Deutschlands beste Schachspielerin: „Mit Schlausein hat das nichts zu tun“

Elisabeth Pähtz erklärt, wie sie sich als Frau und Ostdeutsche in der Schachwelt durchgekämpft hat – und wie der Ukrainekrieg die Turniere durcheinanderbringt.

Elisabeth Pähtz ist Deutschlands beste Schachspielerin. 
Elisabeth Pähtz ist Deutschlands beste Schachspielerin. Benjamin Pritzkuleit

Die Feiertage hat Elisabeth Pähtz nicht zu Hause in Bestensee verbracht, sondern in Kasachstan, wo Ende des Jahres die Weltmeisterschaft im Schachspielen stattfindet. Pähtz, 37, geboren in Erfurt, ist seit vielen Jahren Deutschlands beste Schachspielerin, trägt seit diesem Jahr als erste Deutsche den Titel „Großmeisterin“ und hat gerade ein Buch veröffentlicht: „Wer den vorletzten Fehler macht, gewinnt“. Ihr Freund Fabio ist zu Hause, als wir das Interview führen, kurz vor der Abreise nach Kasachstan. Er erzählt, wie er, als er Elisabeth kennenlernte, von ihr wissen wollte, was sie denn so mache. Sie antwortete: Schachspielen. Er sagte: Nee, beruflich. Und war erstaunt, als sie antwortete, das sei ihr Beruf.

Elisabeth Pähtz lächelt. Die Reaktion ihres Freundes hat sie nicht überrascht. Sie muss das oft erklären, dass Schach ein Profisport ist wie andere Sportarten auch, dass sie damit ihr Geld verdient. Und weil man sich beim Schach duzt, machen wir das nun auch beim Interview an ihrem Küchentisch so. Es geht gleich los: anderthalb Stunden, hoch konzentriert. Fabio serviert Brötchen und Wasser. Elisabeth Pähtz aber isst nichts, trinkt nichts, antwortet schnell und entschieden. Ein bisschen hat man das Gefühl, man spiele selbst gerade eine Partie Schach mit ihr.

Elisabeth, als ich Freunden erzählt habe, dass ich die beste deutsche Schachspielerin interviewe, kam sofort die Frage, warum Frauen und Männer eigentlich nicht gegeneinander spielen, ob die Männer schlauer sind. Was würdest du antworten?

Dass das mit Schlausein nichts zu tun hat, sondern damit, dass Männer und Frauen anders sind, evolutionär bedingt. Männer haben sich früher ausschließlich der Jagd gewidmet, Frauen verschiedene Sachen gleichzeitig gemacht: Kinder, Haushalt, kochen, Familie. Und diese Prägung merkt man bis heute. Jungen oder Männer können sich mit ein- und demselben Spiel oder Hobby über sechs Stunden und mehr beschäftigen. Ich habe das bei meinem Bruder gesehen. Wenn er nach einem Turnier nach Hause kam, hat er sein Spiel gleich nochmal durchgespielt.

Bei Frauen treten nach fünf Stunden mehr Fehler auf

Das gleiche Spiel nochmal?

Ja. Ich habe mich vielleicht mal für eine Stunde zu meinem Bruder dazu gesetzt, habe dann aber was anderes machen wollen, mit Barbies spielen oder so. Das ist einer der Aspekte, warum Männer besser sind im Schach: Sie trainieren intensiver und lassen sich weniger leicht ablenken.

Und der andere?

Es gibt Wissenschaftler, die sagen, es liegt am Testosteron. Das Hormon sorgt für eine höhere Risikobereitschaft, die in bestimmten Phasen der Schachpartie wichtig ist. Außerdem gibt es eine physische Komponente: Bei Frauen treten nach vier, fünf Stunden mehr Fehler auf, was damit zu tun hat, dass Männer mehr Energie und Kraft haben.

Dann ist die Netflix-Serie „Damengambit“, in der eine junge Frau in kurzer Zeit die besten Männer der Welt schlägt, also reine Fiktion?

Das ist ein wunderschönes Märchen, hat aber nichts mit der Realität zu tun. Aber für den Schachsport war die Serie gut, weil sich plötzlich mehr Mädchen dafür interessiert haben.

Du kommst aus einer Familie, in der alle Schach spielen, auch deine Mutter.

Ja, sie hat mit ihrer Schwester Kreismeisterschaften in Thüringen gespielt. Als sie meinen Vater in einer Bar kennengelernt hat, fragte sie ihn als Erstes, ob er Schach spielen kann. Mein Vater sagte ja, und dann haben sie sich zu einer Partie verabredet. Dann sagte er zu ihr, er brauche das Brett beim Spielen nicht zu sehen, er spiele blind.

Und hat trotzdem gewonnen?

Ja. Er war einer der besten Schachspieler in der DDR, was sie nicht wusste.

Und wer hat dir das Schachspielen dann beigebracht, deine Mutter oder dein Vater?

Keiner von beiden. Mein Vater hat professionell Schach gespielt, mein Bruder schon mit vier Jahren angefangen, beide haben ständig an Turnieren teilgenommen und mich haben sie immer mitgenommen. Es war die Wendezeit, meine Mutter hat eine Umschulung gemacht und viel gearbeitet. Ich habe es durchs Zuschauen gelernt und dann selbst angefangen zu spielen.

Was ist deine erste Erinnerung ans Schachspielen?

Ein Turnier in Altensteig 1990, wo ich gegen eine fünf Jahre ältere Spielerin gewonnen habe. Neulich erst hat mir eine Frau geschrieben, die mich damals betreut hat, sie erinnere sich noch, wie ich knieend auf dem Stuhl hockte und die Gegnerin fragte, ob sie nicht wisse, wie die Eröffnung weitergehe.

Wie sah dein Alltag als Kind aus?

Mein Vater hatte eine Trainingsgruppe und wir haben uns dreimal in der Woche getroffen. Ich war das einzige Mädchen. Wir haben nicht nur Schach, sondern auch Fußball und Karten gespielt.

Was ist die wichtigste Eigenschaft, die man als Schachspielerin braucht?

Konzentration, Kreativität, mentale Stärke, keine Angst vor Entscheidungen haben. In wichtigen Phasen des Spiels hast du manchmal drei, vier Möglichkeiten, einen Zug zu machen, und wenn du dich aus Angst für den vorsichtigen entscheidest, wirst du nicht gewinnen. Ich bin leider nicht so selbstbewusst wie viele meiner Kolleginnen, aber je älter ich werde, desto besser kann ich meine Angst besiegen.

Ich sah aus wie ein Nerd, hatte wenig Freunde und wurde oft gehänselt.

Elisabeth Pähtz, Deutschlands beste Schachspielerin

Woher kommt deine Angst?

Ich war auf dem Sportgymnasium in Erfurt die einzige Schachspielerin und anders als meine Mitschüler, die Eisschnellläufer, Radfahrer, Leichtathleten, Schwimmer waren. Ich sah aus wie ein Nerd, trug die viel zu großen Hemden meines Vaters, hatte wenige Freunde, wurde oft gehänselt. Auf einer Klassenfahrt wurde ich mit Alkohol übergossen und mit Lippenstift bemalt. Meinen Eltern habe ich nichts davon gesagt, sie nur darum gebeten, dass ich Schule wechseln darf. Am wohlsten habe ich mich auf Schachturnieren gefühlt, wo alle so waren wie ich, da hatte ich Freunde und mein soziales Leben. In der Schule habe ich nur versucht, den Tag zu überstehen.

Warst du gut in der Schule?

Ich war gut im Auswendiglernen. Ich habe mir die Seiten aus Lehrbüchern im Kopf abfotografiert, und wenn dann Wissen abgefragt wurde, konnte ich in Gedanken an die Stelle im Buch gehen, wo die richtige Antwort stand. Das hat mir in vielen Fächern das Leben erleichtert.

Wie hoch ist dein IQ?

Das weiß ich gar nicht. Um ein guter Schachspieler zu sein, musst du auch nicht einen besonders hohen IQ haben. Du brauchst andere Fähigkeiten: gutes Gedächtnis, Kreativität, Ehrgeiz, mentale Stärke, Konzentration. Mein Bruder hat einen überdurchschnittlichen IQ, ist auf eine Mathe-Spezialklasse gegangen, hat dann aber nicht weiter Schach gespielt.

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Benjamin Pritzkuleit
Biografie
Elisabeth Pähtz wurde 1985 in Erfurt geboren, ging auf Sportschulen in Erfurt und Dresden, machte eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin. Den Beruf übte sie nie aus, denn sie ist Profischachspielerin. 1999, mit 14, wurde sie erstmals deutsche Frauenmeisterin, 2018 Europameisterin im Schnellschach. 2022 erhielt sie als erste deutsche Frau den Titel Großmeister. In ihrem Buch „Wer den vorletzten Fehler macht, gewinnt“, im Westend-Verlag erschienen, erzählt sie, wie es für eine junge Frau ist, sich in der männerdominierten Schachwelt durchzusetzen.

Warum nicht?

Er war Deutscher Meister, aber der Schachverband hat immer wieder einen Grund gefunden, warum er nicht zur EM oder WM fahren darf. Die Konkurrenz im Kinder- und Jugendbereich weltweit ist bei den Jungen größer, er hatte dadurch vergleichsweise weniger Medaillenchancen. Ich als bestes deutsches Mädchen durfte zu diesen Wettkämpfen fahren, meine Medaillenchancen waren hoch, was wiederum für den Verband gut war. Das war so schwer für meinen Bruder, dass er sich vom Schach abgewendet hat. Es gab insgesamt viel Neid auf uns Ostdeutsche damals in den Neunzigern. Von den fünf Kindern, die in der Trainingsgruppe meines Vaters waren, sind gleich vier mehrfache deutsche Meister geworden. Es wurde geschrieben, dass er uns schlagen würde und so ein Unsinn.

Warum wart ihr erfolgreicher als die westdeutschen Kinder?

Ich glaube, es lag daran, dass es uns nicht so gut ging. Im Westen hatten die Kinder mehr Möglichkeiten, mehr Luxus, mehr Ablenkung.

Viel Neid, wenig Wertschätzung

Ist das auch deine Erfahrung heute, dass Schachspieler, die aus ärmeren Verhältnissen kommen, besser sind?

Ja! Es gibt im Juniorenbereich allein sieben, acht Inder, die sich in der Top 10 befinden. Schach ist ihre Chance, sich aus ihren Verhältnissen herauszukämpfen, richtig gut zu werden. Sie sind hungriger, haben mehr Motivation. Auch Russen, Ukrainer, Armenier sind sehr gut. Ich habe mich schon als Kind immer sehr von der osteuropäischen Mentalität angezogen gefühlt, mich mit den Leuten gut verstanden, mich in den Ländern wohler gefühlt.

Weißt du, woran das liegt?

Nicht so richtig. Vielleicht liegt es am Neid. Wenn du in Deutschland erfolgreich bist, bekommst du nicht viel Wertschätzung dafür. Das ist in diesen Ländern anders.

Wie ist es jetzt, in Zeiten des Krieges, mit Russen und Ukrainern zu spielen?

Kompliziert. Im März, kurz nach Kriegsausbruch, haben wir einen Einsatz in der Damenbundesliga in Hamburg gehabt und mussten Alexandra Kosteniuk, die beste russische Spielerin in unserem Team, kurzerhand wieder ausladen. Der Grund hierfür war, dass wir auch zwei Ukrainerinnen im Team haben, die sich weigerten, mit der Russin zu spielen. Auch war zu diesem Zeitpunkt nicht klar, ob Alexandras Sicherheit gewährleistet ist. Als mein Kapitän und ich sie einige Monate später für die Endrunde der Bundesliga kontaktierten, schrieb sie mir, wie schwer das alles für sie war, sagte dann aber dennoch für die letzten Spiele zu. Und wir baten dann die Ukrainerinnen, diesmal zu verzichten. Wir wollten damit symbolisieren, dass wir hier keinen Krieg führen, dass es uns nicht um Nationen geht, sondern um die Menschen.

Auf Ukrainerinnen lastet großer Druck

Wie begründen die Ukrainerinnen, dass sie nicht gegen die Russin spielen wollen?

Die beiden stärksten ukrainischen Spielerinnen in unserem Team, zwei Schwestern, sagen, dass sie als illoyal gelten würden und das einen Spießrutenlauf im eigenen Land zur Folge hätte. Der Druck auf sie ist sehr groß. Die Schwestern spielen jetzt auch nicht bei der WM in Kasachstan mit, weil sie dort zu 99 Prozent auf Russen treffen würden.

Das heißt, der Krieg bringt die gesamte Schachwelt durcheinander?

Ja, für das wichtigste WM-Qualifikationsturnier, das Kandidatenturnier, wurde extra das Format geändert, der Wettbewerb als K.-o.-System mit zwei Pools veranstaltet. In einem Pool waren die zwei Ukrainerinnen, eine Inderin und eine Chinesin, in dem anderen drei Russinnen und eine Chinesin. Die Siegerin des einen Pools spielte dann gegen die des anderen Pools, in der Hoffnung, dass nicht eine Ukrainerin auf eine Russin treffen würde. Und so war es dann auch. Beide Pools wurden von den Chinesinnen gewonnen, die im nächsten Jahr das Finale austragen werden.

Gibt es Diskussionen darüber, ob Russen überhaupt noch spielen dürfen – wie bei anderen Sportarten?

International ist Russland bei Mannschaftswettkämpfen gesperrt, aber nicht beim Einzel. Die EU gibt aber vielen von ihnen kein Visum mehr. Und auch für uns hat es Folgen. Das Bundesministerium des Innern hat gerade sämtliche Zuschüsse für Welt- und Europameisterschaften im Jugend -und Erwachsenenbereich für 2023 gestrichen, da dort im Einzel Russen und Weißrussen immer noch mitspielen dürfen. Deutsche Spieler müssen damit die Kosten für ihre Turnierteilnahme größtenteils selbst tragen. Es wurde einfach so entschieden, obwohl wir Spieler keinen Einfluss darauf haben, ob die Russen spielen oder nicht. Ich merke gerade, wie hochpolitisch der Sport geworden ist, bei Corona fing das schon an.

Inwiefern?

Für die Turniere galt 2G, aber der Nachweis galt nur, wenn du im richtigen Land geimpft oder genesen warst. Das hieß, dass eine Russin, die mit Sputnik geimpft war und in unserer Mannschaft spielt, nicht mehr mitspielen durfte. Sie galt als ungeimpft, weil Sputnik nicht anerkannt wurde. Auch Aserbaidschaner, die in ihrer Heimat Biontech bekamen, konnten nicht in Deutschland spielen. Ein Aserbaidschaner hat sich in seiner Heimat und zusätzlich noch einmal in Deutschland mit Biontech impfen lassen, damit er hier spielen konnte. Ein ägyptischer Kollege hat sich in Ägypten nicht impfen lassen, sondern ist extra nach Dubai geflogen, um in Deutschland antreten zu können. Eine Impfung in Dubai wurde akzeptiert.

In der Bundesliga wurde eine Georgierin mit einem Genesenenstatus nicht anerkannt. Sie war im falschen Land genesen.

Elisabeth Pähtz, Schachspielerin

Wie hat das alles die Turniere verändert?

Der internationale Schachverband hat alle wichtigen Turniere in Länder verlegt, wo es 3G gab, also auch negative Tests galten, nach Riga zum Beispiel. Aber in der Bundesliga wurde eine Georgierin mit einem Genesenenstatus nicht anerkannt. Sie war im falschen Land genesen.

Ist es neu, dass Politik beim Schach so eine große Rolle spielt?

Es gab immer schon Probleme, vor allem wenn es um Iraner und Israelis geht. Ein Iraner tritt nicht an, wenn er mit einem Israeli gepaart wird, weil er sonst in seinem Land eine horrende Strafe bekommen würde. Ein Turnier in Barcelona ist kürzlich in die Schlagzeilen gekommen, weil ein Iraner gegen einen Israeli gepaart wurde und der Iraner nicht angetreten ist.

Wie kommt es eigentlich, dass so viele Ukrainer und Russen und Georgier hier in der Bundesliga spielen?

Die ausländischen Spieler sind meist stärker als die deutschen. Wir haben Mannschaften, bei denen nicht eine Deutsche am Start ist. Auch das war in der Pandemie ein Problem: Wir hatten plötzlich Personalmangel.

Du bist ja auch schon seit Ewigkeiten die beste deutsche Spielerin.

Ja, seit ich 17, 18 bin.

Wie kommt es, dass dich niemand einholt?

Schach ist nicht so populär in Deutschland, und es gibt auch nicht so gute Förderprogramme oder so gute Ausbilder wie meinen Vater. Jetzt gibt es ein Powergirls-Programm für Frauen unter 24. Und eine Frau, eine Russin, die einen deutschen Großmeister geheiratet hat, könnte bald die neue Nummer 1 werden. Sie ist 22 und sehr ambitioniert.

Habt ihr schon gegeneinander gespielt?

Ja, einmal beim Grandprix.

Und?

Ich habe gewonnen, aber am Ende des Turniers hat sie besser abgeschnitten. Und ich glaube, sie wird mich bald einholen. Mein Energielevel ist nicht vergleichbar mit dem einer 22-Jährigen, die einfach viel mehr Kraft hat, ein Turnier über elf Runden zu bestreiten.

Ist das schwer für dich?

Nein. Ich bin froh, wenn es endlich eine Neue gibt, die die Teamleader-Rolle übernimmt. Ich bin 37 Jahre alt und merke, dass ich nicht mehr lange so viel professionell spielen will. So ein Turnier kostet viel Energie und Kraft, man ist ständig unterwegs, und ich habe gemerkt, dass Unterrichten von zu Hause aus auch Spaß macht.

Wie bereitest du dich auf so ein Turnier wie die WM vor?

Ich mache viel Spinning, vier- bis fünfmal die Woche Kardiotraining, Kraftausdauer. Ich merke, dass es hilft, im Kopf und am Gewicht; ich bin einfach fitter.

Und Ernährung?

Spielt bei mir keine Rolle, genauso wenig, ob ich am Abend vorher Alkohol trinke oder nicht. Ich mache das, worauf ich Bock habe. Die Weltmeisterschaften 2005 habe ich gewonnen, obwohl ich in der Nacht vorher bis um vier oder fünf in der Bar war.

Vor dem Spiel ein Glas Wein

Weil du noch unter Adrenalin standest, als du gespielt hast?

Ja, und vor allem war wichtig, dass ich psychisch nicht unter Druck stand. Party und Tanzen haben mich abgelenkt. Die psychische Stabilität war viel wichtiger als die physische Kondition. In meiner Jugend war das so, jetzt würde ich das sicher nicht mehr durchhalten.

Du hast einmal, schreibst du in deinem Buch, Ärger bekommen, weil du bei einem Turnier Wein getrunken hast. Was war passiert?

Eine Mannschaftskollegin hatte in ihren Blog geschrieben, dass ich gegen meine Angstgegnerin spielen muss; das hat mich so fertiggemacht und unter Druck gesetzt, dass ich vor dem Spiel ein Glas Wein getrunken habe, um ruhiger zu werden.

Hat es geholfen?

Leider nicht. Ich war total gelähmt, habe verloren und war dann so sauer, dass ich auch zum Mannschaftstreffen mit einem Glas Wein gekommen bin. Daraufhin hat mich unser Kapitän in den letzten beiden Runden gesperrt. Für mich fühlte sich das wie ein Verrat an. Ich hatte den Kapitän vorher gebeten, dafür zu sorgen, dass der Blogeintrag gelöscht wird, und er hatte nur gefragt, was ich denn wolle, jeder wisse doch, dass das meine Angstgegnerin sei.

Du bist dann sogar aus der Nationalmannschaft ausgetreten.

Ja, das hatte aber ganz andere Gründe.

Welche denn?

Ich war jahrelang die Nummer 1, habe viele Medaillen für Deutschland geholt, aber was finanzielle Zuschüsse betraf, wurde ich immer wieder vertröstet. Da hieß es: Wenn du mal unter den Top 10 bist und 2500 Elopunkte hast, wird sich alle ändern. Dann war ich unter den Top 10 und hatte 2500 Punkte, und es änderte sich immer noch nichts. Dazu kam noch, dass der Bonus für die Platzierungen unterschiedlich hoch war. Männer, die unter den Top 6 landeten, bekamen das Doppelte wie Frauen in der gleichen Position. Obwohl die Fördergelder vom Innenministerium absolut gleich waren, für Männer und Frauen. 2018 habe ich nochmal einen Brief geschrieben, wurde wieder vertröstet, und 2019 habe ich dann gesagt: Das war’s.

Und dann?

Ich habe ein Jahr nicht gespielt, wollte nichts mehr für den Deutschen Schachbund tun, bin dann aber auf eigene Kosten zur Europameisterschaft der Frauen gefahren, um zu zeigen, dass ich sie nicht brauche – und wurde dann geteilte Erste.

Als Frau diskriminiert und benachteiligt

Geteilte Erste?

Das heißt, den ersten Platz haben sich drei Spielerinnen geteilt. Es war einer meiner größten Erfolge, und danach sind sie endlich auf mich zugekommen. Ich konnte meine Bedingungen stellen, und seitdem sind die Zuschüsse, Prämien und Boni gleich. Und ich habe durch meinen Rückzug erreicht, dass wir jetzt ein Vorzeigeverband sind.

Haben sich die anderen Frauen dafür bedankt?

Nein, aber darum ging es mir auch nicht. Ich habe es aus Prinzip gemacht, weil ich es nicht in Ordnung finde, dass wir diskriminiert und benachteiligt werden.

Hat dein Vater dich darin unterstützt?

Ja, er hat mir Mut gemacht, immer wieder gesagt, dass ich handeln muss, nicht nur reden. Und er hatte recht, ich hätte diesen Schritt viel eher gehen müssen.

Kommt er noch mit auf Turniere?

Gerade jetzt in Polen war er mit. Er hat selbst gespielt und den Seniorenwettbewerb gewonnen.

Spielt ihr manchmal privat?

Nee, nie.

Auch nicht mit deiner Mutter?

Meine Mutter hat aufgehört, gegen uns zu spielen, als ich sechs war. Weil sie keine Chance mehr hatte.

Und mit deinem Freund?

Auch nicht, aber er verbessert sich, spielt immer über eine App, für die ich auch arbeite.

Welche Schachfigur ist deine Lieblingsfigur?

Der Springer.

Warum?

Der kann halt springen, ist die einzige Figur, die komplett anders zieht als alle anderen Figuren. Das entspricht auch meinem Charakter.