In einigen Gebieten im Süden des philippinischen Archipels sind Geiselnahmen inzwischen zu einem einträglichen Geschäft geworden. Zahlreiche neue Entführungsfälle verunsichern seit Ende 2011 wieder die Region.

Mister Mendoza, was hat Sie an diesem Soff gereizt?

Das Thema reizt mich, seit ich vor Jahren auf die Autobiografie von Gracia Burnham stieß. Sie gehörte zu den Ausländern, die aus dem Dos Palmas Resort entführt wurden. Burnhams Bericht über ihre schrecklichen Erlebnisse, wie sie dabei ihren Mann verlor, hat mich enorm bewegt. Je länger ich mich mit dem Leiden auch der anderen Geiseln befasste, das mehr als ein Jahr andauerte, desto mehr Fragen bewegten mich. Hinter den Kulissen ging viel mehr vor, als die Öffentlichkeit erfuhr. Viele waren nicht damit zufrieden, wie sich Regierung und Militär in dieser Krise verhielten. Viele Dinge wurden vertuscht, manches auch einfach gefälscht. Es gab viel Hörensagen. Nie erfuhr man Genaueres. Nach all den Jahren wollte ich Antworten. Zudem wollte ich mehr über die Motive der Abu Sayyaf und der muslimischen Filipinos erfahren.

Haben Sie Leute kontaktiert, die damals beteiligt waren?

Ich habe viele Opfer befragt, aber auch Abu Sayyaf-Mitglieder, die jetzt im Gefängnis sitzen. Ich war auf den Inseln Palawan und Mindanao, um von Zeugen, Überlebenden und deren Familien, von Militärs, Polizisten und Unterhändlern zu erfahren, was wirklich passiert ist. Diese Gespräche haben sich über Monate hingezogen.

In „Captive“ spielt die Innensicht der muslimischen Terrorgruppe eine wichtige Rolle. Sie selbst stammen aus einem völlig anderen sozio-kulturellen und politischen Milieu.

Ich sehe diesen Widerspruch. Es ist schwierig, der muslimischen Kultur Mindanaos gerecht zu werden. Aber das Problem der Fremdheit habe ich mit allen meinen Filmen. Inzwischen habe ich weit bessere Recherchemöglichkeiten als früher. Ich weiß jetzt mehr über unsere muslimischen Brüder, die ebenso Filipinos sind wie wir Christen aus dem Norden. Letztlich geht es um das gegenseitige Verstehen. Die Wunden, die den Muslimen lange Zeit zugefügt wurden, sind tief. Es wird Jahrzehnte des ehrlichen Entgegenkommens und der Vergebung auf beiden Seiten der Nation bedürfen, bis sie verheilt sind.

Wie konnten Sie Isabelle Huppert für den Film gewinnen?

Reiner Zufall. 2009, als mein Film „Kinatay“ in Cannes einen Preis gewann, war sie Vorsitzende der Wettbewerbsjury. Wir waren uns zwar sympathisch, aber ich dachte nicht, sie wiederzusehen. Dann traf ich sie bei einem Filmfest in Sao Paulo in Brasilien wieder. Ich ergriff meine Chance. Hupperts Interesse war geweckt, sie war vor 30 Jahren mal als Rucksacktouristin auf den Philippinen. Und sie fühlte sich auch an die Geschichte der einstigen kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt erinnert, die verschleppt und jahrelang von der linken Terrororganisation FARC im Dschungel festgehalten wurde.

Vor und während der Dreharbeiten haben Sie eine Nachrichtensperre verhängt. Warum?

Es ging in erster Linie um die Sicherheit am Set. Einer unserer Drehorte lag in Quezon, einer armen, ländlichen Provinz, in der teils maoistische Rebellen der Neuen Volksarmee (NPA) das Sagen haben. Unser Basislager und Set wurden rund um die Uhr von schwer bewaffneten Militärs bewacht. Die sollten wohl auch dafür sorgen, dass die Waffen, die wir für die Drehs benutzten, nicht in die Hände der NPA fielen. Wir hatten zudem einen Deal mit den Rebellen: Wir zahlten ihnen eine „Revolutionssteuer“ und blieben dafür unbehelligt.

Gab es Probleme mit dem Militär?

Ja. Wir brauchten Militärgerät, Soldaten, Kasernengelände. Also reichte ich das Drehbuch zur Begutachtung ein. Eine der Bedingungen der Armee war, nicht zu erwähnen, dass einige Offiziere Waffen an die Abu Sayyaf verschachert hatten und dass man die Terroristen gegen Beteiligung an den Lösegeldern mehrfach entkommen ließ. Ich sagte zu. Zuerst lief alles gut. Als jedoch klar wurde, dass der Film kein Loblied auf das Militär werden würde, bekam ich Schwierigkeiten.

Das Interview führte Axel Estein.

Captive 15. 2.: 15 Uhr, Friedrichstadtpalast; 19. 2.: 21.45 Uhr, Friedrichstadtpalast.