, sondern nach jetzigem Kenntnisstand starb Zoe mutmaßlich durch Gewalt in der Familie. Man muss auch fragen, was andere Akteure wie etwa Nachbarn, Verwandte, Ärzte oder andere Bezugspersonen hätten sehen können.

Sind denn die Jugendämter überhaupt in der Lage, nach Einsparungen von gut 300 Millionen Euro und einer Zunahme sozial schwieriger Milieus ihre Arbeit zu leisten?

Es stimmt: Die Berliner Jugendämter sind erstens unzureichend ausgestattet und zweitens überaltert. Sarrazins Kürzungen gingen an die Schmerzgrenze, aber im System der Familienhilfe ist immer noch viel Geld, um gute Arbeit zu leisten. Das Problem ist, wie das Geld verwendet wird.