Berlin - Leistung und Erfolg müssten in Berlin wieder mehr Wertschätzung erfahren, sagt Sybille von Obernitz, die seit Anfang Dezember für die CDU im rot-schwarzen Senat das Ressort für Wirtschaft, Technologie und Forschung leitet. Sie will sich auch um den Nachschub von Fachkräften kümmern.

Frau von Obernitz, Sie wollen die Wirtschaft voranbringen und müssen mit als erstes die Pleite des Solarunternehmens Solon kommentieren. Kein schöner Start.

Nein, aber mein Eindruck ist, dass alle Beteiligten sorgfältig nach Lösungen gesucht haben.

Ist es richtig, dass Berlin 25 Millionen Euro abschreiben muss, wie Finanzsenator Nußbaum sagt?

Das ist eine Schätzung. Die konkrete Zahl wissen wir erst, wenn die Insolvenz durchgerechnet ist.

Wie intensiv haben Sie sich mit Landespolitik beschäftigt, bevor Sie gefragt wurden, Senatorin zu werden?

Mein Fokus war im Detail natürlich die Bundespolitik. Aber als Bürgerin dieser Stadt und als politischer Mensch habe ich auch die Geschehnisse auf der Landesebene verfolgt.

Sie haben einen Teil Ihres bisherigen Berufslebens bei Industrie- und Handelskammern verbracht. Hat die IHK Sie vorgeschlagen?

Das müssten Sie die IHK fragen. Ich sitze definitiv nicht für die Industrie- und Handelskammer am Senatstisch. Außerdem glaube ich, es ist für die Unternehmen ein Vorteil, dass ich aus einer unternehmerischen Organisation komme, die ein breites Spektrum abdeckt.

Sie haben viele Jahre als Bildungsexpertin gearbeitet. Wie bringen Sie diese Kompetenz ein?

Etwa beim Thema Sicherung von Fachkräften für Unternehmen. Das spielt eine große Rolle für die Zukunftsfähigkeit eines Standorts. Es ist hilfreich, wenn man wie ich dabei das deutsche Berufsbildungssystem gut kennt. Ich habe in Ausbildungsfragen immer auch intensiv den Kontakt mit Gewerkschaften gepflegt und weiß daher, wie man mit unterschiedlichen Interessenlagen umgehen muss. Da bin ich gut geschult, vielleicht sogar gestählt.

Wo gibt es am meisten zu tun?

Zum einen lässt sich das Angebot an Ausbildungsplätzen in Berliner Unternehmen sicher noch steigern. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass eine deutlich höhere Zahl junger Menschen wirklich ausbildungsreif die Schulen verlässt. Die Unternehmen können nicht einfach so nachholen, was an anderer Stelle versäumt worden ist.

Die Klage über mangelnde Ausbildungsreife gibt es schon lange. Müssen auch Unternehmen mehr tun?

Viele Unternehmen tun längst sehr viel und geben Schülern eine Chance, deren Bewerbungen sie früher einfach aussortiert hätten. Das ist angesichts einer demografischen Lage, wo man jede und jeden braucht, richtig. Wir können aber nicht auf eine gute frühkindliche und schulische Bildung verzichten. Und natürlich brauchen wir auch die Mitwirkung der Eltern.

Wollen Sie sich stärker in die Schulpolitik einmischen?

Einmischen ist nicht mein Stil. Ich tausche mich mit meiner Senatskollegin Frau Scheeres aber sehr gerne über bestimmte Dinge aus, wenn sie das möchte.

Sie plädieren für einen „Mentalitätskick“, für mehr Wertschätzung von Leistung. Sind die Berliner zu faul?

Mit pauschalen Aussagen halte ich mich zurück. Ich finde aber schon, dass zum Thema Lebenschancen nicht nur das Bereitstellen, sondern auch das Ergreifen von Chancen gehört. Das ist meine Botschaft an die jungen Menschen in dieser Stadt: Sie müssen einen Beitrag leisten, wenn sie ein selbstbestimmtes Leben führen wollen.

Hat Berlin da viel Nachholbedarf?

Wir haben in Berlin im Pisa-Ländervergleich eher schwache Ergebnisse. Ich glaube, da ist mehr möglich. Außerdem sollten wir viel freier mit Begriffen wie Aufstieg, Erfolg, Leistung, Elite umgehen. Wir brauchen eine Kultur, in der man neidfrei anerkennen kann, wenn jemandem etwas sehr gut gelingt. Das fängt schon damit an, ob gute Schüler gleich als Streber abqualifiziert werden oder nicht.

In Berlin setzt man eher auf Freiheit, Individualität oder Selbstverwirklichung als auf klassische Karriere.

Freiheit, Leistung und Selbstverwirklichung sind für mich keine Gegensätze. Im Gegenteil: Wenn man im Leben etwas erreicht hat, bringt man sich immer mehr in eine Situation innerer Freiheit.

Was war Ihrer Ansicht nach richtig in der rot-roten Wirtschaftspolitik?

Es war eine richtige Entscheidung, den politischen Fokus auf die sogenannten Cluster, also die Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft in wichtigen Zukunftsbranchen zu legen und dabei die gesamte Region einzubeziehen.

Was war falsch?

Mein Naturell ist, nach vorne zu schauen: Wir haben vereinbart, auf ein Zusammenwirken aller Akteure der Wirtschaftsförderung hinzuarbeiten. Das unterstütze ich sehr.

Was kann regionale Wirtschaftspolitik überhaupt leisten? Für Konjunkturprogramme und satte Subventionen haben Sie kein Geld.

Die Fachkräftesicherung zum Beispiel lässt sich regional gut organisieren. Auch ein wirtschaftsfreundliches Klima ist existenziell für die Entscheidung, ob ein Unternehmen am Standort bleibt, sich entwickeln kann oder ob es herkommt. Da geht es nicht nur um harte Fakten wie Steuern oder Subventionen. Man braucht zudem eine serviceorientierte Verwaltung, verlässliche Ansprechpartner in der Politik, Rechtssicherheit. Und ich muss sagen, in diesen Dingen ist meine Behörde schon sehr weit. Ich bin sehr beeindruckt vom Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier im Haus. Das hilft mir außerordentlich.

Im Wahlkampf versprach die heutige Opposition bis zu 150 000 neue Jobs. Lassen Sie sich daran messen?

Ich weiß, dass ich daran gemessen werde. Da mache ich mir nichts vor.

Das Gespräch führten Jan Thomsen und Sabine Rennefanz.